Schon im Laufe dieses Jahres will Tesla im US-Bundesstaat Texas einen Robotaxidienst anbieten. Das im Oktober 2024 vorgestellte Cybercab könnte dann Passagiere ohne menschlichen Fahrer durch Austin chauffieren. Nach Ansicht des früheren Waymo-Chefs John Krafcik ist Tesla jedoch „weit von der Technologie für einen sicheren Robotaxidienst entfernt“. Was der Verzicht auf einen Lidar bedeutet, zeigte der Youtuber Mark Rober in einem Vergleich zwischen zwei Erkennungssystemen.

Die Entscheidung von Tesla-Chef Elon Musk, beim autonomen Fahren nur auf Kameras zu setzen und auf Sensoren wie Lidar und Radar zu verzichten, ist in der Branche umstritten. Sämtliche Konkurrenten lehnen diesen Ansatz ab und setzen auf redundante Systeme, um die Vorteile der verschiedenen Sensoren zu kombinieren.

Krafcik: Lidar und Radar entscheidend

Für Krafcik, inzwischen Aufsichtsrat bei Daimler Truck und der Elektroautofirma Rivian, ist der Verzicht ebenfalls nicht nachvollziehbar. Lidar und Radar seien „entscheidend, um etwa die nächtlichen Unfälle mit hoher Geschwindigkeit zu vermeiden, die es bei Teslas auf amerikanischen Highways gegeben hat“, sagte der 63-Jährige in einem Interview mit dem Manager Magazin (Paywall).

Darüber hinaus hätten die von Tesla verwendeten Kameras nur eine Auflösung von fünf Megapixeln. „Das ist nur ein Zehntel der Pixelzahl einer modernen Handykamera – und das reicht nicht für sicheres Fahren“, sagte Krafcik und fügte hinzu: „Es gibt noch andere Mängel an Teslas technischem Ansatz, aber allein die schwache Sensorausstattung sorgt dafür, dass Tesla in puncto Sicherheit weiter nicht mit Waymo mithalten kann.“ Die Tochterfirma des Google-Mutterkonzerns Alphabet bietet inzwischen Robotaxis in den vier US-Städten Austin, Los Angeles, San Francisco und Phoenix an. Dabei kommt es gelegentlich zu kuriosen Situationen.

Auf leisen Pfoten
Seit 2018 nutzt Waymo Elektroautos vom Typ Jaguar i-Pace. Für den Einsatz als Robotaxi wurden die Fahrzeuge mit 29 Kameras und mehreren Lidar-Sensoren ausgestattet, die das Umfeld des Fahrzeugs bei Fahrten durch die Stadt kontinuierlich scannen. Foto: Waymo
Auf leisen Pfoten
Seit 2018 nutzt Waymo Elektroautos vom Typ Jaguar i-Pace. Für den Einsatz als Robotaxi wurden die Fahrzeuge mit 29 Kameras und mehreren Lidar-Sensoren ausgestattet, die das Umfeld des Fahrzeugs bei Fahrten durch die Stadt kontinuierlich scannen. Foto: Waymo

Dass Laserscanner in bestimmten Situationen Umgebungsobjekte besser als Kameras erkennen können, ist unumstritten. Als aktiver Sensor funktioniert ein Lidar auch in der Dunkelheit, im Nebel oder bei Blendung durch Sonnenlicht. Wie sich das auf die Erkennung von Objekten auswirkt, demonstrierte der frühere Nasa-Ingenieur und Youtuber Mark Rober in einem Video.

Darin vergleicht Rober das Verhalten eines serienmäßigen Tesla Model Y mit einem Testfahrzeug des Lidar-Herstellers Luminar, mit dem unter anderem der neue Volvo ES 90 ausgestattet ist. Simuliert wird auf einer abgesperrten Straße das Erkennen eines Kinderdummys unter mehreren Bedingungen. Dazu gehören unter anderem Nebel, starker Regen oder eine Blendung durch Scheinwerfer.

