Audi macht gerade schwere Zeiten durch. Die einstige Perle im Volkswagen-Konzern hat an Glanz verloren, ist vom Ertragsbringer zum Problemfall geworden. Die Zölle von US-Präsident Trump, die Kosten für den Konzernumbau und schwache Geschäfte in China haben den Gewinn von Audi im ersten Halbjahr einbrechen lassen. Auch kostete die Erneuerung der Modellpalette Absatzvolumen. Weil manche Modelle in die Jahre gekommen sind – und weil manche Modelle später serienreif wurden als ursprünglich geplant. Wie beispielsweise der Audi A6 e-tron. Eigentlich sollte die elektrische Business-Limousine schon 2022 in den Handel kommen. Doch wegen Software-Problemen bei der neu konzipierten „Premium-Plattform Electric“ (PPE) mussten die Audi-Entwickler auf die Bremse treten. Die Folge: Erst zum Jahreswechsel rollte in Ingolstadt die Produktion des vollelektrischen Flaggschiffs endlich an.

Aber das Warten hat sich gelohnt. Das zeigte nicht nur der Alltagstest mit dem Modell in den zurückliegenden Wochen. Ob der A6 e-tron tatsächlich die „neue elektrische Avantgarde“ darstellt, wie die Texter in der Audi-Presseabteilung meinen, sei erst einmal dahingestellt. Ja, mit einem 800-Volt-Bordnetz und Ladeleistungen von bis zu 270 kW spielt das nach dem Porsche Macan zweite Modell auf der neuen PPE-Plattform in der ersten Elektro-Liga mit. Und auch die Normreichweite von bis zu 673 Kilometern kann sich sehen lassen – auch wenn sie im Alltagsverkehr mit einem hohen Autobahnanteil, so viel sei hier schon einmal verraten, deutlich geringer ausfällt.

Schöne Aussichten 
Limousinen sind gerade nicht besonders populär. Der Audi A6 Sportback e-tron könnte dafür sorgen, dass sich der Wind wieder dreht.
Schöne Aussichten
Limousinen sind gerade nicht besonders populär. Der Audi A6 Sportback e-tron könnte dafür sorgen, dass sich der Wind wieder dreht.

Aber der Blick in die Preisliste dürfte die meisten Interessenten schocken: Unter 62.800 Euro für die Sportback genannte Fließheck-Limousine geht gar nichts. Und dann ist auch nur eine Batterie an Bord, die brutto lediglich 83 kWh Strom speichert, von denen 75,8 kWh für den Fahrbetrieb vorgesehen sind. Unser Testwagen in der Performance-Version hatte die große Batterie mit brutto 100 und netto 94,8 kWh an Bord, verfügte nur über einen Heckantrieb mit einer Maximalleistung von 270 kW oder 362 Euro – und schrammte mit allerlei kostspieligen Extras wie dem „Tech Pro“ genannten Ausstattungspaket (das unter anderem ein Luftfahrwerk und LED-Matrix-Scheinwerfer beinhaltet) schon an der Schwelle zur Sechsstelligkeit.

Hoher Preis – aber auch hohe Wertstabilität

Puh, das muss man sich erst einmal leisten können. Und wollen: Elektroautos mit ähnlichen Leistungsdaten aus China wie etwa der neue XPeng P7 gibt es schon zu deutlich niedrigeren Preisen. Trösten kann da nur, dass die Hauptwettbewerber „made in Germany“, der BMW i5 (ab 70.200 Euro in das Basisausstattung) und der Mercedes EQE 350+ (ab 71.411 Euro), sich auf einem ähnlich hohen Preisniveau bewegen.

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Audi A6 Sportback e-tron Performance

Motor: Heckantrieb mit 270 kW Systemleistung (280 kW m. „Launch Control“) und 565 Nm Drehmoment;
Batterie: Lithium-Ionen-Akku (NMC) mit brutto 100, netto 94,9 kWh Speicherkapazität;
max. Ladeleistung: 11 kW AC, 270 kW DC; Reichweite (WLTP-Norm): 673 Kilometer;
Länge/Breite/Höhe (mm): 4928/2137/1527;
Basispreis: 75.600 Euro; Testwagenpreis: 98.675 Euro.

