Der vollelektrische Kleinwagen e.GO Life ist zurück auf der Straße: Mit einem symbolischen Scherenschnitt durch Aachens Oberbürgermeisterin Sibylle Keupen und den neuen Vorsitzenden des Verwaltungsrats, Ali Vezvaei, ist am 2. Juli die Autofabrik im Stadtteil Rothe Erde offiziell wieder in Betrieb genommen worden – gut 15 Monate nach der vorübergehenden Stilllegung des Werks und ein Jahr nach der Eröffnung des Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung. Kurz danach verließ das erste Fahrzeug der zum Re-Start aufgelegten Sonderserie e.GO Life die Montagehalle.

Weitere 18 Elektroautos stehen bereits kurz vor der Fertigstellung. Und Vertriebschef Matthias Kreimeier hat in den vergangenen Wochen schon 100 Fahrzeugbestellungen aufgenommen, ohne dass irgendwelche Werbemaßnahmen ergriffen worden wären. Entsprechend gelöst war die Stimmung bei der kleinen Feierstunde, mit der sich das junge Unternehmen als Next e.GO zurückmeldete.

Unternehmen wurde komplett neu aufgestellt

„e.GO lebt“, versicherte Verwaltungsratschef Vezvaei. Der Ingenieur und ehemalige Siemens-, Bilfinger- und Linde-Manager vertritt im Unternehmen die Interessen der niederländischen Investorengesellschaft nd.Group, die das das von dem Aachener Hochschullehrer Günther Schuh gegründete Autounternehmen im vergangenen Herbst übernommen und seitdem komplett neu aufgestellt hat. Schuh ist für Next e.GO nur noch beratend tätig und nahm an dem Festakt nicht teil – angeblich wegen einer Parallelveranstaltung an der RWTH, an der er nach wie vor lehrt.

Zwei neue Farben
Den e.GO Live gibt es auf Kundenwunsch künftig auch mit Thermoplast-Karossen in Rot- und Graumetallic.

Die Produktionsunterbrechung hat das Unternehmen gut genutzt. Neue Strukturen wurden eingezogen, die Fertigung, aber auch das Produkt in vielen Details optimiert, aber auch die internen Prozesse gestrafft: In der Vergangenheit, führte Vezvaei im Gespräch mit EDISON aus, habe sich e.GO Mobile zu sehr mit technischen Detailfragen beschäftigt und darüber die Kosten aus den Augen verloren. „Es gab eine Überfokussierung auf Exzellenz. So wurde Perfektion zum Feind des Guten.“ E.GO Mobile sei in erster Linie ein Technologie-Projekt gewesen – „das wir jetzt mit Blick auf die Weltwirtschaft zu einem Geschäft machen.“ Mit klaren Führungsstrukturen und einem stringenten Businessplan, der auf rasches Wachstum ausgerichtet sei. „Wir haben ein tolles Produkt und weitere Ableger des Life für das kommende Jahr in der Planung“.

Pläne für Börsengang und eine zweite Fabrik in Europa

Geplant ist, Next e.GO binnen eines Jahres in den USA oder in Europa an die Börse zu bringen und vor allem: international breiter aufzustellen: Schon in Kürze, so Vezwaei, hoffe er den Bau einer weiteren „Microfabrik“ von Next e.GO an einem „kostenmäßig konkurrenzfähigen“ Standort in Europa bekannt geben zu können.

(UPDATE v. 10.7.): Inzwischen wissen wir, wo die zweite Mico-Fabrik entstehen soll: im bulgarischen Lovech. 140 Millionen wolle das Unternehmen in die neue Fabrik investieren, gab der bulgarische Wirtschaftsminister Kiril Petkov nach der Unterzeichnung eines entsprechenden Abkommens bekannt. Rund 34 Millionen werden die Landesregierung in drei Tranchen zuschießen. 1000 neue Arbeitsplätze sollen in Lovech mittelfristig entstehen. Gebaut werden in dem neuen Werk neben dem Stadtmobil e.GO Life auch der rustikalere e.GO Life Cross. Angepeilt wird eine Produktion von 20.000 Autos im Jahr.

„China ist ein Markt für sich. Aber Europa ist aktuell der Markt mit dem schnellsten und größten Wachstum.“ Aber auch die Pläne zum Aufbau einer Produktion in Mexiko sollen wieder aufgegriffen werden – um von dort aus die kleinen Stromer in die Großstädte der USA zu exportieren. Vezwaei: „Wir lassen die Gründungsphase hinter uns und treten jetzt in die Wachstumsphase ein.“ Dafür sei frisches Kapital in einer Größenordnung von 600 Millionen Euro erforderlich, das über den Börsengang beschafft werden soll. „Dann können wir schneller wachsen.“

Der Aachener Multi-Gründer und Produktions-Professor Günther Schuh kämpft derzeit an vielen Fronten. Die Corona-Epidemie ist nur eine davon. Unternehmen

Aber zunächst sei es erforderlich, die Produktion wieder ans Laufen zu bringen und das Marketing für den e.GO Life zu reaktivieren: Beides lag immerhin über ein Jahr brach. Immerhin ist es gelungen, die meisten Mitarbeiter zu halten: Von den ursprünglich 500 sind heute noch 350 für Next e.GO tätig, gut 100 in der Produktion. Und Neueinstellungen laufen bereits.

