Im Fußball sind die Linksaußen oft besondere Charaktere. Der ehemalige Star des FC Bayern, Franck Ribéry, ist ein Paradebeispiel. Tobias Wagner ist auch so ein Flügelstürmer: In seiner Jugend spielte er in seinem Heimatclub auf der Position. „Meine Stärke war die Schnelligkeit, nicht so sehr das Dribbling“, erinnert sich der 33-Jährige.
Bei seiner aktuellen Beschäftigung wird er wohl beides brauchen: Schnelligkeit und die Fähigkeit, an allen Hindernissen vorbei den Weg zum Ziel zu finden. Denn Wagner ist ab Sonntag (20. September) auf einer speziellen Mission unterwegs: Mit einem 816 PS starken Mercedes e-Actros 600 will er einmal die Welt umrunden. Nicht in 80 Tagen wie Phileas Fogg in dem berühmten Roman von Jules Verne, sondern mit 80 Zwischenstopps an Ladestationen und Stromanschlüssen aller Art – Daimler Truck hat dafür eigens einen 50-kW-Hypercharger von Alpitronic hinter das Fahrerhaus der Zugmaschine montiert.

Tobias Wagner am Steuer seines Mercedes eActros 600, seines Lieblings-Lkws mit Elektroantrieb. 45.000 Kilometer will er damit bei seiner voraussichtlich einjährigen Weltumrundung zurücklegen. Foto: Marc Krause
Ein ganzes Jahr könnte die rund 45.000 Kilometer lange Tour über China, Australien, Amerika und Afrika zurück nach Deutschland dauern – angepeilt wird die Rückkehr am 7. September 2027 zur IAA Mobility in München. Das allein klingt schon ambitioniert genug. Und während der englische Romanheld in seinem französischen Diener Jean Passepartout einen treuen Helfer an seiner Seite hatte, will Wagner seine Weltreise allein mit seinem Hund Krümelix bewältigen. „Ohne Netz und doppelten Boden. Aber das wird schon“, sagt Wagner mit bayerischen Dialekt und lacht dabei leise in sich hinein, als wir ihn vor seinem Start ins große Abenteuer treffen.
Vom Banker zum Trucker
Wie kommt man nur auf eine solche Idee? Ganz einfach: Die Abenteuerlust wurde Wagner quasi in die Wiege gelegt. Er wächst im beschaulichen Mühldorf am Inn in Bayern auf als jüngstes von drei Kindern auf. Während die Mutter als Rechtsanwaltsgehilfin einem eher konventionellen Beruf nachgeht, restauriert und verkauft der Vater historische Jukeboxen, Flipper- und andere Spielautomaten. Von Kindesbeinen an schraubt Tobias an den Geräten mit und begleitet den Vater zu Messen und Veranstaltungen in Deutschland, Österreich oder den Niederlanden. Wenn der Transporter beladen wird, weiß er schnell, dass es bald wieder auf Tour geht. „Dieses Gefühl habe ich heute noch im Lkw, wenn alles verzurrt ist und ich sage: Jetzt geht’s los. Das sind schöne Momente, die mich an meine Kindheit erinnern“, strahlt er.

Auch die Lust an der Mobilität wird früh geweckt. Ein Motorroller, den er sich mit 15 Jahren zulegt, bringt Freiheit und Spaß zugleich. Das Zweirad hat eine schnittige Optik, ist mit einer Höchstgeschwindigkeit von 45 km/h aber nicht der König der Landstraße. Also wird an dem Roller herumgeschraubt, bis dieser so schnell fährt, wie er aussieht. Aber auch schneller, als die Polizei erlaubt.
Trotzdem gerät er nicht auf eine schiefe Bahn. Nach dem Abitur an der Fachoberschule beginnt Wagner zunächst ein duales Wirtschaftsstudium und steigt als Banker ins Berufsleben ein. „Die dreieinhalb Jahre möchte ich nicht missen. Gleichzeitig merkte ich, dass ich in dieser Branche nicht mein ganzes Leben verbringen wollte. Sie war mir zu elitär, es gab feste Strukturen und Hierarchien, in denen man sich hocharbeiten musste“, sagt er.
Start-up ChargeX schon 2018 gegründet
Also wird um- und aufgesattelt: An der Technischen Hochschule Ingolstadt nimmt er ein Studium in „Automotive & Mobility Management“ auf. Seine Abschlussarbeit, die er 2017 vorlegt, lautet: „Innovative Geschäftsmodelle in der Elektromobilität“. Gespräche mit Fahrern, Spezialisten für Ladetechnik, Flottenunternehmen und Pionieren der Elektromobilität lieferten dafür die Basis. Auch für die eine und andere Geschäftsidee. Etwa für das spätere Start-up ChargeX, das Wagner 2018 zusammen mit dem Ingenieur Michael Masnitza gründet, um Ladeinfrastruktur für gewerbliche Standorte flächendeckend verfügbar zu machen.

