Mein allererstes Mountainbike besitze ich noch. Ein Gran Canyon von Schauff von 1993, mit gefederter und stufenlos einstellbarer Hinterradschwinge, einer starren, aber verchromten Federgabel, mit Chromoly-Stahlrahmen und einer 21-Gang-Schaltung von Shimano in der Ausführung XT. Als „enorm wendig und strapazierfähig, handlich und leicht zu verstauen“, empfahl es der Hersteller aus Remagen allen „Bikern, die ihren Rädern etwas abverlangen.“

Da musste ich natürlich zugreifen, auch wenn das Fahrrad doch ein tiefes Loch in die Kasse riss: Wenn ich mich recht entsinne, entrichtete ich damals über 1000 Mark (!) für das Bike, das damals natürlich rein mit Muskelkraft betrieben wurde. Das Pedelec-Prinzip, also eine elektrische Trittunterstützung, war damals schon in der Zweiradindustrie angedacht. Aber gegen die knatternden Mofas hatten die E-Bikes damals keine Chance.

6.999 Euro sind ein stolzer Preis

Inzwischen hat sich der Markt völlig gedreht, werden E-Bikes hierzulande nicht nur häufiger verkauft als Mofas (gibt es die überhaupt noch?). Sie haben auch langst die sogenannten Bio-Bikes überflügelt – nach Stückzahlen und natürlich auch beim Preis.

Purple, aber nur noch wenig gloss 
Auf Schotter und Waldböden schlug sich das Allmnt 11 prächtig, schlammige Gründe überforderten allerdings die Reifen.
Purple, aber nur noch wenig gloss
Auf Schotter und Waldböden schlug sich das Allmnt 11 prächtig, schlammige Gründe überforderten allerdings die Reifen.

Das Haibike Allmtn 11 CF, das mir vor einigen Wochen ein Spediteur zum Testen nach Hause brachte, steht mir immerhin 6.999 Euro in der Preisliste. Für den Preis gibt es alternativ auch einen acht Jahre alten Smart ForTwo Electric oder einen zwei Jahre alten Fiat Panda mit Klimaanlage. Da schluckt man erst einmal. Dabei handelt es noch nicht mal um ein Highend-Mountainbike – für die werden inzwischen Preise von über 10.000 Euro aufgerufen. Doch die Vorfreude auf die erste Ausfahrt legte sich schnell über den Preisschock. Zumal das e-MTB von Haibike in einer ähnlichen Farbe daherkam wie mein Schauff: Violettmetallic. Oder Purple-Gloss, wie es beim Hersteller heißt.

Bärenstarker Bosch-Motor

Und wie damals pries der Hersteller auch hier einen echten Alleskönner an – „perfekt für ambitionierte Rider, die bergauf und bergab keine Kompromisse machen möchten.“ Na klar, das passt. Erst recht mit der Ausstattung. Für eine kraftvolle Trittunterstützung am Berg sorgt der nagelneue Bosch Performance CX Smart System-Motor mit 85 Newtonmeter Drehmoment, für eine ordentliche Reichweite der neue, PowerTube genannte Akku mit 750 Wattstunden (Wh) Speicherkapazität.

Lichterspiele am Lenker 
Über das kompakte LED Remote am Lenker wird nicht nur der Motor, sondern auch die Anzeige auf dem Kiox-Display gesteuert.
Lichterspiele am Lenker
Über das kompakte LED Remote am Lenker wird nicht nur der Motor, sondern auch die Anzeige auf dem Kiox-Display gesteuert.

Der wunderschön gestylte Hauptrahmen besteht aus Carbon, dazu gibt es kraftvolle Vierkolben-Scheibenbremsen von Magura, edle Laufräder von DT Swiss und eine versenkbare Sattelstütze, eine RockShox-Gabel mit 160 mm Federweg undundund – alles ist vom Feinsten.

Mountainbike mit E-Antrieb 40 Prozent aller neu verkauften Fahrräder haben einen elektrischen Hilfsantrieb. Claus Fleischer von Bosch E-Bike-Systems erklärt, wohin die Reise führt. E-Bikes

Auch das Schaltwerk. Natürlich von Shimano und wie bei meinem Gran Canyon in der Ausführung XT. Nur einige Generationen jünger – und mit zwölf Ritzeln statt mit sieben wie einst. Dafür sitzt an der Tretkurbel nun nur ein einzelnes Kettenblatt. Na klar, bei der Trittfrequenz spricht hier der Elektroantrieb ein kräftiges Wort mit.

„Turbo“-Modus weckt den Wespenschwarm

Der im Unterrohr integrierte Akku ist voll geladen, Federgabel und Dämpfer sind in wenigen Minuten eingestellt. Noch kurz den Luftdruck der Reifen kontrolliert – und ab geht die Post mit dem Elektro-Mountainbike in Richtung Siebengebirge. Der Sitzwinkel ist etwas steil, die Rahmengeometrie sportlich und der Bosch-Antrieb ganz schön kräftig. Schon in der (nach „Eco“ zweithöchsten Stufe „Tour+“ liefert er ordentlich Drehmoment, im Modus „Turbo“ gibt es kein Halten mehr: Fast jede Steigung meistert man damit, ohne richtig ins Schnaufen zu kommen. Jedenfalls nicht in einer Mittelgebirgs-Landschaft.

