Wenn Volkswagen für seinen elektrischen Großraum-Bus ID. Buzz ein Einstiegspreisschild von weit über 50.000 Euro aufruft, reiben sich viele Familien und Shuttledienste verwundert die Augen. Kia antwortet auf das Wolfsburger Angebot nicht mit nostalgischer Retro-Romantik, sondern mit eiskalter Raumökonomie.
Der neue PV5 Passenger ist der erste Serienvertreter der koreanischen PBV-Architektur: ein Auto, das kompromisslose Kastenform, praxisgerechten Nutzwert, solide Technik und ein unschlagbares Preis-Leistungs-Verhältnis vereint. Wir haben den elektrobetriebenen Raum-Riesen mit dem großen 71,2-kWh-Akku im Praxistest unter die Lupe genommen.

Der kastenartige Aufbau verzichtet auf verspielten Schnickschnack, wirkt durch die flächigen Konturen modern und sympathisch.
Design folgt beim Kia PV5 kompromisslos der Funktion. Der kastenartige Aufbau verzichtet auf verspielten Schnickschnack, wirkt durch die flächigen Konturen jedoch erfrischend modern und sympathisch. Mit einer Länge von 4,70 Metern und einer Breite von 1,89 Metern wahrt der Stromer handliche Pkw-Abmessungen, die im Alltag das Einparken in normale Lücken keineswegs zur Zitterpartie machen. Einzig die Karosseriehöhe von knapp 1,90 Metern mahnt bei tiefen Parkhauseinfahrten zu vorausschauender Umsicht.
Platz ohne Ende
Was der PV5 hinter seinen elektrischen Schiebertüren an Ladevolumen freischaufelt, stellt etablierte Konkurrenten kalt. Schon als Fünfsitzer schluckt das Abteil gewaltige 1.330 Liter Gepäck. Werden die Rücksitzlehnen umgelegt, wächst das Ladevolumen auf gigantische 3.615 Liter an. Damit lässt der Koreaner einen VW ID. Buzz spürbar hinter sich. Beim Umlegen der Sitze entsteht zwar eine kleine Stufe und die Bestuhlung lässt sich nicht komplett ausbauen, doch die sehr niedrige Ladekante macht das Beladen von schwerem Gepäck zum Kinderspiel.

Schon als Fünfsitzer schluckt das Abteil 1.330 Liter Gepäck. Werden die Sitze der zweiten Reihe nach vorne gefahren und die Rücksitzlehnen umgelegt, wächst das Ladevolumen des Kia PV5 auf gigantische 3.615 Liter an.
Wer noch mehr Platz und Flexibilität braucht, kann auch mehr Plätze ordern: für rund 2.000 Euro Aufpreis bietet Kia nun auch längere Sechs- und Siebensitzer-Konfigurationen an. Wem das noch nicht reicht, der wartet auf den neuen Kia PV7, der in der zweiten Jahreshälfte 2027 startet.
Kratzfestes Interieur im Kasten-Design
Am Steuer empfängt den Fahrer eine gläserne Übersichtlichkeit. Tief ausgeschnittene Seitenfenster, die knackig kurze Frontpartie und mächtige Außenspiegel bescheren eine gute Rundumsicht. In Kombination mit den optionalen 360-Grad-Kameras verliert das kastenförmige Schiff so auch im engen Stadtverkehr jeglichen Schrecken. Der ebene, durchgehende Fußraum vorn erleichtert das Durchsteigen, während die erhabene Sitzposition echtes Bus-Feeling vermittelt.

Tief ausgeschnittene Seitenfenster, die knackig kurze Frontpartie und mächtige Außenspiegel bescheren eine gute Rundumsicht.
Bei der Materialauswahl im Innenraum regiert das Diktat der Haltbarkeit. Pflegeleichtes, unempfindliches Hartplastik dominiert das Blickfeld. Das strahlt zwar deutlich weniger Oberklassen-Flair aus als der sanft gepolsterte ID. Buzz, erweist sich im harten Familien-, Handwerks- oder Shuttle-Einsatz jedoch als kratzfest, pflegeleicht und solide. Nützliche Alltags-Features werten den Innenraum auf: Eine integrierte 230-Volt-Steckdose mit Vehicle-to-Load-Funktion (V2L) versorgt externe Elektrogeräte mit Strom. Reichlich Ablagen, USB-C-Anschlüsse im Fond und eine Sitzheizung in der zweiten Reihe unterstreichen den hohen Nutzwert.
Bei 135 km/h geht dem Kia der Strom aus
Im Unterboden unseres Testwagens steckt das große 71,2-kWh-NCM-Akkupaket, das einen an der Vorderachse montierten Elektromotor mit 120 kW (163 PS) und 250 Nm Drehmoment speist. Der Sprint von 0 auf 100 km/h verstreicht in rund 10,5 Sekunden. Damit ist der Kia PV5 Passenger kein Athlet, die Dynamik ist für einen rund 2,2 Tonnen schweren Elektrobus dennoch ausreichend. Der E-Motor schiebt beim Anfahren und bei spontanen Zwischenspurts unaufgeregt, aber spürbar kräftig an.