Von Hannover über China runter nach Australien und von San Francisco über Mexiko, Peru und Brasilien zurück nach Europa: Wagner hat sich viel vorgenommen. Den Transport des Elektro-Truck über die Ozeane sorgt der Logistikdienstleister DHL. Grafik: Daimler Trucks
Der Jungunternehmer geht in der Aufgabe voll auf. So sehr, dass er zum Elektro-Nomaden wird. Dazu baut er verschiedene Stromer, darunter einen Nissan e-NV200 und einen Kia Soul EV zu kleinen Wohnmobilen um. Sein Tesla Model Y hat hinten eine große Liegefläche und im Frunk vorne sogar eine kleine Küche. Das Dachzelt ist mit einer ausklappbaren Solaranlage versehen, die so viel Energie liefert, dass man im sonnenreichen Afrika bis zu 50 Kilometer weit fahren kann. Das findet er während einer Elektro-Rallye heraus. Seine Wohnung in München kündigt der „Start-up-Unternehmer und Minimalist“ daraufhin. Noch heute lebt der E-Trucker überwiegend in seinem Lkw – amtlich gemeldet ist er immer noch bei seinen Eltern.
„E gewinnt“ als Brettspiel erfunden
Die Kreativität leidet nicht darunter, im Gegenteil. So entwickelt er 2020 das Elektroauto-Brettspiel „E gewinnt“, um Menschen spielerisch an die E-Mobilität heranzuführen. Die Spieler werden darin gefordert, das Beste aus der Kombination aus Akkukapazität, Stromverbrauch und Ladeleistung ihres Autos herauszuholen, um das Fahrziel zu erreichen. Es gilt also, mit Köpfchen möglichst weit und zeitsparend zu stromern – so wie im echten Leben mit einem Elektroauto. Oder während einer Weltumrundung mit einem Elektro-Lkw.

Wagner will seine Tour auch dazu nutzen, um Berufskollegen auf allen Kontinenten für Elektro-Lkw zu begeistern – in vielen Sprachen.
Als Berufskraftfahrer ist Wagner mit denen bestens vertraut. Im Juli 2024 heuert er bei der Spedition Nanno Janssen in Ostfriesland an. Seine Bedingung: Er fährt ausschließlich Elektro-Laster, und die auch nur auf der Langstrecke – um den skeptischen Kollegen und der ganzen Transportbranche zu beweisen, dass die Schwerlastlogistik inzwischen mit Strom genauso gut funktioniert wie mit Dieselsprit. Und das selbst bei 54 Grad in Südspanien oder bei minus 34 Grad im winterlichen Lappland. Sein Wissen und seine Erfahrungen teilt der „Elektrotrucker“ auf einem YouTube-Kanal, den mittlerweile mehr als 107.000 Menschen abonniert haben. Bald sicher noch viel mehr.
Mercedes eActros 600 ist Wagners Lieblings-Stromer
Und zu erzählen hat er schon jetzt eine Menge. Die Batteriekapazität eines Mercedes eActros 600 – Wagners Lieblings-Stromer und Weltreise-Begleiter – beträgt 621 Kilowattstunden. „Den bekommen Sie in viereinhalb Stunden nicht leer, selbst wenn Sie mit 90 km/h einen Berg hinauffahren. Jeder Berg endet irgendwann. Am Ende limitieren eher die vorgeschriebenen Pausen und Ruhezeiten als die Batterie“, erzählt Wagner, der für seinen Arbeitgeber inzwischen Elektro-Lkw verschiedener Hersteller gefahren ist. Natürlich lief nicht immer alles glatt. Bei einer Tour in die Vogesen wäre er mit einer DAF-Zugmaschine beinahe liegen geblieben. Mit nur einem Prozent Restkapazität erreichte er die Passhöhe der Col de la Schlucht. Bergab schaufelte die Rekuperation aber dann wieder 20 Prozent in den Akku.
Ja, Ladestopps sollten auf Fahrten mit einem vollelektrisch fahrenden Lastzug genau geplant sein, um nicht in Gefahr zu geraten, irgendwo am Straßenrand mit einem leeren Akku zu stranden. Bei einer Weltumrundung ohne Zeitdruck ist das trotz der erwartbar schlechten Ladeinfrastruktur in Tadschikistan oder Uruguay weniger eine Herausforderung als für einen E-Lkw-Fahrer, der seine Ladung zu einem fixen Termin beim Kunden abliefern soll. Auch wenn für Wagner die Improvisation beim Stromladen zu den Dingen zählt, die den Alltag interessanter machen, weiß er, dass seine Kollegen auf E-Achse nicht lange nach einer passenden Schnellladesäule suchen möchten.
eTrucker-App statt Ladekarten-Mikado
Also kartografierte er in den vergangenen zwei Jahren auf seinen Touren durch Europa seine Lieblings-Ladepunkte und entwickelte daraus zusammen mit Matthias Brands und Michael Clarke die „eTrucker“-App. Das Angebot kommt an. Inzwischen wurde das Programm fast 20.000-mal heruntergeladen. Damit nicht genug: Zusätzlich bietet Wagner RFID-Chips an, auf denen Speditionen ihre Zugangsdaten zu den Ladesäulen hinterlegen können. So müssen ihre Fahrer auf ihren Touren nicht länger Ladekarten-Mikado spielen.
Tobias Wagner hatte bis zum Start seiner Weltreise als Elektro-Trucker schon rund 200 000 Kilometer durch Europa zurückgelegt und dabei große Fortschritte bei der Entwicklung der Ladeinfrastruktur erkannt. „2024 war das Angebot noch überschaubar. Seitdem hat sich viel getan. Bei der Pflege unserer App sehe ich, dass es zunehmend Ladeparks für Lkw gibt, an denen man nicht mehr absatteln muss. Die Notwendigkeit zum Absetzen des Trailers ist deutlich geringer als vor zwei Jahren“, zieht er Bilanz. Vor allem entlang der Hauptverkehrsachsen seien große Ladeparks entstanden, die mit hohen Ladeleistungen von bis zu einem Megawatt auf Elektro-Lkw zugeschnitten sind. Für Wagner reicht das aber noch nicht. „Schwerlastverkehr fährt auch zu abgelegenen Be- und Entladestellen. Und ich brauche eine Lademöglichkeit dort, wo meine Lenkzeit endet“, stellt er klar. Mit anderen Worten: Auch die Depots müssen für ausreichende Lademöglichkeiten sorgen.

