Über das Ende der Streetscooter-Produktion in Aachen und Düren war lange spekuliert worden, nun ist es offiziell: Die Deutsche Post DHL zieht noch in diesem Jahr den Stecker. Das DHL-Tochterunternehmen werde nur noch bestehende Aufträge abwickeln und die Produktion der Elektro-Transporter anschließend einstellen, gab das Unternehmen jetzt bekannt. „Wir haben immer gesagt, dass wir kein Autohersteller sein wollen. Eine weitere Skalierung ohne den richtigen Partner entspricht nicht unserer langfristigen strategischen Zielsetzung“, sagte Frank Appel, CEO der Deutsche Post DHL Group.

Als einen Grund für die beendete Suche nach einem Käufer nannte die Post die „aktuellen weltwirtschaftlichen Unsicherheiten“, die auf das Corona-Virus zurückzuführen sind. Die weltweit grassierende Epidemie belastet den international agierenden Konzern in seinem Kerngeschäft bereits so stark, dass der für dieses Jahr angepeilte Betriebsgewinn von fünf Millionen Euro immer unwahrscheinlicher werde. Die Streetscooter GmbH ist damit ein erstes Opfer des Sparprogramms, das nun bei der Deutschen Post anläuft. Verständlich: Der Bau der Elektro-Lieferwagen hatte die Bilanz des Konzern bereits 2019 mit 100 Millionen Euro belastet.

500 Mitarbeiter müssen sich neue Jobs suchen

Was mit den beiden Produktionsstätten in Aachen und Düren mit einer Fertigungskapazität für insgesamt 20.000 Fahrzeuge passiert, ist noch völlig offen. Die Deutsche Post spricht von „Anpassungsaufwendungen zwischen 300 bis 400 Millionen Euro“, verursacht vor allem durch Wertminderungen im Anlagevermögen und Ausgaben für einen Sozialplan: Streetscooter beschäftigt aktuell noch rund 500 Mitarbeiter, von denen die meisten wohl gehen müssen. Bleiben soll vorerst nur ein kleines Team, um die rund 15.000 Fahrzeuge zählende Streetscooter-Flotte bei der Post und anderen Unternehmen zu warten. Postchef Appel ist zuversichtlich, dass viele Beschäftigte von Streetscooter schnell einen neuen Job finden werden. Denn das Thema Elektromobilität habe Konjunktur. „Und wir wissen, wie wertvoll diese Mitarbeiter sind.“

Der neue Chef des Aachener Elektroauto-Herstellers frischt die Modellpalette auf und baut sein Team um. Auf diese Weise soll das Tochterunternehmen der Deutschen Post DHL erst profitabel - und dann verkaufsfertig gemacht werden. Elektroauto

Streetscooter war 2010 von den Professoren Achim Kampker und Günther Schuh als Spin-off der RWTH Aachen gegründet worden. Die Idee war die Produktion von soliden wie einfachen Elektrotransportern für den Kurzstrecken- und Verteilverkehr, angepeilt war ein Verkaufspreis von 5000 Euro zuzüglich Batteriemiete. Der erste voll funktionsfähige Prototyp, hergestellt mit Teilen aus einem 3-D-Drucker, wurde 2014 präsentiert – noch im gleichen Jahr begann in Aachen eine erste Kleinserienproduktion. Einer der ersten Kunden wurde die Deutsche Post, die zuvor vergeblich versucht hatte, Elektrotransporter für den eigenen Zustellbetrieb von etablierten Autoherstellern zu bekommen.

e-Go-Gründung mit Streetscooter-Millionen

Der damalige Post-Vorstand Jürgen Gerdes, der das Ziel verfolgte, die gesamte Postflotte in Deutschland unter Strom zu setzen, war von dem Unternehmen und seinem Konzept so überzeugt, dass die DHL Streetscooter im Dezember 2014 kaufte. Co-Gründer Schuh zog sich daraufhin aus dem Unternehmen zurück. Mit einem Teil der Einnahmen aus dem Streetscooter-Verkauf gründete er bald darauf ein neues Unternehmen – e.Go Mobile, einen Hersteller von elektrisch angetriebenen Kleinwagen für den Stadtverkehr.

Work in Silence
Streetscooter bot seinen Elektrotransporter zuletzt in drei Versionen und mit unterschiedlichen Radständen an, konnte damit zuletzt aber weder die Muttergesellschaft noch Kunden außerhalb des Post-Konzerns begeistern. Foto: Streetscooter

Kompagnon Kampker blieb bei Streetscooter, wurde zunächst Geschäftsführer und Beauftragter der Post für Elektromobilität. Erst im Frühjahr 2019, nach einem Streit mit Post-Chef Appel über die Ausrichtung der Elektroauto-Sparte, verließ der Ingenieur und Elektroauto-Pionier verärgert den Konzern, um sich wieder auf seine Lehrtätigkeit an der Aachener Hochschule zu konzentrieren. Seine Aufgabe als CEO von Streetscooter übernahm der ehemalige Volkswagen- und Ford-Manager Jörg Sommer. Doch auch das war nur ein Intermezzo: Anfang Februar, zehn Monate nach seinem Amtsantritt, schmiss auch Sommer hin und verließ das Unternehmen „in bestem gegenseitigem Einvernehmen mit sofortiger Wirkung, um sich einer neuen beruflichen Herausforderung zu widmen“, wie es in einer Pressemitteilung der Post hieß.