Wie Karl der Kojote

Am spektakulärsten ist jedoch der Versuch, die Kameraerkennung mit einem optischen Trick zu umgehen. Dazu ließ Rober die Verlängerung der Teststrecke auf ein Transparent vor einer Styroporwand aufmalen. Das erinnert an eine Folge des Zeichentrickfilms „Wile E. Coyote und Roadrunner„. Darin malt Karl der Cojote, wie die Hauptfigur auf Deutsch auch genannt wird, die Verlängerung einer Straße auf eine Leinwand, um den Roadrunner dahinter über einer Klippe abstürzen zu lassen. In dem Video lässt Rober die beiden Autos zunächst auf den Dummy zufahren, der mitten auf der Fahrbahn steht.

Schon bei Nebel und Regen versagt das Model Y

Dabei bremsen beide Autos rechtzeitig ab. Auch wenn das Kind kurz vorher überraschend auf die Fahrbahn läuft, kommt sowohl der Tesla als auch das Lidar-Auto noch zum Stillstand. Bei Nebel und starkem Regen versagt das Kamerasystem des Model Y. Das Lidar-Auto kommt hingegen vor dem Dummy zum Stehen. Allerdings sind Nebel und Regen in dem Versuch so dicht, dass ein menschlicher Fahrer das Objekt wohl ebenfalls nicht erkannt hätte. Die Blendung durch starke Strahler macht hingegen beiden Systemen nichts aus.

Ohne Bremsung durch die Wand

Dass mitten auf einer Straße ein Transparent aufgespannt wird, ist im Alltagsverkehr hingegen nicht zu erwarten. Dennoch macht die Anordnung deutlich, worin der prinzipielle Unterschied zwischen den Sensoren besteht. Anders als bei Kameras ist beim Lidar keine Bilderkennung erforderlich, um ein Objekt in einer bestimmten Entfernung detektieren zu können. Auch wenn das System ein Objekt nicht erkennen und klassifizieren kann, weiß es dennoch, dass sich offenbar ein Gegenstand auf dem geplanten Fahrweg befindet, dem ausgewichen oder vor dem gestoppt werden muss.

Klarer sehen mit Lidar
Das „Light Detection and Ranging“ (Lichterkennung und Entfernungsmessung)-System tastet mit Laserstrahlen permanent die Umgebung vor dem Fahrzeug ab, um Gegenstände auf der Fahrbahn zu erkennen und die Abstände zu anderen Verkehrsteilnehmern und Fahrbahnbegrenzungen millimetergenau zu ermitteln. Auch bei Nacht und wenn es regnet. Foto: Hesai Technology
Klarer sehen mit Lidar
Das „Light Detection and Ranging“ (Lichterkennung und Entfernungsmessung)-System tastet mit Laserstrahlen permanent die Umgebung vor dem Fahrzeug ab, um Gegenstände auf der Fahrbahn zu erkennen und die Abstände zu anderen Verkehrsteilnehmern und Fahrbahnbegrenzungen millimetergenau zu ermitteln. Auch bei Nacht und wenn es regnet. Foto: Hesai Technology

Ein menschlicher Fahrer hätte in dem Versuch vermutlich die Ränder und Abspannungen der Leinwand erkannt und trotz der optischen Illusion sein Fahrzeug gestoppt. Nicht jedoch das Model Y. Dieses fuhr ohne jede Bremsung durch die Styroporwand. Das Lidar-Auto erkannte das Transparent jedoch problemlos als Hindernis und bremste rechtzeitig. „Mein Tesla ist mehr Karl der Cojote als Roadrunner“, sagte Rober.

