Ich stehe auf einem Acker mitten in der Magdeburger Börde in Sachsen-Anhalt. Schlamm sammelt sich im Profil der Schuhe, es ist rutschig und ich werde nass – zusammen mit Pressekollegen und einer großen Delegation des Landmaschinenherstellers John Deere. Ich blicke auf grün-gelbe Großgeräte und bin gespannt, was auf uns beim John Deere Sustainability Day 2022 zukommen lassen wird. 

Der Tag und sein Wetter verlangen uns Flexibilität ab: Traktorfahrten werden in Regenpausen absolviert, Präsentationen durch Videos ersetzt, man muss lauter sprechen, um unter dem Regentrommeln der Zeltplane einander zu verstehen. Auf dem Smartphone wird derweil vor unwetterartigen Regengüssen gewarnt, die sich zu lokalen Überflutungen sammeln können. Ein Sinnbild für das Leben im Klimawandel?

Auswege aus der Klimakrise

Gezeigt werden technische Lösungen für das Einsparen von Kraftstoff, für die Verringerung von CO2-Emissionen in der Landwirtschaft, für die Reduzierung von Düngemittel- und Pflanzenschutzmitteleinsatz. Es gibt keine inhaltsleeren Worte – der erste Redner steigt bereits voll ins Thema ein: Peter Pickel, Experte für Zukunfts-Technologien bei John Deere und Honorar-Professor an der Universität Kaiserlautern für Landmaschinenbau. 

Professor Peter Pickel begrüßt Journalisten zum John Deere Sustainability Day 2022 im Veranstaltungszelt.
Begrüßung ohne leere Worte:
Peter Pickel kommt in seiner kurzen Ansprache gezielt zum Punkt und hängt den Banner der Nachhaltigkeit über den John Deere Sustainability Day 2022

Parallel dazu stecken wir mitten im Klimawandel, zu dem die Landwirtschaft weltweit 25 Prozent der Treibhausgasemissionen beiträgt – in Deutschland etwa 9 Prozent. Es geht um Trockenperioden und den spontanen Wechsel zu starken Niederschlägen – Pickel bestätigt thematisch meine Vorahnungen für diesen Tag. Das Schöne: Die Veranstaltung steht im Zeichen der Lösungsfindung.

„Die Landwirtschaft steht vor Herausforderung von historischer Dimension.”

Drei Hauptziele werden von Pickel formuliert, die auch durch die EU vorgegeben werden: Die Landwirtschaft muss den Düngemitteleinsatz verringern, die Pflanzenschutzeffizienz steigern und den CO2- Ausstoß senken. Um die technischen Lösungsansätze für diese Herausforderungen zu verstehen, schauen wir uns zunächst den Zyklus des Ackerbaus an: Ernte, Feldbearbeitung, Düngung, Saat, Pflanzenschutz. Der Kreis schließt sich mit der nächsten Ernte. Zugegeben, das ist stark vereinfacht. Aber es reicht, um zu verstehen, welchen Wert die vorgestellte Mess-und Sensortechnik hat.

Datenerfassung während der Ernte

Am grün-gelben Mähdrescher, der verschwommen durch die Plane unseres Veranstaltungszeltes zu sehen ist, ist ein auffälliger Kasten installiert. Mit der darin installierten Technik wird die Ernte in Echtzeit analysiert.

Gemessen wird sowohl der Ertrag als auch der Proteingehalt einmal pro Sekunde. Früher wurde auf 20 Tonnen Erntemasse ein einzelner Datenpunkt erhoben, heute sind es tausende. Daraus entstehen gleich mehrere Vorteile: Zunächst können Teile der Ernte viel besser ihrer korrekten Bestimmung zugeordnet werden: Erntegut mit hohem Proteingehalt geht in die Lebensmittelproduktion, beispielsweise in die Brotherstellung. Teile mit weniger Gehalt eher ins Tierfutter.

Wir ernten nicht nur Mais oder Getreide. Wir ernten Daten.

Als viel wichtiger wird jedoch die Kartierung dieser Ergebnisse betont: Es entsteht ein Lagebild davon, wo Pflanzen über die Wachstumssaison hinweg besser mit Nährstoffen und Wasser versorgt waren. Und davon, wo es die Pflanzen schlechter hatten. Dies bildet die Basis dafür, es im kommenden Zyklus besser zu machen.

