Die Automotive-Industrie hat Tradition in Österreich. Sie generiert als einer der Hauptwirtschaftszweige fast die Hälfte der Exporte. Neben der Fertigung von Fahrzeugteilen liegt der Schwerpunkt zunehmend auf der Entwicklung. In Oberösterreich und der Steiermark forschen und testen hunderte Unternehmen, darunter auch deutsche Urgesteine der Branche.
Marion Biber, Head of “Invest in Austria” der Austrian Business Agency, berät Unternehmen aus aller Welt kostenlos bei Betriebsansiedelungen oder -erweiterungen in Österreich. Sie berichtet hier in einem Gastbeitrag von einigen Entwicklungen in ihrer Heimat zum Thema Mobilität der Zukunft.

Die gebürtige Wienerin ist seit 2004 bei der Agentur ABA und dort seit 2019 als „Head of Invest in Austria“ für die Vermarktung des Wirtschaftsstandortes Österreich im Ausland verantwortlich. Zuvor war die Wirtschaftswissenschaftlerin im Businesskundenmarketing bei T-Mobile Austria und als Unternehmensberaterin bei Roland Berger & Partner in München tätig.
Foto: Patricia Weisskirchner
Motoren für BMW aus Steyr
Das weltweit größte BMW-Motorenwerk mit 4.900 Mitarbeitenden – 700 davon in der Entwicklung beschäftigt – befindet sich in Steyr. Das Werk zählt zu den umsatz- und exportstärksten Industrieunternehmen in ganz Österreich. Hier werden jährlich über eine Million Benzin- und Dieselmotoren gebaut. Doch auch die E-Antriebstechnologie spielt eine immer größere Rolle. Seit August werden zusätzlich in Serie 600.000 E-Motoren pro Jahr produziert. Aktuell arbeiten die Entwickler in Steyr an einem völlig neuen Hochleistungs-Elektroantrieb. BMW will bis 2030 eine Mrd. Euro in das Werk investieren. Bis dahin soll rund die Hälfte der Fahrzeuge der BMW Group elektrifiziert sein.

Seit der Markteinführung der G-Klasse 1979 wird der legendäre Geländewagen in Graz von Magna Steyr hergestellt, seit 2024 auch in der neuen vollelektrischen Version. 2027 startet dort auch die Produktion des kleinen „Baby G“. Foto: Mercedes-Benz
Auch an dem Wasserstoff-Brennstoffzellensystem der dritten Generation von BMW ist das Werk Steyr beteiligt. Die Forschungsarbeiten erfolgten – gemeinsam mit Toyota – in dem Wasserstoff-Kompetenzzentrum der BMW Group in München, das auch die Prototypen fertigt. Steyr übernimmt mit der Industrialisierung die Entwicklungsleistungen, die für die Serienproduktion nötig sind. Die komplexen Brennstoffzellenantriebe werden von speziell geschulten Mitarbeitenden aus rund 150 Einzelteilen teils in Handarbeit montiert. Die Integration der Brennstoffzelle in den Fahrzeugantrieb findet ebenfalls in Steyr statt. Ab 2028 soll in Serie produziert werden.
Ein Mercedes-Klassiker aus Graz
Seit der Markteinführung der G-Klasse 1979 wird der legendäre Geländewagen in Graz von dem Auftragsfertiger Magna Steyr bzw. dessen Rechtsvorgängern hergestellt. Im August lief das 600.000ste Modell vom Band. Die G-Klasse ist die mit Abstand am längsten gefertigte Pkw-Baureihe in der Geschichte von Mercedes-Benz. 2024 wurde mit dem G 580 mit EQ-Technologie eine elektrisch angetriebene Version aufgelegt; der Durchbruch auf dem Markt soll nun mit einer neuen, deutlich kleineren elektrischen Version erreicht werden. Das Mini G oder sogar liebevoll „Baby G“ genannte Modell wird wohl ab 2027 zu erwerben sein.
Wasserstofftechnik für Bosch aus Linz
Bei der emissionsfreien Mobilität setzt Bosch auf Wasserstoff. Das Bosch Engineering Center in Linz ist für die Entwicklung von Common Rail Injektoren für Nutzfahrzeuge bekannt. Bosch ist hier Weltmarktführer. Nun aber wird in Oberösterreich auch an Technologien zur Wasserstoff-Infrastruktur und der Vereinfachung der Wasserstoffnutzung in der Praxis geforscht. Besondere Tankventile ermöglichen beispielsweise die sichere Befüllung und Entleerung von Wasserstofftanks; Einblasventile sorgen für die richtige Eindosierung des Wasserstoffs bei dem Betrieb eines Wasserstoffmotors.
Bosch ist auch in die Entwicklung von Komponenten für Elektrolyseure eingestiegen. Elektrolyseure spalten Wasser mit Hilfe von Strom per Elektrolyse in Wasserstoff und Sauerstoff auf. Bosch stellt mit seinem Elektrolyse-Stack das Kernstück eines Elektrolyseurs in Großserie her. Ein Bosch Hybrion PEM (Protonen-Austausch-Membran)-Elektrolyse-Stack besteht aus über hundert einzelnen Elektrolysezellen, die in Serie geschaltet sind. In Linz wird das komplette Stack-Design realisiert.
Schnelles und einfaches Laden
Die Freude an einem E-Fahrzeug wächst mit der Möglichkeit, bequem, schnell und günstig zu laden. Die Zulassungen von E-Autos steigen aktuell deutlich an. Ein wichtiger Grund ist, dass die öffentliche Ladeinfrastruktur in Deutschland und Österreich immer besser wird. Dazu trägt auch das 2021 in Frankreich gegründete Unternehmen Electra bei, das Schnellladestationen entwickelt, baut und unterhält.

Der in Frankreich gegründete Ladenetzbetreiber ist auf Expansionskurs. In Österreich will das Unternehmen bis Ende 2027 über 600 Schnellladepunkte aufbauen, vor allem in den Städten. Foto: Electra
Derzeit werden in neun Ländern rund 1.000 Ladepunkte betrieben, bis 2030 sollen es 15.000 an 2.200 Ladehubs werden. In Österreich etwa will Electra bis Ende 2026 ein flächendeckendes Netz in Städten und entlang der wichtigsten Verkehrsachsen errichten. Die neuen Stationen verfügen über Ladegeräte mit einer Leistung von bis zu 400 kW, so dass eine vollständige Ladung nur 20 bis 30 Minuten benötigt. Damit der Kunde die Wartezeit nutzen kann, werden bevorzugt Standorte vor Einkaufszentren, Supermärkten oder Hotels gewählt. Bei Abschluss des Ladevorgangs erfolgt eine Mitteilung über eine App. Mit der App lassen sich auch Ladepunkte im Voraus reservieren. Nutzt man Abo-Angebote, bewegen sich die Preise auf dem Niveau des heimischen Strommarkts.
Mercedes-Benz arbeitet ebenfalls an der Infrastruktur für die Elektromobilität und betreibt ein eigenes – für alle Fahrzeugmarken offenes – Netz an Ladestationen; in Europa in Kooperation mit E.ON. Weltweit sind bis Ende 2030 mehr als 10.000 Schnellladepunkte geplant.
In puncto Ladezeiten und Reichweite könnten bald dank des österreichischen Mikroelektronikherstellers AT&S neue Zeiten anbrechen: Innovative Regeltechnik-Lösungen sollen E-Autos Fahrten von bis zu 1.000 km und eine Ladedauer von nur zehn Minuten ermöglichen. Schöne Aussichten!