Es ist gerade einmal zwei Jahre her, da hatte Chery große Pläne – auch und gerade für Europa. Der chinesische Autohersteller wollte den europäischen Markt im Sturm erobern und hatte hierfür ein Dreigestirn an vermeintlich unterschiedlich ausgestalteten Marken im Rucksack: die beiden Volumenanbieter Jaecoo und Omoda sowie Exlantix, der die Premiumkarte ausspielen sollte. Da sich der Markt in den vergangenen zwei Jahren jedoch langsamer und schwieriger entwickelte als gedacht, beschränkt sich der Konzern bei der für 2026 geplanten Europa-Offensive nun auf das Doppelpack aus Jaecoo und Omoda.

Aufgrund der von der Europäischen Union verhängten Strafzölle für Elektroautos aus China hat sich Chery mit dem spanischen Fahrzeughersteller Ebro EV Motors zusammengetan. In einem ehemaligen Nissan-Werk nahe Barcelona will man demnächst erste Modelle im CKD-Verfahren aus angelieferten Komponenten aus China fertigen. Aktuell ist es noch das SUV Ebro S700, das auf dem Chery Tiggo 7 basiert. Später sollen dort auch Fahrzeuge der Chery-Tochtermarken Omoda und Jaecoo vom Band laufen. Die installierte Kapazität der Fabrik von 200.000 Einheiten pro Jahr gibt das durchaus her.

Forschungszentrum in der Nähe von Barcelona
„Wir haben gelernt, dass wir mit Kunden und Zulieferern zusammenarbeiten müssen.“ Fotos: Chery
Forschungszentrum in der Nähe von Barcelona
„Wir haben gelernt, dass wir mit Kunden und Zulieferern zusammenarbeiten müssen.“ Fotos: Chery

Parallel dazu baut Chery ein europäisches Zulieferernetz für die Komponentenbeschaffung auf, um Vorgaben der EU zur Minderung der Importzölle zu erfüllen. „Unser Ziel ist es, auf einen Nicht-China-Anteil von mindestens 50 Prozent zu kommen“, verriet Charlie Zhang, Executive Vice President von Chery International, bereits vor einigen Monaten. Ein zentraler Bestandteil dieser Strategie ist der Einkauf von Antriebsbatterien außerhalb von China. Und dabei soll es nicht bleiben. Geplant ist mittelfristig die Errichtung einer vollwertigen Fertigungsstätte in Europa. Diese dürfte dann für die neue Premiummarke Lepas gedacht sein.

Gespräche mit VW versandeten

Ein Auto „Made in Germany“ wäre für die Chinesen ein echtes Pfund. Schon vor geraumer Zeit hat Chery die Fühler zu Volkswagen ausgestreckt, um Fahrzeuge vor Ort bauen zu lassen. Etwa in Dresden und in Osnabrück. Allerdings sei die Situation in Deutschland „kompliziert und herausfordernd“, musste Charlie Zhang erfahren. Das gilt für die rechtlichen Rahmenbedingungen wie für die Energie- und Personalkosten. Vermutlich ist es auch deshalb ist es um die angeblichen Gespräche mit VW in jüngster Zeit still geworden.

Jaecoo 7 
Den allradgetriebenen Plug-in-Hybrid mit bietet die Chery-Tochter bereits in Großbritannien für umgerechnet 45.000 Euro an.
Jaecoo 7
Den allradgetriebenen Plug-in-Hybrid mit bietet die Chery-Tochter bereits in Großbritannien für umgerechnet 45.000 Euro an.

Fragt man in der Chery-Konzernzentrale in Wuhu nach, geben sich die Verantwortlichen zugeknöpft: „Wir haben leider keine neuen Informationen!“ Doch ob mit VW oder einem anderen Partner in Europa: Der Plan der Chinesen klingt schlüssig. Die deutschen und europäischen Hersteller drosseln aufgrund der Unsicherheiten aktuell ihre Produktionen – und Chery steht bereit, in die Bresche zu springen. Chery würde sich sicher über einen Bieterwettstreit freuen, um die besten Konditionen für ein zweites europäisches Werk zu erzielen.