Ein 4,10 Meter langer Wohncontainer von Bliss Mobil aus den Niederlanden mit Dusche, Küche, Doppelbett und Fußbodenheizung dient Wagner und seinem Hund auf der Weltreise als Unterkunft. Eine PV-Anlage auf dem Dach produziert Solarstrom. Zusätzlich hat Daimler Truck einen 50-kW-Hypercharger von Alpitronic hinter das Fahrerhaus der Zugmaschine montiert. Foto: Daimler Trucks
Das sieht auch Rainer Schmitt so: „Ein Elektrofahrzeug ohne Ladesäule ist wie ein Wasserkocher ohne Wasser.“ Seine Spedition betreibt eine Flotte von 95 Lkw, von denen inzwischen fast 60 batterieelektrisch fahren. Mit ein paar Solarpaneelen auf dem Dach der Werkstatt und einigen Ladesäulen im Depot ist es da nicht mehr getan, weiß der geschäftsführende Gesellschafter des Familienunternehmens Walter Schmitt, dessen Fahrzeuge etwa fünf Millionen Kilometer im Jahr zurücklegen. Bei ihm beschäftigen sich bereits zwei Vollzeitkräfte mit diesem Thema. „Man muss eine Ladeinfrastruktur auf dem Betriebshof aufbauen. Ich verstehe viele Kollegen nicht, die damit noch warten.“ Denn auch im Straßengüterverkehr sei die Zukunft ohne Zweifel elektrisch.
Hohe Dieselpreise treiben Nachfrage nach Elektro-Lkw
Tatsächlich ist die Skepsis im Transportgewerbe noch groß, was die Alltagstauglichkeit des Elektroantriebs anbetrifft. Bislang gelten Elektro-Lkw in der Branche als Fahrzeuge für die Kurzstrecke und leichte Transportaufgaben. Aktuell verfügen lediglich 4,8 Prozent der in Europa neu zugelassenen schweren Lkw über einen Elektroantrieb, nur in Deutschland, Frankreich und in den Niederlanden boomt wegen der ehrgeizigen CO₂-Ziele der EU und hohen Spritpreisen gerade die Nachfrage nach Elektro-Lkw.
Dass die Stromer bis heute keine Selbstläufer sind, liegt neben der unzureichenden Ladeinfrastruktur vor allem an den hohen Anschaffungskosten. Ein Mercedes eActros 600, wie ihn Wagner auf seiner Welt-Tour nutzt, kostet etwa das Zweieinhalbfache eines vergleichbar starken Diesel-Lkw. Beim Aufbau seiner Elektroflotte profitierte Spediteur Schmitt allerdings noch vom inzwischen ausgelaufenen Förderprogramm des Bundes für klimaschonende Nutzfahrzeuge. Zu Buche schlagen in der Betriebskostenrechnung auch die Befreiung von der Lkw-Maut in vielen Ländern sowie die seit dem Iran-Krieg hohen Dieselpreise. „Wenn wir mehr als 400 Kilometer am Tag fahren, haben wir die Mehrkosten des Fahrzeugs praktisch schon kompensiert“, rechnet Schmitt vor.
Wohncontainer von Bliss und ein E-Motorrad von Honda
Was ihn die Tour rund um die Welt mit dem Mercedes eActros kosten wird, kann Wagner noch nicht abschätzen. Er geht die Sache ganz pragmatisch an. Auf die Frage, was passiert, wenn er mitten im Nirgendwo keine Lademöglichkeit findet, kommt eine typische Tobias-Wagner-Antwort: Im Notfall werde er den Lkw abstellen, sich das mitgeführte Elektromotorrad von Honda schnappen und die Umgebung nach einem Elektromobil absuchen. Dem werde er dann bis zu dessen Ladestation folgen. Und wenn die Stromquelle nur wenige Kilowatt hergebe und sich der Ladevorgang über mehrere Tage hinziehe? „Das wäre nicht schlimm. Dann erkunde ich mit dem Elektromotorrad die Gegend.“ Der Oberbayer vom Inn gibt sich da ganz tiefenentspannt. Frei nach dem Motto: Es findet sich immer eine Lösung.

