Ganz gemählich und völlig automatisch schiebt sich eine Plane aus der hinteren Stoßstange kommend über das komplette E-Auto, gezogen von Schnüren, die in Schienen über das ganze Fahrzeug laufen. Fertig ist der Stromer, der Garage und Ladesäule immer dabei hat. Denn die Folie schützt nicht nur den Wagen vor Dreck und Feuchtigkeit, in sie sind auch flexible Solarzellen eingearbeitet, die elektrische Energie für den Akku liefern.

Hinter dem Konzept, das seine Premiere Anfang Februar auf dem Internationalen Automobilfestival in Paris feierte, stecken drei französische Unternehmen. Die Idee stammt von André Sassi, dem Gründer der Pariser Firma ACPV, was für Automatic Canvas Protective Voltaic steht und übersetzt so viel wie automatische, elektrische Schutzfolie bedeutet. Er hat wiederum das Unternehmen Armor aus dem westfranzösischen Nantes als Partner gewonnen, das die Solarzellen herstellt. Die fangen auf vier Quadratmeter Fläche die Energie des Sonnenlichtes nicht mit Silizium ein, so wie die Photovoltaikanlage auf dem Dach, vielmehr arbeiten sie mit photoaktiven Polymeren sprich Kunststoffen. Die lassen sich in großen Mengen auf Rollen herstellen. Armor integriert sie (unter dem Markennamen ASCA) beispielsweise in Rücksäcke, um dann etwa das Smartphone zu laden. Und verspricht, die Solarzellen ließen sich 50.000 mal falten, bevor sie Abnutzungserscheinungen zeigen würden und seien dreißigmal leichter als herkömmliche PV-Technik.

Dritter im Bunde ist das Startup Gazelle Tech aus Blanquefort in der Nähe von Bordeaux. Gründer Gaël Lavaud entwickelt mit seinem Team Pkws aus besonders leichten Verbundwerkstoffen, die deshalb weniger Energie benötigen als konventionelle Autos aus Stahl- oder Aluminiumblech. Und die Fahrzeuge sollen sich besonders einfach fertigen lassen, wichtige Zielmärkte sind für Gazelle Tech daher Entwicklungsländer ohne eigene Autoindustrie.

Die Solarfolie sorgt für bis zu 30 Kilometer Reichweite

Auch Elektroauto-Bauer wie Sono Motors aus München oder Lightyear aus den Niederlanden oder klassische Autokonzerne wie Hyundai und Toyota wollen mit Solarzellen zusätzliche Energie für ihre Modelle erzeugen. Das Besondere an dem Prototypen der Franzosen ist die große Fläche von Solarzellen, die beim Parken Strom liefern. Beim Sion von Sono rechnen die Ingenieure mit 30 Kilometern zusätzlicher Reichweite durch die PV-Anlage auf dem Autodach – im Juni bei klarem Wetter in München; im Dezember dagegen nur mit 10 km. ACPV-Chef Sassi rechnet mit ebenfalls 30 km, das aber unter Frankreich kräftiger Sonne das ganze Jahr. Und er hält es für möglich, den Wert bis 2022 zu verdoppeln – räumt aber ein, dass es sich dabei noch um Schätzungen handelt, weitere Messungen unter Praxisbedingungen seien noch nötig.

Seine Angaben beziehen sich auf die Gazelle, die seinen Angaben zufolge nur 7,5 Kilowattstunden pro 100 km an elektrischer Energie benötigt. Zum Vergleich der Normverbrauch einer Renault Zoe beträgt gut 17 kWh / 100 km. Grund für den niedrigen Strombedarf soll das niedrige Gewicht des Fahrzeugs von 700 Kilogramm sein – dank einer Karrosseriestruktur aus Verbundwerkstoffen und einer relativ kleinen, aber dafür leichten Batterie. Die Reichweite des Fahrzeug beträgt allerdings nur 180 Kilometer. Für Gründer Lavaud ist daher das bevorzugte Biotop der Gazelle die Stadt, wie aus der Homepage des Unternehmens hervorgeht. Genauere Angaben zur Akku-Kapazität und weitere technische Details nennt er nicht – auch nicht auf Nachfrage, die unbeantwortet blieb.

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Gazelle mit Tarnung

Auf der Abdeckfolie befinden sich vier Quadratmeter Solarzellen – und soll Schmutz dank einer speziellen Beschichtung abperlen. Foto: ACPV

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Stromer für Schwellenländer

Dank einer einfachen Karrosseriestruktur aus Verbundwerkstoffen soll sich das Elektroauto Gazelle leicht in Mikrofabriken fertigen lassen – und Arbeitsplätze etwa in Nordafrika schaffen. Foto: Gazelle Tech

Dank der eingesetzten Verbundwerkstoffe soll sich das Fahrzeug besonders einfach in Mikrofabriken herstellen lassen. Lavaud möchte so möglichst nah am Kunden produzieren und Arbeitsplätze in Schwellenländern etwa in Nordafrika schaffen. Dort sieht er einen der Hauptabsatzmärkte. Und hier liefert die Solarfolie dank der intensiveren Sonneneinstrahlung noch einmal mehr Energie als in Europa.

Die Fahrzeugabdeckung liefert nicht nur klimafreundlich Strom, sie hat laut Erfinder Sassi noch einen weiteren positiven Effekt für die Umwelt: Denn dank einer speziellen Beschichtung sollen Wasser und Fett abperlen und möglichen Dreck dabei mitnehmen. Dadurch muss das Fahrzeug seltener gewaschen werden – wofür allein die Franzosen pro Jahr, so Sassi, rund 200 Millionen Kubikmeter wertvolles Trinkwasser verbrauchen.

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1 Kommentar

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    Toyota will nicht, die haben schon. Den Prius 4 Solar gibt es seit 2017 mit Solardach. Er bringt bis 5 km mehr Reichweite und unterstützt die Bordelektrik während der Fahrt. Das bringt im Sommer Verbräuche unter 10 kWh. Die Folienlösung sehe ich skeptisch, sie ist zu anfällig für Beschädigungen, vor allem bei Starkwinden. Sabotagesicher ist es auch nicht und praktisch schon gar nicht.
    Oberschade ist nur, das der P4 Solar nicht mehr verkauft wird. Er wurde wohl zu wenig verkauft. Aber meinen Solar kann ich ja 30 Jahre fahren, wenn das Solardach mit macht oder es sei, dass Toyota was besseres auf den Markt wirft.

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