Fast drei Jahre lang haben zehn Prototypen des eActros im Härteeinsatz bei ausgewählten Kunden aus der Logistikbranche beweisen müssen, was in ihnen steckt. Nach einer halben Million Kilometern und unzähligen Detailverbesserungen sind die vollelektrischen Laster mit einem zulässigen Gesamtgewicht von 25 Tonnen für den Verteilverkehr nun so weit gereift, dass sie offiziell auf den Markt gebracht werden können: Im Oktober beginnt im Werk Wörth am Rhein die Serienfertigung des ersten elektrischen Serien-Lkw mit Stern, mit dem Daimler Truck einen klimaneutralen Straßengüterverkehr einläuten will.

Für den Vortrieb sorgen hier eine elektrische Starrachse mit zwei integrierten Elektromotoren und Zwei-Gang-Getriebe, die für eine Dauerleistung von 330 kW (449 PS) und eine Spitzenleistung von 400 kW (544 PS) ausgelegt ist – damit sollten die Lastwagen steile Wegpassagen auch im vollbeladenen Zustand locker bewältigen können. Zumindest solange die Batteriepakete, die unterhalb der Ladefläche anstelle der Dieseltanks ins Fahrgestell integriert wurden, ordentlich gefüllt sind.

Zwei Akkupakete mit bis zu 420 kWh Speicherkapazität

Angeboten werden zwei Varianten mit Speicherkapazitäten von 315 und 420 Kilowattstunden Speicherkapazität. Reichweiten von bis zu 400 Kilometer sollen sich damit darstellen lassen. Anschließend kann der eActros an mit Gleichstrom betriebenen Schnellladesäulen mit entsprechender Leistung über einen CCS-Stecker mit bis zu 160 kW wieder geladen werden. In gut drei Stunden, wenn der (kleine) Akku komplett entleert ist und zu 100 Prozent wieder aufgefüllt werden soll – oder in gut einer Stunde von 20 auf 80 Prozent SoC (State of Charge). Bei Fahrzeugen mit dem großen Akku dauert es entsprechend länger.

Mercedes-Benz Econic
Das Niederflurfahrzeug gibt es bald auch in einer vollelektrischen Ausführung – für Einsätze unter anderem bei der Müllabfuhr. Foto: Daimler Truck

Für den Fernverkehr wären das schlechte Bedingungen – da werden sich wohl eher Lastzüge mit Wasserstoffantrieb durchsetzen. Für den regionalen Verteilverkehr etwa von Handelsketten hingegen langt eine Reichweite von 300 oder 400 Kilometern völlig aus, ergaben die Versuchsfahrten mit den Prototypen etwa bei der Edeka-Gruppe oder bei einem Logistikunternehmen in Bietigheim, das unter anderem für Mercedes-Benz fährt. Auch bei der Zuladung müssen keine großen Abstriche gemacht werden: Zwar wiegen die Batteriepakete bis zu einer Tonne mehr als bis oben hin gefüllte Dieseltanks. Dafür hat der Gesetzgeber zumindest in Deutschland erlaubt, elektrisch angetriebenen Trucks eine Tonne mehr draufzupacken als vergleichbaren Fahrzeugen mit konventionellem Antrieb.

In der Schweiz wurden jetzt die ersten XCient-Trucks mit Brennstoffzellenantrieb an Kunden übergeben. Und für die Koreaner ist das erst der Anfang. Wasserstoff

Unter dem Strich kann ein dreiachsiger e-Actros also fast genauso viel laden wie sein dieselbetriebener Brudermodell. Dafür sind die Betriebs- und Wartungskosten deutlich niedriger. Und weil Elektrofahrzeuge emissionsfrei und obendrein flüsterleise rollen, könnten sie Geschäfte in den Innenstädten – wo immer das erlaubt ist – auch zu nächtlichen Stunden beliefern. Das sind nach Ansicht von Andreas von Wallfeld, des Vertriebschefs von Mercedes Benz Lkw die deutlich höheren Anschaffungskosten des eActros über die gesamte Einsatzzeit hinweg aufwiegen: Mit Elektroantrieb ist der Actros mit rund 300.000 Euro etwa drei mal so teurer wie ein Dieselfahrzeug mit ähnlicher Antriebsleistung. Hinzu kommen die Kosten für den Aufbau einer Ladeinfrastruktur auf den Betriebshöfen der Logistikunternehmen: Für das Laden von Elektrolastern ist die öffentliche Ladeinfrastruktur aktuell noch überhaupt nicht gerüstet, weder in Deutschland noch in einem anderen europäischen Land.

Mit dem eEconic soll die Stadtreinigung stromern

Über geplante Produktionszahlen äußerte sich Daimler Truck während der Weltpremiere des eActros deshalb wohlweislich nicht. Trotzdem lässt sich die Antriebswende auch im Lkw-Geschäft nicht mehr aufhalten. Mit dem e-Econic wird Daimler Truck noch in diesem Jahr eine elektrische Variante eines Niederflurfahrzeugs für Einsätze in der Stadtentsorgung oder als Kastenwagen vorstellen: Nach emissionsfreien Müll- und Feuerwehrwagen besteht aktuell in Europa große Nachfrage. Wie es der Zufall wollte, gab Volvo in Göteborg beinahe zeitgleich mit Daimler den Start für die Serienproduktion eines elektrisch angetriebenen Feuerwehrautos bekannt. Auch hier waren umfangreiche Tests mit Prototypen unter anderem in Berlin und Amsterdam vorausgegangen.

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