Verkauf nach China scheiterte

Der Aachener Professor Günther Schuh ist ein Phänomen. Er baut nicht nur Elektroautos, sondern künftig auch Kleinbusse. Mit Unterstützung von VW und ZF. Und auch ein Flugzeug ist auch in Planung. E-Mobilität

Wie sehr diese Auffassungen auseinander lagen, wird nun offenbar. Sommer hatte eine Kooperation mit dem chinesischen Autobauer Chery angestrebt, ab 2021 sollten jährlich bis zu 100.000 Fahrzeuge produziert werden. Diese hochfliegenden Pläne hatten sich aber ebenso zerschlagen wie der Versuch des Konzerns, Streetscooter an einen anderen Fahrzeughersteller – genannt wurde immer wieder Volkswagen – zu verkaufen. Interesse hatte unter anderem auch Gründer Günther Schuh bekundet. Doch den dürfte der Kaufpreis von 300 Millionen Euro abgeschreckt haben, den die Post angeblich aufrief. Zudem war Schuhs eigenes Unternehmen e.Go Mobile zwischenzeitlich selbst in finanzielle Bedrängnis geraten.

Konkurrenz schläft nicht länger

Und wie geht es nun weiter? Die Post wolle die Elektrifizierung ihrer Flotte fortsetzen, um das Ziel einer „Null-Emissionen-Logistik bis 2050“ zu erreichen, erklärte der Konzernchef. Auf Streetscooter ist er dabei nicht mehr angewiesen – inzwischen haben auch andere Autohersteller den Markt entdeckt. Post-Konkurrent Hermes hat erste „E-Vito“ und „E-Sprinter“ von Daimler gekauft, der Deutsche Paket-Dienst (DPD) hat „E-Crafter“ von Volkswagen in seine Flotte aufgenommen. Und auch MAN, Renault und Opel haben inzwischen Elektro-Transporter im Programm.

e-Crafter zum Kampfpreis
Volkswagen bietet seinen für den Paketdienst entwickelten elektrischen Kastenwagen (Nutzlast 998 Kilo, Reichweite 173 Kilometer nach NEFZ-Norm) inzwischen zu Preisen von 53.900 Euro und zu Leasingraten ab 499 Euro an – da kann Streetscooter nicht mithalten. Foto: Volkswagen

Gegen diese Riesen hat der Zwerg aus Aachen keine Chance mehr, zumal sich der Preis des Streetscooter inzwischen weit von der ursprünglichen Planung entfernt hat: Der Grundpreis allein für das elektrisch angetriebene Fahrgestell Work Pure (Batteriekapazität 40 Kilowattstunden) beträgt 38.450 Euro. Mit einem Kofferaufbau werden wenigstens 42.750 Euro fällig. Volkswagen bietet seinen e-Crafter mit über 170 Kilometer Reichweite inzwischen für 53.900 Euro an, den e-Caddy schon für eine monatliche Leasingrate von 259 Euro.

Obendrein gelten die Elektrotransporter von Streetscooter als nicht besonders zuverlässig. „Sie interessieren sich für einen Streetscooter? Dann müssen wir in die Werkstatt gehen“, lautete kürzlich die Antwort eines Händlers im Rheinland auf die Frage des Autors, der sich als Kaufinteressent ausgegeben hatte.

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5 Kommentare

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    Wenn Sie am Ball geblieben wären, hätten Sie inzwischen berichtet, dass auch Markus Dörr in der letzten Woche gegangen wurde. Man hätte offen diskutieren müssen, ob DHL überhaupt eine Schließung in Erwägung gezogen hätte, wenn er und CFO Arndt Stegmann hinter Jörg Sommer gestanden hätten.
    Sie hätten weiter hinterfragt, warum DHL in Bezug auf die StS-Schließung so scheinheilig argumentiert hat, bevor sie am 10. März ihre hervorragenden Geschäftszahlen veröffentlichten und die Dividenden erhöht haben.
    Sie hätten weiter recherchiert, dass sich die Corona-Situation alles andere als nachteilig für DHL entwickelt.
    Aber bei den derzeitigen Geschehnissen auf der ganzen Welt schert sich niemand um ’nur‘ 500 Arbeitsplätze in Aachen. Die viel interessantere Frage wird sein, welche DAX-Vorstände ihre Verträge und Boni durchsetzen, während der überwiegende Teil der Bevölkerung Existenzängste plagen.

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    Dieser Artikel strotzt nur so vor Fehlinformationen! Sie sollten sich schämen derart stümperhaft und nachlässig zu recherchieren und einfach nachzuplappern, was andere Blätter schon falsch veröffentlicht haben!!!

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    • Franz W. Rother

      Könnten Sie Ihre Vorwürfe bitte präzisieren? Wo sehen Sie „Fehlinformationen“?