Was zudem auffiel: Der Autopilot von Tesla schaltete sich kurz vor dem Aufprall ab. Dieses Verhalten war bereits von der US-Verkehrssicherheitsbehörde NHTSA moniert worden. Die Behörde beklagte im April 2024 Lücken in Teslas Telemetriedaten, durch die unklar bleibe, bei wie vielen Unfällen tatsächlich ein Fahrassistent beteiligt gewesen sei. Die Behörde stellte fest: „Im Durchschnitt brach der Autopilot bei diesen Unfällen die Fahrzeugkontrolle weniger als eine Sekunde vor dem ersten Aufprall ab.“

Kritiker des Videos, das seit dem Wochenende schon mehr als zehn Millionen Mal abgerufen wurde, werfen Rober vor, dass er nur den „Autopiloten“ und nicht das neuere System mit dem vollen Potenzial für autonomes Fahren (Full Self Driving/FSD) verwendet habe. Diese und weitere Vorwürfe entkräften nach einer Analyse von The Verge jedoch nicht die Grundaussagen des Videos.

“Viele Möglichkeiten, einen Robotaxidienst zu faken“


Ist daher zu erwarten, dass Tesla tatsächlich im Juni 2025 seinen Robotaxidienst startet? Die Vorbereitungen zum Bau der dafür nötigen Fahrzeuge ist angeblich bereits im Tesla-Werk in Grünheide sogar bereits angelaufen. Nach Ansicht Krafciks ist das nicht ausgeschlossen. „Es gibt viele Möglichkeiten, einen Robotaxidienst zu faken. Schrittmacherfahrzeuge, also Fahrzeuge, die vorausfahren; Verfolgerfahrzeuge, also Begleitfahrzeuge, die die Robotaxis begleiten; ein sehr begrenztes Betriebsgebiet; begrenzte Fahrzeiten, um Verkehr während der Stoßzeiten zu vermeiden; Geheimhaltungsvereinbarungen oder sogar Haftungsausschlüsse. Aber wahrscheinlicher ist ein weiteres gebrochenes Versprechen Musks, das vielleicht auf ungenannte Aufsichtsbehörden geschoben wird“, sagte er dem Manager-Magazin.

Für nicht sinnvoll hält er hingegen Pläne, die autonomen Autos in Notfällen aus der Ferne zu steuern. „Dieser Ansatz wäre aufgrund von Signalverzögerungen, die bei Mobiltelefonverbindungen auftreten können, gefährlich. Zum Vergleich: Die Technologie von Waymo ermöglicht es dem Robotaxi, in einer schwierigen Situation nach der Perspektive eines Menschen zu fragen. Aber Waymo verwendet niemals Teleoperation. Das Waymo-System hat immer die Kontrolle über die Fahraufgabe, also die Steuerung des Fahrzeugs und seiner Geschwindigkeit“, sagte Krafcik.

Tesla braucht „noch Jahre“

Seiner Ansicht nach ist Tesla „noch Jahre von den technischen Möglichkeiten für ein sicheres Robotaxi-Erlebnis im großen Stil entfernt“. Daher würde ein lockeres Regelwerk für autonomes Fahren, das US-Präsident Donald Trump einführen könnte, dem Unternehmen wohl wenig helfen. Ein unausgereifter, unsicherer Tesla-Robotaxidienst könnte durch die hohe Wahrscheinlichkeit schwerer Unfälle und eventueller Verletzungen mit Tesla-Robotaxis ein schwerwiegendes Haftungsproblem für Tesla schaffen. General Motors hatte nach dem Unfall eines vollautonom fahrenden Fahrzeugs des Tochterunternehmens Cruise in San Francisco Ende vergangenen Jahres das Projekt komplett eingestellt.

Mindestens ebenso problematisch wäre für Tesla wohl das Eingeständnis, dass sämtliche bislang ausgelieferten Elektroautos am Ende doch nicht in der Lage sein werden, das autonome Fahren sicher zu beherrschen. Dann könnte sich Tesla hohen Schadenersatzforderungen ausgesetzt sehen. Es dürfte daher kein Zufall gewesen sein, dass die Aktie am ersten Handelstag nach der Veröffentlichung des Crashvideos fast fünf Prozent an Wert verlor. Aus dem jahrelangen Roadrunner Elon Musk könnte am Ende doch noch ein tollpatschiger Kojote werden.

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