Vor der nächsten Saat wird der Boden gedüngt. Aufgrund der aktuellen Preislage sind Mineraldünger jedoch besonders teuer und die altbekannte Gülle rückt wieder in den Fokus. Zwei Drittel der Kunden verzichten bereits auf Mineraldünger.

Gülle als Rohstoff neu entdeckt

Gülle hat jedoch den Nachteil, dass ihre Nährstoffzusammensetzung variiert. Ein Nachteil, der ebenfalls durch Sensortechnik ausgeglichen wird. Auch hier wurden früher riesige Tanks voller Gülle einmal beprobt, heute ist die Bewertung deutlich kleinteiliger und für jede Teilmenge wird klar, welche Nährstoffe sie in welcher Konzentration enthalten.

Körpereinsatz an der Landmaschine:
Mit diesem Werkzeug lassen sich Rillen in den Boden ziehen, in denen gezielt Gülle platziert und kartiert wird.

In exakten Streifen und auf zwei Zentimeter genau ziehen die Maschinen von John Deere Spuren in den Boden. Die Gülle wird in diese Streifen injiziert – das flächige Breitschleudern gehört der Vergangenheit an. Mithilfe dieser Methode wird die Düngung wohl dosiert und berücksichtigt die Werte aus der Ernte. Bereiche mit vormals schlechterem Ertrag werden mehr gedüngt, andere weniger.

So kann nicht nur Düngemittel gespart werden. Es wird außerdem eine Überdüngung vermieden, die Technik hält sogar die Grenzwerte für einzelne Nährstoffe ein – wie am Beispiel des Phosphor. Und wieder: Es wird fleißig kartiert – vollautomatisch versteht sich.

Präzise Aussaat per GPS und Datenbank

Die Saat – in diesem Falle Mais – wird nun sorgfältig über die Güllestreifen gesetzt, exakt 7 Zentimeter darüber. Die Wurzeln können anschließend gar nicht anders, als gezielt in die vorbereiteten Nährstoffe hinein zu wachsen. Die Fahrzeuge bewegen sich mit einer Genauigkeit von 2 Zentimetern über den Acker – gesteuert per GPS. Daher können die einzelnen Bearbeitungsschritte so exakt aufeinander abgestimmt werden. An einer flächendeckenden Netzabdeckung mangelt es vielerorts aber noch. Doch zu diesem Thema wird mir später der Betriebsleiter des Geländes seine Erfahrungen berichten.

Zunächst geht es weiter mit der mechanischen Unkrautbekämpfung: Ebenfalls ein Verfahren, das lange vergessen und nun durch die Digitalisierung erneut hoffähig – in diesem Falle feldhähig – wird. So wie die Gülle hat auch jede Maispflanze eine Adresse auf dem Feld – so kann die Maschine die Nutzpflanzen meiden und ausschließlich in deren Zwischenräumen unerwünschte Beikräuter mechanisch zerstören. Die moderne Hacke löst dabei nicht alle Probleme. Aber sie hilft, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln drastisch zu reduzieren.

Traditionelle Verfahren werden wieder salonfähig

Beikräuter, die in der Reihe der Nutzpflanzen sprießen und somit nicht durch die Hacke getilgt werden können, erfahren eine andere Behandlung: Eine Drohne des John Deere Kooperationspartners Delair fliegt über das Feld und erfasst optisch jedes Gewächs. Über einen Erkennungs-Algorithmus ordnet sie die gescannten Pflanzen ein. Das funktioniert ähnlich wie die Gesichtserkennung im Smartphone.

Eine Landmaschine von John Deere fährt über einen Acker, im Hintergrund ragt eine Windkraftanlage in den Himmel.
Ein Blick in die Zukunft:
Ein aktuelles Landmaschinen-Modell von John Deere fährt über den Acker, im Hintergrund ragt ein Windkraftwerk in den Himmel.

Diese Pflanzen können nun gespritzt werden – aber zielgerichtet, statt wie früher üblich flächig über das gesamte Feld hinweg. Dieses “Spot Spraying” reduziert den Einsatz der chemischen Mittel um bis zu 77% gegenüber einer Vollfeld-Behandlung. Auch dies wird digital dokumentiert. Welche Kräuter wachsen, ändert sich übrigens in jeder Saison: Je nach Sonnenstunden und Wasserverfügbarkeit.

