Alles stimmt, nichts sollte anders sein. „Heiter bis wolkig“, hat das Smartphone vorhin vermeldet. Kuschlige Julisonne, ein leichter Wind. Und schon auf der Fahrt nach Hennigsdorf (im Norden Berlins) dieser intensive Geruch von frisch gemähten Gras. Das lieben Zweirad-Fahrer.

Da steht das Ding: eROCKIT. „Das schnellste Fahrrad der Welt“, haben sie in der netten Einladung geworben. Das schrägste Motorrad. In unserem Fall: krasses Knallrot. Sehr schlank. Stylisch wie ein Naked Bike. Dieser breite crossige Magura-Lenker. Und unten Pedale mit kreisrunder Trittfläche! Wir ahnen es: Das gibt hier gleich Krawall und Remmidemmi.

Geduldig, aber schon ein wenig zapplig, hören wir der obligatorischen Einweisung zu, obwohl wir (Psst, nicht verraten!) uns die Bedienungsanleitung über diverse Internet-Kanäle längst reingezogen haben. Soso, ein klassisches Zündschloss (aus dem analogen Zeitalter) und am rechten Handgriff der Fahrschalter, um die Pedale elektrisch scharf zu schalten. Jawoll, gleich daneben der Taster für die Fahrmodi (Langsam, Mittel, Schnell). Linkerseits die Bedienung für Parklicht und Hupe, Abblend- und Fernlicht. Dazu die Blinkerbedienung. Und im schlanken Tacho-Display die Anzeigen für den Ladezustand des Akkus, Geschwindigkeit, Uhrzeit, Kilometerstand und so.

Danke, Häkchen, das hätten wir. Jetzt aber los. Runter vom Ständer, Helm fixieren, Fahrschalter umlegen. Rechtes Pedal schön nach oben. Wie beim Fahrrad. Und treten.

Kichern unterm Helm
Autor Wolfgang Eschment beim Start zur ersten Ausfahrt mit dem „schnellsten Fahrrad der Welt“. Foto: eROCKIT

Das eROCKIT reagiert auf unsere vorsichtige Kurbelei brav mit sanfter Beschleunigung und einem angenehmen Elektrosound. Feines Fahrradtempo. Ja, echt jetzt, die Pedale sind unser Gasgriff. Geht kinderleicht, also kein Problem für zarte Waden. Die breitschultrige Sitzposition mit der ziemlich geraden Rückenhaltung (avisiert sind 60 Grad) und die zackigen Reaktionen der Maschine erinnern uns sofort an ein Mountainbike. Genau dieses Feeling sei beabsichtigt, haben wir gerade gehört.

Inzwischen strampeln wir locker zwischen Tempo 30 und 50. Raus aus dem Gewerbegelände, das erste Bremsmanöver vor dem Abbiegen auf die Landstraße. Natürlich mit beiden Hebeln. Geht überraschend zackig, das Ding steht wirklich in Nullkommanichts. Dabei klickert es lustig aus Richtung des luftgekühlten Motorcontrolers unterhalb des Sattels. Und dann rollen wir im dichten Hennigsdorfer Nachmittagsverkehr auf der Landstraße. Mit schlappen 60 km/h.

Bis es uns dann packt. Zügigeres Kurbeln, und das Ding beschleunigt wie die Hölle. Wusch, der Tacho reißt die 85 km/h, der Wind zerrt lustig am Helm und uns geht es erst einmal ein bisschen zu fix. Nach mehreren Wiederholungsübungen sehen wir das deutlich gelassener, zumal die Straßenlage spürbar auf der satten Seite bleibt. Sicherer Geradeauslauf, kein flatternder Lenker und in den zwei engeren Kurven (Innenknie raus wie früher in den wilden Zeiten) unserer Teststrecke reagiert das handliche Gerät auch beruhigend gutmütig, obwohl das Gewicht des hochragenden Akkus (28 Kilogramm) dabei natürlich zu spüren ist.