Turbo-Power
In der höchsten von vier Unterstützungsstufen liefert der Bosch Performance-Antrieb bis zu 85 Newtonmeter Drehmoment.

Laut wird es trotzdem: In der höchsten Unterstützungsstufe summt die Bosch-Maschine wie ein Wespenschwarm in Angriffsformation. Eine Klingel braucht es dann eigentlich nicht mehr – die Fußgänger kriegen des Nahen des Bikers auch so mit.

Schluckfreudiges Fahrwerk

Dafür ist das Fahrwerk des E-Mountainbike sehr schluckfreudig – kein Vergleich mit meinem alten „Gran Canyon“. Das rollte damals allerdings noch auf Rädern im 26-Zoll-Format und vergleichsweise schmalen Reifen (2,25“) über Wurzelwerk und Schotter, beim Haibike sind hinten 27 Zoll aufgezogen, vorne gar 29 Zöller – in 2,6 und 2,8 Zoll Breite. Das bringt zusammen mit einem Radstand von 1,30 Meter große Laufruhe – beim Schauff (ich habe extra noch einmal nachgemessen) war der Abstand der Radnaben 30 Zentimeter kürzer. Die Agilität leidet darunter erfreulicherweise nicht, eher schon unter dem hohen Gewicht von rund 25 Kilogramm, trotz Karbonrahmen zehn mehr als beim alten Bio-Bike mit Stahlrahmen. Akku, Motor und die feinen Federelemente fordern halt ihren Tribut.

alwärts in Grundposition 
Das vollgefederte Haibike Allmtn bietet auch dank eines langen Radstands viel Fahrkomfort. Den Rest kompensieren die Muskeln.
Talwärts in Grundposition
Das vollgefederte Haibike Allmtn bietet auch dank eines langen Radstands viel Fahrkomfort. Den Rest kompensieren die Muskeln.

Den Spaß mit dem All-Mountain-Bike, Uphill wie Downhill, auf befestigten Wegen, aber auch auf losem Untergrund, schmälert das allerdings in keiner Weise. Dank des niedrigen Schwerpunkt, einer gute Gewichtsverteilung, des bärenstarken Motors und des großen Akkus kommt auch bei Touren durch Wald und Flur über 50 Kilometer keinerlei Müdigkeit oder gar Reichweitenangst auf – weder beim Rad, schon gar nicht beim Radler.

Akku-Entnahme nur mit Werkzeug möglich

Die Ergonomie ist dank der kompakten und mit LEDs gespickten Steuerzentrale ausgesprochen gut, mit Zeigefinger und Daumen der linken Hand sind alle Schaltknöpfe gut zu erreichen. Auch der Hebel für die versenkbar Sattelstütze, die für mich allerdings etliche Zentimeter zu lang war – das Einstellen des Sattels auf die passende Höhe mit dem Popometer nervte mitunter ein wenig. Und so schick die Unterbringung des Akkus im Unterrohr auch ist – die Entnahme des Akkus zum externen Laden an einer Steckdose (nicht jeder Biker verfügt über eine Garage oder hat eine Wohnung im Erdgeschoss) ist doch etwas umständlich. Ohne Werkzeug geht das leider nicht.

Smartphone-Kopplung schlug fehl

Die Kopplung des Smartphone mit dem Bosch-Antrieb des Mountainbike – der zu einem Teil des Internets der Dinge werden soll – wollte uns allerdings nicht gelingen. Schade, hätten wir über die App doch noch ein wenig Einfluss auf die Motorcharakteristik nehmen können. Aber prinzipiell ist eine solche Möglichkeit immerhin zu begrüßen. Gewünscht hätte ich mir noch eine Möglichkeit, das Smartphone über einen USB-Anschluss und der Hilfe des Fahrrad-Akkus laden zu können.

Wegweiser, Leihstationen, Lademöglichkeiten - in Österreich und Bayern bemühen sich die Bergregionen um die E-Mountainbiker. Für Anfänger wie Fortgeschrittene sind Touren dabei. Lecker Essen gibt es auch. E-Bikes

Aber das ist schon Meckern auf hohem Niveau. In Summe ließ den Tester die Begegnung mit dem Haibike Allmtn 11 CF schwer beeindruckt zurück. Von der hohen Reife dieses E-Mountainbike und der Qualität der verbauten Komponenten, aber auch insgesamt von den neuen Möglichkeiten, die sich aus der Kombination von Muskel- und Motorkraft ergeben.

Jetzt fehlt nur noch der Lottogewinn, um sich das Fahrrad längerfristig leisten zu können.

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