Wertheim ist Reisenden auf der A3 zwischen Aschaffenburg und Würzburg als Standort eines Designer-Outlets bekannt. Fahrer von Elektroautos lockt aber sicher noch mehr der „Ladepark mit Genusskonzept“, der hier von der HomE of Mobility GmbH im Juli 2024 eröffnet wurde und seit November 2025 gemeinsam mit dem Schnellladedienst Electra betrieben wird.
Auf einem zwei Hektar großen Gelände finden sie nicht nur drei Dutzend mit Gleich- und Wechselstrom betriebene Ladepunkte vor, sondern obendrein eine elegant eingerichtete Lounge mit Bistro, blitzsauberen Sanitärräumen und einer Sonnenterrasse, von der man einen Blick auf die nahen Weinberge hat. Wer mag, kann sich während der Ladepause von einem VW-Händler die neuesten Elektroautos erklären lassen – oder im Untergeschoss Konferenzen abhalten.
Es ist ein Paradies für Elektromobilisten – und der perfekte Ort für einen EDISON-Ladetalk mit den Geschäftsführern der beiden Betreiber: Paul Tonini von Electra Deutschland und Jürgen Ruchti von HomE.

EDISON-Chefredakteur Franz Rother (r.) beim Ladetalk in Wertheim mit Paul Tonini von Electra Deutschland (l.) und dem Geschäftsführer von HomE of Mobility, Jürgen Ruchti (Mitte) Fotos: Ricardo Wiesinger
Herr Tonini, seit wann fahren Sie schon Elektroauto?
Tonini: Oh, das ist schon bestimmt seit 2018. Als ich damals bei VW anfing, hatte ich einen E-Golf. Später bin ich dann auf den ersten ID.3 umgestiegen.
Sie mussten also nicht lange von den Vorzügen eines Elektroautos überzeugt werden?
Nein, ich war direkt Überzeugungstäter.
Was war die längste Strecke, die Sie jemals mit einem Stromer zurückgelegt haben?
Genau kann ich es nicht sagen, aber sicher gingen einige Fahrten über mehrere tausend Kilometer. Wir haben während Corona das Ladeprodukt von Elli beim VW-Konzern aus der Taufe gehoben und das mussten wir natürlich ausgiebig testen. Dazu bin ich einmal von München über Wolfsburg, Tschechien, die Slowakei und Slowenien bis runter nach Kroatien, danach rüber nach Italien und wieder zurück nach München gefahren. Die Route musste sorgfältig geplant werden, denn die Infrastruktur war damals europaweit noch sehr lückenhaft.
Reichweitenangst, ist Ihnen also ein Begriff?
Natürlich. Ich hatte zu Beginn auch durchaus das eine oder andere grenzwertige Erlebnis. Einmal sind wir im Hinterhof eines Telekommunikationsanbieters gestrandet, als sich das Ladekabel nicht mehr vom Fahrzeug lösen ließ. Ich stand auch einmal sonntags in Slowenien und musste über einen Zaun klettern, um mein Auto mit dem 50-kW-Charger dahinter verbinden zu können. Sonst wäre ich da nicht mehr weggekommen. Und ich habe auch schon mal bei einem Bauern mit Drehstrom geladen. Meine Frau hat mich inzwischen dazu verpflichtet, auf gemeinsamen Fahrten mit nicht weniger als drei Prozent Restkapazität eine Ladestation anzusteuern. Denn ich reize den Stromvorrat im Akku gerne aus.