Entwicklungszentren in Deutschland und Spanien

Das ändert jedoch nichts an der grundsätzlichen Ausrichtung. „Wir wollen deutscher sein als die Deutschen“, gab Charlie Zhang unlängst auf der Chery Global Innovation Conference als Maxime aus und erklärte auch, wie Chery dies erreichen will. „Wir haben 2025 gelernt, dass wir mit Kunden und Zulieferern zusammenarbeiten müssen“, führte Zhang aus. Dass dieses Prinzip lokale Wertschöpfungsketten mit hiesigen Zulieferern einschließt, liegt auf der Hand.

Chery iCar V23 
In China wird der kleine Offroader schon für umgerechnet 15.000 Euro angeboten. Die Europa-Version wird sicherlich teurer werden.
Chery iCar V23
In China wird der kleine Offroader schon für umgerechnet 15.000 Euro angeboten. Die Europa-Version wird sicherlich teurer werden.

Eine zentrale Rolle spielen dabei das Entwicklungszentrum im hessischen Raunheim und das in Cornellà de Llobregat bei Barcelona. Bis Ende des Jahres will Chery rund 45 Händler unter Vertrag haben. Die Manager aus Wuhu haben aus den Fehlern von Konkurrenten wie BYD und Great Wall Motor gelernt und knüpft erst ein Vertriebsnetz, ehe man die Produkte ins Land bringt. „Wir wollen die Local Heroes“, erklärt Chery-Händlerentwickler Benjamin Hopkins. Die Idee, die chinesischen Produkte in den Ausstellungsraum zu stellen, stößt nach seiner Darstellung bei Ford- und Opel-Händlern auf großes Interesse. Zumal die Anforderungen nicht groß sind und von den Partnern keine aufwendigen Ausstellungsräume erwartet werden. „Uns ist vor allem wichtig, dass der Service stimmt“, sagt Hopkins.

Jaecoo 7 und Omoda 5 als Speerspitze

Bei der Entscheidung, welche Modelle wann nach Deutschland kommen, orientiert sich der chinesische Autobauer an den Erfahrungen, die er bereits in anderen europäischen Märkten wie Spanien, Italien, Polen oder Großbritannien gesammelt hat. Den Anfang macht 2026 der Jaecoo 7 als Plug-in-Hybrid mit einem Preis von unter 40.000 Euro. Im Januar folgen die BEV- und Vollhybridversionen des Omoda 5 mit einem Einstiegspreis von weniger als 30.000 Euro. Im Februar kommt der große Omoda 9 als PHEV, der knapp 50.000 Euro kosten soll. Im Sommer rollen der Omoda 7 PHEV und der Jaecoo 5 BEV, die sich die Plattform teilen, nach Deutschland.

Omoda 5 EV 
Mit einem Kampfpreis von unter 30.000 Euro soll der 155 kW starke Elektro-SUV ab Januar die Offensive in Deutschland eröffnen.
Omoda 5 EV
Mit einem Kampfpreis von unter 30.000 Euro soll der 155 kW starke Elektro-SUV ab Januar die Offensive in Deutschland eröffnen.

Und 2027 soll das kantige iCar bei den deutschen Händlern stehen. Auch die Premiummarke Exlantix mit dem Tesla-Model-Y-Konkurrenten Exlantix ET steht in den Startlöchern. Noch ist nicht klar, wann das Chery-Trio vollständig ist. Und irgendwann soll mit Lepas eine weitere Premiummarke folgen.

Experten bleiben skeptisch

Martin Geißler von der Unternehmensberatung Advyce & Company bleibt dennoch skeptisch. „Aus meiner Sicht ist Chery in Deutschland nahezu chancenlos. Die Modelle fügen sich nahtlos in den China-SUV-Einheitsbrei ein – ohne jedes Alleinstellungsmerkmal. Diese wiederholten chinesischen Markteintritte in einen gesättigten Markt ohne echtes Highlightprodukt erscheinen mir wenig durchdacht. So gibt es kaum eine Chance, die Marke emotional aufzuladen“, stellt der Analyst fest.

Nicht ganz so kritisch sieht Nicola Borgo von Arthur D. Little die Pläne. „Europa ist kein homogener Markt. Es gilt hier, länderspezifische Anforderungen zu beachten. Ob Chery daraus etwas gelernt hat, wird sich in den nächsten Monaten zeigen. Die Etablierung nationaler Vertriebsgesellschaften ist allerdings ein positives Signal.“ Ob die Strategie der Chinesen aufgeht, wird das kommende Jahr zeigen.

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