In Ehrfurcht vor dem Grenzbereich

Rücksichtsvoll lehrt uns das eROCKIT erst mal ein bisschen Ehrfurcht vor dem Genzbereich, ohne uns gleich an die Gurgel zu gehen. Wenn wir in den Ecken ein bisschen aufmerksam sind und vor lauter Euphorie nicht völlig durchdrehen. Aber das kennen wir ja auch vom Mountainbike-Rackern, und schon auf der Rückfahrt fühlen wir uns hübsch wohl auf dem Bock. Als ob wir das gute Stück seit Tagen unterm Hintern haben. Und beim Ausrollen vor dem eROCKIT-Quartier sind wir im Kopf entschlackt und durchgepustet wie nach einer Stunde, genau, Radfahren.

Was wir in den Städtchen Hennigsdorf und Velten sowie der ländlichen Umgebung auch erlebt haben: Der flotte Start eines einzigen eROCKIT an der Kreuzung reicht, um sämtliche motorisierten Neben- und Hinterleute (inklusive eines am Straßenrand staunenden Motorrad-Fanboys) aus dem inneren Gleichgewicht zu bringen. Großes Kino. Und der VW Golf im Rückspiegel hat zweimal umsonst zum Überholen angesetzt. Leichtes Kichern unterm Helm.

Holla, die Waldfee
Die Beschleunigungswerte sind atemberaubend, obwohl man lediglich in die Pedale tritt.

Ob es denn auch was zum Meckern gibt? Wenig. Der Sattel könnte etwas höher sein für unsere 1,94 Meter Körpergröße. Ungünstiger Kniewinkel beim Treten. Auch die Lenkerposition war nicht optimal. Aber das alles ließe sich beim nächsten Mal anpassen. Ganz abgesehen davon, dass hier wirklich jeder Sattel passen würde. Gut, an der Modulation des E-Sounds ließe sich auch noch etwas feilen. Schon in Arbeit, erfahren wir später.

„Erst 10 Prozent der Ideen verwirklicht“

Auch hätten wir gern für (manchmal notwendige) Tempostarts, kurze Überholmanöver oder andere enge Momente etwas mehr Gegendruck in den Pedalen. Kickdown da unten? Das geht so nicht, die Kraft will sich mehr linear entfalten. „Die Pedaltrieb-Steuerung überarbeiten wir“, deutet eROCKIT-Chef Andreas Zurwehme dazu an. Ein glühender Zweiradfahrer (schon deshalb sympathisch), der pausenlos im Stakkato reden kann. Ab Herbst, so verraten uns dann die Techniker, soll sich der Trittwiderstand wie zu Hause beim Hometrainer variieren lassen. Wir stellen uns das so vor: Morgens tiefenentspannt im feinen Dress zur Arbeit trudeln, abends dann gegen mehr Gegendruck ein bisschen auspowern.

Und wie es bitte mit einem Gepäckträger wäre? Schon eingeplant, es soll in Kürze ein verschließbares Topcase geben. Und dann fragen wir noch nach einem Soziussitz für Mitfahrer/innen. Ruhig Blut heißt es, der sei auch in Sicht. Na bestens, mehr fällt uns im Moment auch nicht ein.

Zurwehme grinst: „Wir haben erst zehn Prozent unserer Ideen verwirklicht, in fünf Jahren können Sie vielleicht die Leistung per Smartphone-App steuern“. Und dann schwelgt er noch ein bisschen in reizenden Zukunftsvisionen. Man könnte ja unter dem Slogan „Human Hybrid“ schließlich noch ganz andere Fortbewegungsmittel bauen. Zum Beispiel rasante elektrische Jetskis mit fast geräuschlosem Pedalantrieb („Ich habe da schon was im Computer“), der alle Verbrenner-Pendants schlagartig steinalt aussehen ließe. Wäre doch ein wundervolles Spielzeug in den vielen maritimen Luxusresorts dieser Welt. Und ernsthaft, mit diesem elektrischen Pedalantrieb könne er sich sogar ein spezielles Segelflugzeug vorstellen.

Alles im Blick
Auf Motorrad macht das eROCKIT mit „Zündschlüssel“ und einem großformatigen Info-Display am Lenker.

Wo bleiben die technischen Daten? Gemach, gemach. Auf der nächsten Seite kommen sie.

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