Und noch ein Punkt spricht für den Audi A6 e-tron – seine hohe Wertstabilität. Die prognostizieren zumindest die Experten von Schwacke, die zusammen mit den Kollegen von AutoBILD den großen Stromer zum „Wertmeister 2025“ kürten. In der Kategorie Oberklasse, und das nicht nur in der rein elektrischen, sondern auch in der offenen Klasse, in direkter Konkurrenz mit konventionell angetriebenen Premium-Fahrzeugen. Vorausgesagt wird, dass der Audi nach drei Jahren und 60.000 Kilometern Laufleistung auf dem Markt noch 57,1 Prozent seines Kaufpreises erzielen wird. Zumindest in der Kombiversion Avant. Für die Limousine fällt die Prognose ein paar Punkte niedriger aus. Nicht weil das Fahrzeug schlechter wäre, sondern weil die Karosserieform in unseren Breiten derzeit nicht besonders populär ist.

Kurze Pause 
Dank einer maximalen Ladeleistung von 270 kW fallen die Ladestopps erfreulich kurz aus. Die Besichtigung der Schokoladenproduktion in Bad Honnef muss da leider ausfallen. Fotos: Rother
Kurze Pause
Dank einer maximalen Ladeleistung von 270 kW fallen die Ladestopps erfreulich kurz aus. Die Besichtigung der Schokoladenproduktion in Bad Honnef muss da leider ausfallen. Fotos: Rother

So oder so: Wer es sich leisten kann – oder einen Arbeitgeber hat, der einem ein solches Luxusgefährt als Dienstwagen spendiert – kann sich glücklich schätzen. Denn eine bessere Reiselimousine als den 4,93 Meter langen Audi A6 Sportback e-tron performance – so der vollständige Namen unseres Testwagens – können wir uns nach der 14-tägigen Er-Fahrung mit dem Elektroauto kaum vorstellen.

Hohe Reichweiten dank ausgefeilter Aerodynamik

Der Fahrkomfort ist dank des Luftfahrwerks und der umfangreichen Maßnahmen zur Geräuschdämmung einzigartig. Und aufgrund der ausgefeilten Aerodynamik (cW-Wert 0,21) hält sich der Verbrauch auch auf flotten Autobahnfahrten mit einem Schnitt von 20,5 kWh/100 km in Grenzen. Auf der Landstraße kamen wir sogar auf Werte unter 17 kWh/100 km. Damit kamen wir auf Reichweiten zwischen gut 470 und knapp 600 Kilometer. Das kann sich sehen lassen – auch wenn die auf dem Rollenprüfstand ermittelte Norm-Reichweite deutlich unterschritten wurde.

Alles im Griff 
Der Audi A6 e-tron erklärt sich im wesentlichen selbst. Für die wichtigsten Funktionen gibt es Knöpfe und Tasten. Und auch das Infotainment-System mit der Vielfalt an Einstellmöglichkeiten hat der Fahrer schnell verstanden.
Alles im Griff
Der Audi A6 e-tron erklärt sich im wesentlichen selbst. Für die wichtigsten Funktionen gibt es Knöpfe und Tasten. Und auch das Infotainment-System mit der Vielfalt an Einstellmöglichkeiten hat der Fahrer schnell verstanden.

Dafür waren die hohen Ladeleistungen am Highpower-Charger nicht nur Prospektwerte. Mehrfach sahen wir Werte um die 270 kW bei den Ladestopps. Und das Schöne daran: Sie lagen nicht nur wenige Sekunden, sondern etliche Minuten an. Mit dem Ergebnis, dass der Akku schon nach 20 Minuten wieder zu 80 Prozent gefüllt war. Ja, Lademanagement beherrschen sie bei Audi. Und das schon seit dem ersten e-tron. Und der saß noch nicht auf der PPE-Plattform und besaß noch eine 400-Volt-Architektur. Entsprechend niedrig fallen heute die Restwerte für den Elektro-SUV aus: Vier Jahre alte Exemplare des Typs mit weniger als 50.000 Kilometern „auf der Uhr“ sind auf einschlägigen Internet-Plattformen wie mobile.de schon für unter 25.000 Euro zu haben.

Viele innere Werte

Aber zurück zum Audi A6 e-tron, der technologisch schon einen großen Schritt weiter ist und seine Spitzenposition in dem Marktsegment noch eine ganze Weile behaupten dürfte. Die deutschen Premium-Konkurrenten im Limousinen-Format – der BMW i5 und der Mercedes EQE – hinken mit ihrer 400-Volt-Plattform ladetechnisch hinterher. Ebenso wie der nagelneue XPeng P7+, der zwar mit einer maximalen Ladeleistung von 470 kW glänzt, mit einer Länge von über fünf Metern europäische Garagen-Dimensionen sprengt. Und während dem Chinesen schon bei Tempo 200 die Puste ausgeht, kann der Audi A6 e-tron mit 210 km/h über die Autobahn flitzen. In der S-Version sogar mit 250 km/h. In der Klasse sind das von zumindest von Dienstwagen-Fahrern geschätzte Werte.

