Der erste Alpine der Neuzeit, der im Frühjahr 2017 vom damaligen Renault-Chef Carlos Ghosn auf dem Genfer Automobilsalon präsentiert wurde, war eine vergleichsweise einfache Übung. Die Designer des Konzerns holten sich zu Studienzwecken kurzerhand ein Exemplar des legendären A110 von 1961 aus dem Werksmuseum, übernahmen für den neuen Sportwagen die Grundform und interpretierten sie nahe am Original neu. Den 1,8 Liter Turbomotor für den Zweisitzer lieh man sich beim Allianzpartner Nissan und polierte ihn ein wenig auf, um ihm 252 PS zu entlocken. Das reichte schon, um Alpine-Fans in Frankreich und dem Rest der Welt zu begeistern. So sehr, dass bis heute gut 20.000 Exemplare von dem Flitzer verkauft werden konnten. Zu Preisen zwischen knapp 66.000 und gut 120.000 Euro.
Das zweite Modell der Marke war noch schneller realisiert. Basis für den Alpine A290, der im November 2024 eingeführt wurde, war der vollelektrische Renault 5 E-Tech. Stärkere Motoren an der Vorderachse, ein paar Anbauteile vorn und hinten, dazu Sportsitze und ein paar Modifikationen im Innenraum – und ab ging es in den Verkaufsraum. Dort wird der Stadtflitzer seitdem zu Preisen zwischen 39.000 und 45.000 Euro als elektrischer Appetizer angeboten. Gut 2300 Exemplare der kompakten Elektro-Rennsemmel gingen 2024 über den Ladentisch, in diesem Jahr sollen es gut 3000 Einheiten werden. Knapp tausend davon dürften in Deutschland eine Heimat finden.

Auch mit der Heckpartie haben sich die Designer viel Mühe gegeben: Die Perspektive werden die meisten Autofahrer vor Augen haben.
Aber nun wird es ernst, für Alpine-CEO Philippe Krief und die wiederauferstandene Sportwagenmarke aus Dieppe – und deutlich herausfordernder: Mit dem neuen A390 wagt sich Alpine in gänzlich neue Gefilde vor. Einem „Sport Fastback“ von 4,61 Metern Länge, der mit insgesamt drei Elektromotoren Spitzenleistungen von bis zu 345 kW oder 470 PS generiert und die Dynamik des A110 mit der Alltagstauglichkeit sagen wir mal eines Renault Megane E-Tech verbindet. Das Ganze zu einem Preis ab 67.500 Euro in Deutschland. Der mit ein paar feinen Extras und im kommenden Jahr mit der Topversion GTS auch schnell die Marke von 80.000 Euro reißt.
Dagegen ist ein BMW i4 selbst in der M-Version (ab 72.900 Euro) fast schon ein Schnapper. Von einem Hyundai Ioniq 6 in N-Line-Ausführung (ab etwa 65.000 Euro) ganz zu schweigen. Aber auch mit dem Polestar 4 (ab 77.000 Euro in der allradgetriebenen Long Range-Ausführung) sowie dem Mercedes CLA 350 4Matic (ab 70.000 Euro in der AMG Line) werden sich die Franzosen im kommenden Jahr messen lassen müssen. Das könnte spannend werden.
Renault Scenic lässt grüßen
Vor der Konkurrenz fürchten oder gar verstecken muss sich Alpine mit dem Alpine A390 allerdings nicht – so unser Eindruck nach einer ersten Testfahrt mit dem „Sport Fastback“ in Südspanien. Die Designer haben ein Fahrzeug auf die Räder gestellt, das sich wohltuend vom SUV-Einheitsbreit abhebt und auch vor einem Luxushotel in Marbella eine gute Figur macht. Insbesondere in der Alpine-typischen Lackierung Bleu Vision. Die Dachlinie und die sanft abfallende Heckscheibe hat er vom A110 geerbt, die pfeilförmige Front mit der unverwechselbaren, aus kleinen Dreiecken zusammengesetzten Lichtsignatur sorgt für Überholprestige. Und viele kleine Details zeugen vom Stolz der Designer auf die Markenhistorie, die ihnen die Finanzer dankenswerterweise nicht verboten haben.

Das Lenkrad des A390 mit rotem Boost-Knopf und blauem Drehschalter für die Rekuperation zeugen vom sportlichen Charakter eines Alpine. Der große Monitor über der Mittelkonsole liefert dem Fahrer auf Wunsch auch viele Daten über Batterie und Motor.
Der Innenraum könnte dem einen oder anderen bekannt vorkommen. Insbesondere denen, die schon einmal einen Renault Megane E-Tech oder einen Scenic E-Tech bewegt haben. Das Cockpit mit dem L-förmigen und hochauflösenden Info-Display hinter dem Lenkrad und über der Mittelkonsole findet sich im A390 ebenso wieder wie die Türverkleidung oder das Lenkrad. Nur dass die Teile hier feiner eingekleidet sind. Und statt wie bei Renault über einen Lenkstockhebel werden hier wie schon im A290 über große runde RND-Drucktasten gewählt. Am Lenkrad gibt es dafür zusätzlich eine rote Boost-Taste zur Verkürzung von Überholvorgängen und einen blauen Drehschalter, über den in vier Stufen das Maß der Energie-Rückgewinnung dosiert wird.
Phänomenales Torque-Vectoring-System
Und natürlich verfügt der Alpine über richtige Sportsitze mit viel Seitenhalt und ordentlicher Schenkelauflage. Und das aus gutem Grund: Die drei Elektromotoren (zwei an der Hinter- , einer an der Vorderachse) sorgen schon in der von uns getesteten GT-Version mit einer Systemleistung von 295 kW oder 400 PS sowie einem maximalen Drehmoment von 661 Newtonmetern für einen „Wumms“ beim Ampelstart. Auf der Landstraße ist bei freier Fahrt die 100-km/h-Marke nach 4,8 Sekunden erreicht, der erste Kilometer nach 24 Sekunden durcheilt.
Das sind echte Sportwagen-Werte, die man nicht nur mit dem berühmten Popometer und im Nacken spürt. Ein Soundsystem gibt den Insassen auf Wunsch auch akustisch Rückmeldung über die Arbeit der Motoren, leise grollend, aber nie aufdringlich. Den Grundlayer dazu lieferte übrigens ein Alouette 3 – ein leistungsstarker Hubschrauber, der von französischen Rettungskräften viele Jahre bei Einsätzen im Hochgebirge eingesetzt wurde.

