Den Einstieg in den chinesischen Markt hat Renault einst verpasst. Am Zuckerhut drehen die Franzosen den Spieß nun um: Im traditionsreichen Werk nahe Curitiba spannt Renault mit Geely zusammen. Die Kooperation ist mehr als eine reine Notgemeinschaft – sie markiert den Startschuss für eine neue Elektro- und Hybrid-Offensive in Lateinamerika.
Der südamerikanische Automobilmarkt – allen voran Brasilien als sechstgrößter Fahrzeugmarkt der Welt – folgt traditionell ganz eigenen Spielregeln. Bereits seit 1959 rollen in dem Land Fahrzeuge unter Renault-Lizenz von den Bändern. 1998 eröffneten die Franzosen schließlich den Ayrton-Senna-Industriekomplex in São José dos Pinhais nahe der Millionenmetropole Curitiba. Mit der Fertigung des damaligen Renault Scénic begann die moderne Ära des Standorts, auf den viele weitere Baureihen folgten.

Renault-Konzernchef François Provost beim Besuch in der hochmodernen Fertigungsanlage im brasilianischen Curitiba.
Heute umfasst das Areal 2,5 Millionen Quadratmeter, von denen 40 Prozent als Naturschutzgebiet ausgewiesen sind und Lebensraum für über 110 Vogel- sowie 28 Säugetierarten bieten. Neben dem Kleinwagen Kwid, leichten Nutzfahrzeugen und Crossovern wie dem Kardian oder Boreal fertigt Renault vor Ort mit der Tochtergesellschaft Horse auch Verbrennungsmotoren.
Doch das Marktumfeld wandelt sich rasant: Schneller als viele Branchenkenner prognostizierten, wächst in Südamerika die Nachfrage nach elektrifizierten Antrieben. Bislang dominierten in Brasilien vor allem flexible Verbrenner, die mit heimischem Ethanol betankt werden. Genau diesem Segment graben nun aufstrebende Hersteller aus Fernost zunehmend das Wasser ab.
Flucht nach vorn: Chinas Technologie als Wettbewerbsvorteil
Während Konkurrenten wie Stellantis oder Volkswagen versuchen, dem chinesischen Druck mit eigenen, oft langwierigen Programmen zu begegnen, wählt Renault einen pragmatischen Weg: Man holte sich die Konkurrenz kurzerhand als Partner ins Haus.
Bereits im Herbst 2025 gründeten die Franzosen mit der in Hangzhou ansässigen Zhejiang Geely Holding Group das Gemeinschaftsunternehmen Renault Geely do Brasil. Die Chinesen, zu deren Konzernverbund auch Marken wie Lynk & Co sowie Zeekr zählen, sicherten sich im Zuge dessen einen Anteil von 26,4 Prozent an Renault do Brasil.
Renault-Konzernchef François Provost begründet den Schritt mit den regionalen Marktgegebenheiten: „Südamerika und speziell Brasilien ist für uns seit vielen Jahren ein sehr wichtiger Markt. Daher auch die Intensivierung dieser Kooperation. Um auf internationalen Märkten wettbewerbsfähig zu sein, müssen Fahrzeuge möglichst lokal entwickelt und produziert werden. Daher haben wir die Zusammenarbeit mit Geely ausgebaut. Wir werden hier bis 2027 weitere 319 Millionen investieren, was unser Gesamtinvest von Renault Geely do Brasil auf insgesamt 899 Millionen erhöht.“
Stromer und Hybride auf moderner GEA-Architektur
In Curitiba verlassen längst nicht mehr nur Modelle mit dem Renault-Rhombus die Fertigungshallen. Auf einer eigens eingerichteten vierten Plattform laufen inzwischen die beiden Geely-Modelle EX2 und EX5 vom Band, die international vielfach als E2 und E5 vermarktet werden. Technologische Basis beider Baureihen ist Geelys GEA-Plattform (Global Intelligent Electric Architecture):

Der elektrische Kleinwagen war 2025 mit über 465.000 Einheiten das meistverkaufte kompakte Elektrofahrzeug der Welt sowie das meistverkaufte Auto in China überhaupt. In Deutschland wird das Modell als E2 zum Startpreis von 19.990 Euro angeboten.
- Geely EX2: Der rein elektrische Crossover war 2025 mit über 465.000 Einheiten das meistverkaufte kompakte Elektrofahrzeug der Welt sowie das meistverkaufte Auto in China überhaupt. Für den brasilianischen Markt gilt seine lokale Fertigung als Meilenstein zur Demokratisierung der E-Mobilität.
- Geely EX5: Das Schwestermodell setzt auf einen Hybridantrieb und bedient Kunden, die Reichweitenflexibilität mit elektrifizierter Effizienz verbinden wollen.
„Wir müssen günstiger und schneller werden“, bringt es Renault-Markenchef Fabrice Cambolive auf den Punkt. „Daher haben wir nunmehr mit Geely einen Partner aus China, der uns den Markteintritt deutlich beschleunigt hat.“ Neben den neuen Stromern beliefert das Werk mit etablierten Modellen wie Logan, Stepway, Duster und Oroch weiterhin südamerikanische Exportmärkte wie Argentinien, Chile, Kolumbien, Mexiko, Paraguay und Uruguay – über eine Million Fahrzeuge gingen bislang in diese Nachbarländer.
Industrie 4.0 und grüne Energie im Ayrton-Senna-Komplex
Dass der Standort in Paraná für den Technologiesprung gewappnet ist, hat er bereits unter Beweis gestellt: 2020 zeichnete das Weltwirtschaftsforum (WEF) das Werk als „Advanced 4IR Lighthouse“ aus – eine Auszeichnung für Leuchtturm-Projekte der vierten industriellen Revolution, die in ganz Lateinamerika bislang kein zweites Automobilwerk vorweisen kann.
In den Hallen setzt das Unternehmen auf ein industrielles Metaversum, künstliche Intelligenz, 3D-Druck, digital vernetzte Arbeitsstationen und fahrerlose Transportsysteme. Damit begegnet die Fertigung europäischen und nordamerikanischen Standards auf Augenhöhe.

In den Hallen setzt das Unternehmen auf ein industrielles Metaversum, künstliche Intelligenz, 3D-Druck, digital vernetzte Arbeitsstationen und fahrerlose Transportsysteme. Fotos: Renault
Auch in puncto Kreislaufwirtschaft und Dekarbonisierung setzt der Standort Maßstäbe: Der Industriekomplex arbeitet nach dem Zero-Waste-Prinzip – Abfälle werden nicht deponiert, sondern vollständig recycelt, wiederverwendet oder thermisch verwertet. Der Strom für die Produktion der Renault- und Geely-Fahrzeuge stammt derweil komplett aus einer werkseigenen Photovoltaikanlage.
Mit aktuell mehr als 5.300 direkten Beschäftigten und rund 25.000 gesicherten indirekten Arbeitsplätzen bleibt der Standort ein wichtiges industrielles Rückgrat der Region. Ariel Montenegro, Präsident von Renault Geely do Brasil, sieht in der Kooperation denn auch eine Blaupause für die Zukunft: „Die Produktion des Geely EX2 im Ayrton Senna Complex ist weit mehr als nur die Lokalisierung eines Modells. Sie ist ein strategischer Schritt für Renault Geely do Brasil, der globale Technologie mit einer starken lokalen industriellen Basis verbindet.“