Kurz gewischt - und schon offen 
Der Frunk unter der Fronthaube lässt sich mit einer Handbewegung über das Audi-Logo in der Frontmaske öffnen, um das Ladekabel und anderes Kleinzeug zu verstauen. Ansonsten gibt es hier nicht viel zu sehen - außer dem Einfüllstutzen für das Scheibenwasser.
Kurz gewischt – und schon offen
Der Frunk unter der Fronthaube lässt sich mit einer Handbewegung über das Audi-Logo in der Frontmaske öffnen, um das Ladekabel und anderes Kleinzeug zu verstauen. Ansonsten gibt es hier nicht viel zu sehen – außer dem Einfüllstutzen für das Scheibenwasser.

Wir hingegen haben an unserem Testwagen andere Werte geschätzt. Etwa das großzügige Platzangebot, die große Heckklappe über dem 502 Liter fassenden Kofferraum. Auch für einen „Frunk“ unter der Fronthaube haben die Audi-Entwickler Platz gefunden. Und der ist mit einem Fassungsvermögen von 27 Litern so groß, dass er mehr fasst als nur das Ladekabel. Der besondere Clou hier: Der Frunk lässt sich allein mit einer Handbewegung über die vier Ringe in der Kühlermaske öffnen. Da hat jemand mitgedacht.

„Vorsprung durch Technik“ in vielen Details

„Vorsprung durch Technik“: Audi wirbt seit mittlerweile über 50 mit dem Markenclaim. Mal mit größerer, in jüngerer Zeit mit eher geringerer Berechtigung. Doch der A6 e-tron zeigt nicht mit seiner ausgefeilten Lichttechnologie, dass sich unter dem neuen CEO Gernot Döllner die Marke wieder auf alte Tugenden besinnt. Als besonders smart erlebten wir im Testwagen unter anderem das innovative Panorama-Glasdach, das sich in mehreren Schritten abdunkeln lässt, wenn die Sonne allzu heftig in den Innenraum strahlt. Auf Knopfdruck verwandeln Flüssigkristalle das getönte Klarglas sekundenschnell in Milchglas, so dass die Klimaanlage einen Gang runterschalten kann – und der Fahrer auch bei Außentemperaturen von über 30 Grad Celsius einen kühlen Kopf behält.

Gut nur für die Aerodynamik
Um die Türen zu öffnen, muss in den Schacht gegriffen und ein Taster gedrückt werden. Im Test funktionierte das nicht immer auf Anhieb. Rettungskräfte sind von der Lösung sicher auch nicht begeistert.
Gut nur für die Aerodynamik
Um die Türen zu öffnen, muss in den Schacht gegriffen und ein Taster gedrückt werden. Im Test funktionierte das nicht immer auf Anhieb. Rettungskräfte sind von der Lösung sicher auch nicht begeistert. In China könnten solche Tür-Lösungen bald verboten werden.

Auch der smarte Routen- und Ladeplaner sowie die Sprachsteuerung zeigen, dass sie in Ingolstadt erkannt haben, dass sich (relativ) hohe Preise nur rechtfertigen lassen, wenn das Fahrzeug den Käufern oder Nutzern einen echten Mehrwert bietet. In Form eines Zeitgewinns oder in Gestalt einer einfachen Bedienung. Über die plan in die Außenhaut integrierten Türgriffe und deren Funktionalität sollte man deshalb bei Audi vielleicht noch ein paar Gedanken machen – sie erwiesen sich bei unserem Test manchmal als etwas kratzbürstig und widerspenstig. Da wird sich Audi etwas einfallen lassen müssen. Auch weil derartige Tür-Lösungen in China ab 2027 verboten werden könnten.

Aber alles in allem hinterließ der heckgetriebene Audi a6 e-tron performance einen exzellenten Eindruck. Der Fahrspaß kam auch dank Luftfederung und einer präzisen Lenkung nicht zu kurz, die Neigung, auf der Autobahn Spuren in der Fahrbahn nachzulaufen, war eher dem Zustand der Straße als dem Fahrzeugzuzuschreiben. Der Stromverbrauch ging mit Blick auf die hohen Antriebleistung und die dynamischen Qualitäten in Ordnung. Und die Möglichkeit, den Akku über gleich zwei Ladeports vorne laden zu können, dürfte Vielfahrer freuen – so manche Rangierfahrt bleiben ihm so erspart. Jetzt heißt es warten – auf die ersten Leasingrückläufer in drei Jahren. So für 40.000 Euro wäre ein angebrauchter A6 ein echter „Schnapper“ auch für Normalverdiener.

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