Eine nagelneue Honda WN7 mit 140 Kilometern Reichweite dient unterwegs als elektrisches „Beiboot“ zur Vorerkundung der Fahrstrecke und der Ladeinfrastruktur. Geladen werden kann das Elektromotorrad per V2L am Lkw. Foto: Daimler Trucks
Seine Partner haben es ihm allerdings auch leicht gemacht. Bliss Mobil, Spezialist für Expeditionsfahrzeuge aus dem niederländischen Breda, hat einen luxuriösen, 4,10 Meter langen Wohncontainer auf seinen eActros gepackt. Mit Fußbodenheizung und Klimaanlage, mit Küchenzeile, Wassertanks und einer Dusche sowie einem bequemen Doppelbett. Eine PV-Anlage auf dem Dach produziert Solarstrom, der in einem separaten, 10 kWh großen Heimspeicher gepuffert wird.
Intensive Schulungen vor dem Start zur Weltreise
Auch der Mercedes e-Actros ist nicht von der Stange. Statt auf der Standard-Zwillingsbereifung rollt der elektrische Weltenbummler auf einer speziellen Offroad-Einzelbereifung. Das verbessert die Geländegängigkeit. Um auf unbefestigten Straßen gut voranzukommen und keinen Schaden zu nehmen, haben die Techniker von Daimler Trucks unter das Batteriepaket und an der Hinterachse zusätzliche Schutzbleche installiert. Obendrein kann Wagner mit einer Druckluftregelanlage den Reifendruck schnell an den Untergrund anpassen. Falls es doch einmal nicht weitergeht, ist eine Seilwinde verbaut, damit sich der Elektro-Abenteurer quasi am eigenen Schopf aus dem Schlamassel ziehen kann. Hinter den Sonnenblenden wurden auf Wagners Wunsch zudem Zusatzscheinwerfer installiert, um auch bei schlechten Lichtverhältnissen nicht die Orientierung zu verlieren.

Wie wechselt man den Reifen auf unbefestigtem Untergrund? Damit sich Wagner im Falle eines Defekts selbst helfen kann, hat er zusammen mit Mechanikern in der Niederlassung von Daimler Truck in Mannheim wichtige Handgriffe trainiert. Foto: Marc Krause
Pannen sind auf einer solchen Marathon-Tour natürlich nie ausgeschlossen. Damit sich der E-Trucker im Falle eines Defekts selbst helfen kann, hat er zusammen mit Mechanikern in der Niederlassung von Daimler Truck in Mannheim wichtige Handgriffe trainiert. Wie etwa den Räderwechsel auf unbefestigtem Untergrund oder die Instandsetzung von Druckluftleitungen, damit es der eActros in die nächste Werkstatt schafft. Dank einer Echo-Box, die es sonst nur für Versuchsvehikel gibt, können die Experten in Deutschland zudem jederzeit auf wichtige Telemetriedaten des Fahrzeugs zugreifen und so im Pannenfall die Fehlersuche erleichtern .
Für den deutschen Lkw-Hersteller ist Wagners Weltreise mehr als ein Marketingprojekt. „Viele von uns begleiten Tobias schon seit Jahren. Wie viel Leidenschaft die Beteiligten in den vergangenen Monaten investiert haben, war beeindruckend. Dieser Enthusiasmus reißt uns alle mit und macht das Projekt auch intern zu etwas ganz Besonderem“, sagt Christian Wilz, der Chef von Mercedes-Benz Trucks Deutschland. Er freut sich schon auf das Wiedersehen mit Tobias, Krümelix und dem eActros– irgendwann im nächsten Jahr.