Drei neue Modelle bis Sommer 2022

Benötigt werden sie unter anderem für die Entwicklung von drei neuen Modellen, die im Sommer kommenden Jahres auf den Markt kommen sollen. Zwei der neuen Autos seien bereits fertig und die Arbeit am dritten schon sehr weit fortgeschritten. Über Details wollte sich der Verwaltungsratschef noch nicht groß auslassen. Nur so viel deutete er an: Die neuen Modelle werden größer als der „Life“ und „signifikant weiterentwickelt“ als das viersitzige Stadtmobil. Aber es werde sich definitiv um Kleinwagen handeln – die großen Automobilkonzerne hätten dieses Marktsegment bislang links liegen gelassen oder sich – wie Daimler mit Smart – davon zurückgezogen, weil sie aufgrund zu hoher Produktionskosten damit kein Geld verdienten. „Wir bauen unsere Autos zu weniger als 70 Prozent der Kosten, die in den großen Fabriken der anderen Hersteller anfallen – und in der Hälfte der Zeit.“ So werde ein Geschäftsmodell daraus, zumal die größten Märkte für Elektroautos die Großstädte Europa seien: „Das ist unser Feld.“

e.GO Life-Produktion
Abschied vom Fließband
In der volldigitalen Micro-Fabrik von Next e.GO in Aachen Rothe Erde fahren die Elektroautos auf Plattformen vollautonom von einer Montagestation zur nächsten. Foto: Next e.GO

Von schweren Elektroautos mit großen Akkus hält der Manager, der viele Jahre in der Energie- und Kohlenwasserstoffindustrie tätig war, ebenso wenig wie von so genannten Gigafactories, wie er in seiner Begrüßungsrede mit Spitzen gegen Tesla deutlich machte: „Sie verbrauchen ungeheure Ressourcen und zerstören damit unseren Planeten.“ Da sei der E.GO Life schon deutlich umweltverträglicher: Der Lithium-Ionen-Akku des deutschen Herstellers BMZ hat nur eine Kapazität von 21,5 Kilowattstunden. Zumindest aktuell: Möglicherweise bekommt der Kleinwagen noch ein paar Zellen mehr, um den Aktionsradius von derzeit 171 Kilometern im Stadtverkehr und 125 Kilometer im Drittelmix etwas zu vergrößern.

Ladeleistung steigt auf 11 kW

Fest steht schon jetzt, dass der künftig in vier Farben (Blau, Weiß, Rot- und Graumetallic) lieferbare Kleinwagen einen größeren Onboard-Charger bekommt: Aktuell beträgt die Ladeleistung nur 3,7 kW – noch in diesem Jahr soll sie auf 11 kW steigen. Zudem haben die Fahrzeugentwickler die Produktionsunterbrechung genutzt, um das Fahrzeug mit einem neuen Infotainmentsystem sowie mit Parkpiepsern auszustatten, aber in Gesprächen mit den Zulieferern auch die Produktqualität in vielen Punkten zu verbessern.

Bis zum Jahresende sollen noch 500 Autos fertiggestellt werden, für das kommende Jahr ist – ohne die neuen Modelle – eine Produktion von 2500 geplant. Vielleicht werden es noch mehr: Ausgelegt ist die „Micro-Fabrik“ für eine Jahresproduktion von immerhin 10.000 Auto. Und nach Angaben des Verwaltungsratschefs ist Next e.GO immer noch in engem Kontakt mit dem Volkswagen-Konzern und diskutiert mögliche Kooperationen. Vezwaei: „Die beiden Unternehmen ergänzen sich gut mit ihren Aktivitäten.“

Verkauf von CO2-Verschmutzungsrechten an VW

Auch was die CO2-Belastungen aus Produktion und Fahrzeugflotte anbetrifft: Next e.GO verkauft CO2-Guthaben an Volkswagen und ist – zusammen auch mit Bugatti, Porsche, aber auch MG Motor und der London EV Company Teil eines Pooling-Systems, mit dem Volkswagen und der chinesische Partner SAIC die strengen Emissions-Ziele in den USA und China auch im kommenden Jahr zu meistern suchen.

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