Der A390 ist nicht nur ein Sportwagen mit hohem Überholprestige, sondern auch Familienauto mit hohem Fahrkomfort.
Ja, Alpine will auch mit dem A390 hoch hinaus und hat sich deshalb mit Antrieb und Fahrwerk viel Mühe gegeben. So verfügt der Alpine über ein patentiertes Torque Vectoring-System, das die Drehmomente der Motoren angepasst an die Fahrsituationen in Millisekunden auf die vier Räder verteilt. Das sorgt für eine Dynamik, die das relativ hohe Gewicht des Elektro-Stromers von 2124 Kilogramm vergessen macht. Spezialreifen von Michelin sorgen obendrein dafür, dass die Kräfte ohne Reibungsverluste auf die Straße kommen und das Fahrzeug enge Kurven auch mit hohen Geschwindigkeiten sicher durcheilen kann. Selbst dann, wenn die Fahrbahn Wellen aufweist.
89 kWh-Akku aus französischer Produktion
Und ohne dass die Unebenheiten in den Fahrgastraum dringen: Die Ingenieure haben ein Fahrwerk entwickelt, das Sportlichkeit und Komfort auch ohne adaptive Dämpfer in wunderbarer Weise vereint. Chapeau! Aber schließlich soll der A390 ja auch ganz entspannt bewegt und als Familienauto genutzt werden können. Da hilft dann nur, den rechten Fuß vom Fahrpedal zu nehmen und vom „Track“- in den Komfort-Modus zurückzuschalten. Auch um den Aktionsradius nicht allzu schnell schrumpfen zu lassen.
Der Lithium-Ionen (NMC)-Akku des französischen Herstellers Vercor fasst zwar 89 KWh. Damit lassen sich in Deutschland bis zu 551 Kilometer zurücklegen, in Frankreich dank eines „Active Shutter“ in der Frontmaske (der bei uns aus Versicherungsgründen – Stichwort: Reparaturkosten – weggespart wurde) noch ein paar Kilometer mehr. Davon bleiben allerdings maximal 350 Kilometer übrig, wenn den Fahrer der Stachel lockt. Wir landeten bei unserer dreistündigen ersten Testfahrt durch die Sierra Blanca laut Bordcomputer bei einem Durchschnittsverbrauch von 26 kWh/100 km. Angeblich sind im Flachland aber auch Stromverbräuche von unter 20 kWh/100 km drin – es liegt also am Fahrer, wie weit der A390 die Familie und ihr Reisegepäck trägt.

Der Kofferraum des Alpine A390 fasst 532 Liter, in etwa so viel wie der BMW iX3. Unter dem Boden gibt es ein großes Fach für das Ladekabel – unter der Frontaube war kein Platz mehr für ejnen Funk. Fotos: Alpine
Stromverbräuche und Reichweiten haben im Zeitalter der Elektromobilität einen hohen Stellenwert, die Ladegeschwindigkeit ist hier fast wichtiger als die Höchstgeschwindigkeit des Fahrzeugs. Und hier enttäuscht der Alpine leider. Als 400-Volt-System kommt der 200 km/h schnelle A390 in der GT-Version auf eine maximale Ladeleistung von 150 kW, der GTS soll Gleichstrom mit maximal 190 kW aufnehmen können. Wird der Akku ordentlich vorkonditioniert, ist der Stromspeicher am Schnelllader spätestens nach 30 Minuten wieder zu 80 Prozent gefüllt – das geht zumindest bei einigen der Wettbewerber inzwischen deutlich schneller.
800-Volt-Technik folgt später
Mehr habe die Plattform nicht hergegeben, bedauern die Entwickler – und deuten an, dass der vollelektrische Nachfolger des A110, der 2027 auf den Markt kommt, über 800-Volt-Technik verfügen wird. Immerhin kann der A390 schon jetzt als rollender Heimspeicher genutzt werden und den im Akku gespeicherten Strom wieder abgeben – Stichwort bidirektionales Laden. Da ist der Alpine wieder auf der Höhe der Zeit. Gleiches gilt für die Ökobilanz des Stromers, der zu einem Viertel seiner Gesamtmasse – einschließlich der Batterie – aus kreislauffähigem Material besteht. Es lebe der Sport, aber Umwelt und Klima sollten darunter nicht leiden.