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        „nachdem Verkaufsverhandlungen scheiterten“ – die Verhandlungen scheiterten daran, dass DPDHL nicht mehr verkaufen wollte, als 2 Interessenten gefunden waren, diese übrigens unabhängig voneinander.

        „Als einen Grund für die beendete Suche nach einem Käufer nannte die Post die „aktuellen weltwirtschaftlichen Unsicherheiten“, die auf das Corona-Virus zurückzuführen sind.“ – unwahr, die Schließung sollte auf der Bilanzpressekonferenz am 10. März bekannt gegeben werden, dies nun in den Corona-Zusammenhang zu verpacken, wurde kurzfristig entschieden und ist nichts anderes als PRtaktik.

        „Die Streetscooter GmbH ist damit ein erstes Opfer des Sparprogramms, das nun bei der Deutschen Post anläuft.“ – die Schließung war schon zuvor beschlossene Sache.

        500 Mitarbeiter müssen sich neue Jobs suchen – korrekt, ohne Rücksicht auf Verluste, die Bemühungen, ausgeschriebene Verwaltungs-Stellen bei DPDHL mit StS-Mitarbeitern zu besetzen, wurden abgelehnt.

        „Was mit den beiden Produktionsstätten in Aachen und Stolberg“ – es gibt keine Produktion in Stolberg, die zweite Stätte ist in Düren!

        „Postchef Appel ist zuversichtlich, dass viele Beschäftigte von Streetscooter schnell einen neuen Job finden werden.“ – da warten wir mal die aktive Unterstützung ab…
        „Und wir wissen, wie wertvoll diese Mitarbeiter sind.“ – für DPDHL offensichtlich nicht!

        „Der damalige Post-Vorstand Jürgen Gerdes, der das Ziel verfolgte, die gesamte Postflotte in Deutschland unter Strom zu setzen, war von dem Unternehmen und seinem Konzept so überzeugt, dass die DHL Streetscooter im Dezember 2014 kaufte.“ – seit Hr. Gerdes DPDHL verlassen mußte, wurde nur noch gegen StS gearbeitet.

        „Co-Gründer Schuh zog sich daraufhin aus dem Unternehmen zurück.“ – nein, wurde von den Amateuren gegangen.

        „Kompagnon Kampker: Erst im Frühjahr 2019, nach einem Streit mit Post-Chef Appel über die Ausrichtung der Elektroauto-Sparte, verließ der Ingenieur und Elektroauto-Pionier verärgert den Konzern, um sich wieder auf seine Lehrtätigkeit an der Aachener Hochschule zu konzentrieren.“ – nein, wurde erst vom CEO zum CIO degradiert und anschließend von den Amateuren gegangen.

        „Seine Aufgabe als CEO von Streetscooter übernahm der ehemalige Volkswagen- und Ford-Manager Jörg Sommer. Doch auch das war nur ein Intermezzo: Anfang Februar, zehn Monate nach seinem Amtsantritt, schmiss auch Sommer hin und verließ das Unternehmen „in bestem gegenseitigem Einvernehmen mit sofortiger Wirkung, um sich einer neuen beruflichen Herausforderung zu widmen“, wie es in einer Pressemitteilung der Post hieß.“ – korrekt, weil die Amateure alle Optionen an Kauf- und Partneroptionen, die der bisher einzig fähige CEO erarbeitete, ablehnten.

        „Verkauf nach China scheiterte“ – an den Amateuren.
        „Diese hochfliegenden Pläne hatten sich aber ebenso zerschlagen wie der Versuch des Konzerns, Streetscooter an einen anderen Fahrzeughersteller zu verkaufen.“ – wer behauptet, dass sich diese Pläne zerschlagen hätten? Jörg Sommer hat sich seinen Allerwertesten aufgerissen um StS auf vernünftige Beine zu stellen, hatte aber gegen die Amateure schlichtweg keine Chance und hat letztendlich absolut folgerichtig reagiert und ihnen den Mittelfinger gezeigt.

        „Gegen diese Riesen hat der Zwerg aus Aachen keine Chance mehr“ – wen wundert’s, wenn jegliche notwendige Unterstützung versagt wird? Hersteller wie VW, Daimler, etc. fangen ihre Investitionskosten durch andere Sparten auf.

        „Obendrein gelten die Elektrotransporter von Streetscooter als nicht besonders zuverlässig. „Sie interessieren sich für einen Streetscooter? Dann müssen wir in die Werkstatt gehen“, lautete kürzlich die Antwort eines Händlers im Rheinland auf die Frage des Autors, der sich als Kaufinteressent ausgegeben hatte.“ – das ist natürlich eine sehr seriöse und glaubwürdige Aussage eines derart kompetenten Autors … !?!

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        • Franz W. Rother

          Vielen Dank für die Insights. Die Punkte nehmen wir gerne auf und entschuldigen uns für den Fehler bezüglich des Standorts Stolberg. Wird sofort korrigiert. Und ja, die Aussage des Händlers war natürlich nur eine Stimme aus dem Vertrieb, die nicht repräsentativ sein muss. Wir werden am Ball bleiben und das Thema weiter verfolgen. Ich würde mich dann gerne noch einmal mit Ihnen persönlich austauschen.

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