An diesem Punkt häufen sich die Seitenhiebe gegen die Politik: Diese fordert die drastische Reduzierung des Pflanzenschutz- und Düngemitteleinsatzes, baut auf der anderen Seite aber rechtliche Hindernisse auf – unter anderem für Drohnenflüge. Wirklich kosteneffizient lassen sich derzeit noch keine Drohnenflüge realisieren, dafür stehen zu viele Regeln im Weg.

Netzverfügbarkeit auf dem Land

Zum Thema der Netzabdeckung plausche ich am Rande der Veranstaltung mit Betriebsleiter Herr Borchert, der seine eigenen Anekdoten zu erzählen weiß: Er habe bereits Anfragen von Netzbetreibern für das Aufstellen von Funkmasten auf seinem Land.

Bei diesen Worten blicke ich über den Acker und bleibe mit den Augen an den zahlreichen Windkraftanlagen hängen. Es wäre doch sichtlich einfacher, Funkantennen auf die bereits gestellten Türme der Windräder zu installieren, richtig? Praktisch ja, rechtlich nein. Es gelten Zutrittsverbote, insbesondere im Betrieb. Bei einer anstehenden Wartung müsste der Generator abgestellt werden, und das sei zu teuer.

“Wir brauchen Internet an jedem Halm”

Carsten Strove, John Deere Entwicklungszentrum Kaiserslautern

Eine gut ausgebaute Netzverfügbarkeit wäre jedoch wichtig und würde die Landwirtschaft zukunftstauglich machen – und wettbewerbsfähig halten. Die Frage nach dem Wunschzustand wird wie folgt beantwortet: „Eine lückenlose Netzabdeckung auf dem Acker und Glasfaser an jedem Bauernhof, bei jedem Handwerker und Mittelständler. Damit wäre die nötige Vernetzung möglich und viele Prozesse griffen schlüssig ineinander.

Key Visual von John Deere: Grafische Darstellung darüber, wie aus Erntedaten eine digitale Karte entsteht.
Feldfrüchte und Daten ernten:
Während der Ernte wird fortlaufend analysiert und eine digitale Karte darüber erstellt, auf welchen Bereichen hohe Erträge und besondere Qualitäten erreicht wurden.

Starlink für die Landwirtschaft?

Der Datenfluss endet nicht beim Landwirt selbst, sondern könnte mit einer besseren Anbindung in Echtzeit weitergegeben werden: Die Daten fließen weiter an agronomische Berater, sie haben Effekte auf die Ausbildung und Fortbildung, auf die Lehrpläne der Fachhochschulen und Universitäten und auf den Ausbildungsmarkt. Eine Satellitenverbindung über Starlink von Elon Musks Raumfahrtunternehmen SpaceX ist eine Option – die sei derzeit aber noch zu teuer für den breiten Einsatz.

Die einzelnen Fahrzeuge auf dem Acker sowie die Zugmaschinen und angehängte Feldwerkzeuge profitieren jedoch erheblich von einer Vernetzung. In den USA fahren diese bereits autonom – in Europa wird das aber noch auf sich warten lassen: Wegen der gesetzlichen Rahmenbedingungen. “Es liegt nicht an der Technologie“, betont Pickel.

Blick auf ein Steuergerät im Traktor: Ein Display zeigt farbig die laufende Kartierung des Bearbeitungsprozesses.
Hightech in der Landmaschine:
Per Hand kann das angehängte Feldwerkzeug gesteuert werden, die Zugmaschine hingegen fährt ohne unser Zutun.

Ohnehin benötigen die Maschinen den Fahrer nur als Entscheider, nicht als Steuermann – was ich live vor Ort erleben kann: In einer Regenpause darf ich im Traktor über das Feld fahren. Lenkrad und Pedale bleiben durch den Kollegen von John Deere unberührt. Er demonstriert mir die laufende Kartierung auf einem Display, während wir ferngelenkt unsere Runde drehen – auf zwei Zentimeter genau. Besser, als je ein Mensch fahren könnte.

Am Ende des Tages sitze ich im Shuttle zurück zum Magdeburger Hauptbahnhof. Mein Fazit: Die Hersteller geben ihr Bestes – und arbeiten systemoffen. Auch die Landwirte zeigen sich aufgeschlossen und progressiv – unsere Ernährung liegt in den richtigen Händen. Um die akuten Probleme zu lösen, sind jedoch zunächst Politik und Gesetzgebung gefordert. Diese darf nicht nur fordern – sondern muss in erster Linie ermöglichen.

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