Die Höchstgeschwindigkeit haben die Entwickler elektronisch bei 135 km/h gekappt. Bei Überholmanövern auf deutschen Autobahnen ist deshalb Rücksicht gefordert, wenn es nicht unangenehm werden soll. Foto: Kia
Das Fahrgefühl ist von ausgeprägter Ruhe und Entschleunigung geprägt. Die Höchstgeschwindigkeit haben die Entwickler elektronisch bei 135 km/h gekappt. Im Alltag ist diese Begrenzung teilweise etwas störend: Wer die linke Autobahnspur zum Überholen nutzen möchte, muss genau in den Rückspiegel schauen, sonst wird der Überholvorgang schnell unangenehm. Auf langen Reiseetappen fördert das Tempolimit jedoch ein entspanntes, leises Dahingleiten.
Erfreulich effizienter Antrieb
Zugunsten eines attraktiven Einstiegspreises verzichtet Kia beim PV5 auf die aufwendige 800-Volt-Technik der Pkw-Geschwister wie EV6 oder EV9. An der DC-Schnellladesäule zieht der PV5 Strom deshalb mit maximal 150 kW. Der Standard-Ladehub von 10 auf 80 Prozent verstreicht in gerade noch akzeptablen 30 Minuten, bei einer durchschnittlichen Ladeleistung von etwa 90 kW. Wechselstrom an der heimischen Wallbox oder städtischen Säule nimmt der Onboard-Lader dreiphasig mit 11 kW auf.
Nach zwei Wochen im Alltagseinsatz zeigt sich allerdings eine kleine Überraschung beim Kapitel Batterie und Laden: Trotz des wuchtigen Aufbaus erweist sich der Koreaner als erstaunlich effizient. Auf der Test-Landstraße begnügte sich der PV5 mit nur knapp über 16 kWh/100 km. Bei gemischter Fahrweise pendelt sich der Praxisverbrauch nahe am offiziellen Normwert um 19 kWh/100 km ein, was eine praxistaugliche Alltagsreichweite von etwa 350 Kilometern garantiert.
Elf Meter reichen zum Wenden
Fahrwerkstechnisch vertraut Kia an der Hinterachse auf eine unkomplizierte Verbundlenkerkonstruktion. Dennoch überrascht der Großraum-Stromer mit einer wohltuenden Grundabstimmung, die lange Bodenwellen stoisch wegbügelt. Wird der hohe Aufbau jedoch engagiert in enge Kehren geworfen, wankt die Karosserie spürbar zur Seite. Beim Veitstanz im extremen Ausweichtest schiebt der schwere Wagen frühzeitig und gutmütig untersteuernd über die Vorderräder. Bei leerem Fahrzeug quittiert die Hinterachse grobe Fahrbahnschäden wie Frostaufbrüche gelegentlich mit leichtem Poltern.

Fünf Sitzplätze bietet der Kia PV5 Passenger in der Basisversion. Inzwischen sind auch Versionen mit sechs und sieben Sitzen erhältlich. Schade ist nur, dass sich die Sitze in der zweiten Reihe zwar verschieben, aber nicht ausbauen lassen.
Im städtischen Einsatz erweist sich der Großraum-Stromer dank eines Wendekreises von lediglich 11,0 bis 11,6 Metern als verblüffend wendig beim Rangieren. Bei den Assistenzsystemen bedient sich der PV5 aus dem modernen Hyundai-Kia-Konzernregal. Systeme wie der Autobahnassistent, der Spurfolgeassistent und die navigationsbasierte adaptive Geschwindigkeitsregelanlage arbeiten harmonisch zusammen, wenn auch stellenweise mit einigem Übereifer. Die Systeme lassen sich allerdings auch schnell stillegen. Der Totwinkelassistent mit Live-Videoeinblendung im digitalen Kombiinstrument beim Betätigen des Blinkers bietet beim Abbiegen im Stadtverkehr ein enormes Sicherheitsplus. Einzig die Verkehrszeichenerkennung und der Fernlichtassistent leisteten sich im Test vereinzelt nervöse Fehldeutungen.
Preise unterbieten den ID.Buzz deutlich
Der Kia PV5 Passenger mit der 71,2-kWh-Batterie ist eine knallharte Ansage an die etablierte Konkurrenz. Während ein VW ID. Buzz mit dem großen Akku erst bei deutlich über 55.000 Euro startet, beginnt die Preisliste für den geräumigen Koreaner bereits bei 42.690 Euro. Selbst die voll ausgestattete Version „Elite“ bleibt mit 45.740 Euro meilenweit unter den Tarifen aus Niedersachsen. Wer auf teuren 800V-Ladeluxus, die auch der ID. Buzz nicht bietet, und hohen Autobahn-Topspeed verzichten kann, erhält einen durchdachten Elektrobus mit sehr hohem Nutzwert, beachtlichem Federungskomfort und Kias solider 7-Jahre-Garantie. Für preisbewusste Familien, Shuttlebetriebe und Gewerbetreibende ist dieser Großraum-Koreaner, der gerade zum Preis-Leistungs-Sieger im deutschen „Carwow Car of the Year Award 2027“ gekürt wurde, derzeit wohl vernünftigste Wahl auf dem Markt.