Der Ingenieur für Energietechnik und -management aus Thüringen leitet seit Mai 2025 das Deutschland-Geschäft des französischen Ladedienstanbieters. Das 2020 gegründete Unternehmen ist in seinem Heimatland sowie in Belgien bereits Marktführer und europaweit mit über 470 Schnellladeparks präsent. Tonini stieß 2024 zu dem Unternehmen. Zuvor war er für die VW-Ladetochter Elli tätig und verantwortete bei Webasto die Entwicklung einer intelligenten Wallbox.
Über Zäune müssen wir hier nicht klettern, Ladepunkte gibt es in Wertheim reichlich. Wie viele davon werden von Electra betrieben?
Im Moment stehen hier 11 Schnellladesäulen. Zwei weitere werden gerade montiert, so dass wir demnächst 24 Ladepunkte mit bis zu 400 kW Leistung anbieten können.
Die große Angebot an Lademöglichkeiten ist beeindruckend. Noch mehr aber die Angebote, die den Fahrern von Elektroautos in der Ladepause gemacht werden. Herr Ruchti, seit wann steht die Anlage von HomE hier?
Ruchti: Wir haben sie am 1. Juli 2024 eröffnet und hatten vom ersten Tag an einen super Zulauf und Zuspruch: Alle, die hier ihr Elektroauto luden, waren begeistert. Und bis heute haben wir ganz viele Wiederholungstäter, Menschen, die hier regelmäßig ihr Elektroauto laden. Reisende aus den Benelux-Staaten, aber auch viele Pendler, die auf ihren Fahrten von Würzburg nach Frankfurt und zurück hier Rast machen.
„Beim Team von HomE haben wir schnell gemerkt, dass es die gleiche Leidenschaft für die Elektromobilität hat wie wir.“
Paul tonini über die Partnerschaft von Electra Deutschland und HomE of Mobility
Es gibt hier nicht nur Getränke und Speisen, bequeme wie schicke Sitzgelegenheiten und eine hochmoderne, blitzsaubere Sanitäranlage. Man kann sich auch von einem VW-Händler beraten lassen – und im Untergeschoss zu Konferenzen zusammenkommen. Und das Konzept scheint aufzugehen. Warum haben Sie sich dann entschieden, das Ladegeschäft an Electra auszugliedern?
Als wir starteten, wollten wir ein Best-Practice-Modell schaffen. Das ist uns, glaube ich, gut gelungen. Aber uns ist schnell klar geworden, dass wir einen strategischen Partner benötigen, um weiter wachsen zu können. Wir sind deshalb auf die Suche gegangen und haben zu Electra sofort einen guten Draht gefunden. Denn wir haben einen ähnlichen Wertekanon: Electra ist ein extrem innovatives und ein extrem auf Wachstum ausgelegtes Unternehmen.
Tonini: Die Übereinstimmung war auch uns wichtig. Wir wollten unser erstes Flagship-Projekt mit einem Partner realisieren, der uns nicht nur etwas verkaufen will, sondern der auch ein Interesse daran hat, dass dieser Standort funktioniert. Beim Team von HomE haben wir schnell gemerkt, dass es die gleiche Leidenschaft für die Elektromobilität hat wie wir. HomE kümmert sich zum Beispiel auch um die technische Instandhaltung hier vor Ort. Wir arbeiten Hand in Hand. Wenn hier morgens was nicht geht, dann kriegen wir das direkt mit.
Wir werden also noch weitere Stationen dieser Art in Deutschland sehen?
Ruchti: Das ist die Zielsetzung. Wir haben jetzt schon einen weiteren Standort…
Im Auge?
Nicht nur im Auge. Bei einem Projekt sind wir schon in der technischen Planung und Ausgestaltung. Und weitere Projekte haben wir in der Pipeline.
„Wichtiger als ein günstiger Preis ist den Kunden das Ladeerlebnis“, sagte Anton Achatz von Mer Deutschland kürzlich in einem Interview. Sie stimmen ihm da zu?
Tonini: Befragungen und Bewertungen in sozialen Medien zeigen uns, dass unsere Kunden mit dem Ladeerlebnis an unseren Stationen generell zufrieden sind. Aber entscheidend ist, dass der Kunde wiederkommt. Und das haben wir relativ oft an den Standorten
Woran liegt das?
Es ist das Gesamtpaket. Es ist bei uns in Summe unkomplizierter als vielleicht bei manchen Marktbegleitern, sein Elektroauto zu laden. Man kann bei uns Autocharge machen, braucht also keine Ladekarte oder App mehr. Auch ist unsere App sehr einfach zu bedienen. Wir haben auch Stellplätze, die ausreichend breit sind – in der Regel 2,80 Meter. Das verhindert umständliche Rangiererei. Wir sehen zudem zu, dass wir stets die neueste Ladetechnologie verbauen und den Elektroautos die passenden Ladeleistungen bieten können. Manche Marktbegleiter denken derzeit eher an geringere Leistungen, um Geld zu sparen..

Der Polestar 3 mit 800-Volt-Technologie nimmt Gleichstrom mit bis zu 350 kW auf, andere Premium-Stromer sogar mit über 500 kW. Foto: Rother
Dabei steigt die Ladeleistung von E-Autos stetig an, erste laden den Strom bereits mit 600 kW und mehr. Da werden hier bald ein Upgrade fällig.
Wir bauen aktuell primär Charger mit 400 kW Leistung auf. An Standorten, wo es sinnvoll ist, gehen wir auch höher. Es ist immer so ein bisschen ein Henne-Ei-Thema. Die Autohersteller geben vor, was die Fahrzeuge an Leistung abrufen können – und die Industrie liefert nach. Wir können nicht einfach von heute auf morgen die Anschlussleistung verdoppeln und dafür die ganze Hardware tauschen. Aber unsere Anlagen sind langlebig angelegt. Zum Beispiel sind die Kabel im Boden und die Trafo-Stationen großzügiger dimensioniert als nötig, um auch künftig leistungsfähig zu sein.
Im zweiten Teil des EDISON-Ladetalks schildern Tonini und Ruchti ihr Erfolgsgeheimnis.