Auf der IAA Transportation in Hannover lässt Kia die Muskeln spielen: Nach dem kleineren PV5, der sich bereits den Titel als „International Van of the Year 2026“ sichern konnte, enthüllen die Südkoreaner mit dem Kia PV7 das nächste und deutlich größere Modell ihrer „Platform Beyond Vehicle“-Strategie (PBV).

Während Volkswagen mit dem ID. Buzz lange Zeit vor allem die Lifestyle- und Shuttle-Ecke bediente und die echten Gewerbekunden erst mit dem Ford-Zwilling E-Transporter ins Visier nimmt, zielt der PV7 ohne Umwege auf das Herz des europäischen Flottenmarkts. Die Botschaft an die Platzhirsche VW Nutzfahrzeuge, Ford Pro und Stellantis ist unmissverständlich: Kia will bei den elektrischen leichten Nutzfahrzeugen (eLCV) nicht nur mitspielen, sondern technologisch die Führung übernehmen.

Raus aus der Nische, rein in die 1-Tonnen-Klasse

Der PV7 tritt spürbar erwachsener auf als sein kleinerer Bruder. Mit einer Länge von bis zu 5,35 Metern, einer Breite von 2,03 Metern, einer Höhe von knapp zwei Metern (1.990 mm) und einem Radstand von satten 3,50 Metern stößt die Langversion direkt in das Kernsegment der großen E-Transporter vor.

Raumtransporter
Der Personentransporter bietet bis zu neun Sitzplätze und setzt auf ein modulares Schienensystem. Als Hotel-Shuttle, in Fahrdiensten und Mietwagenflotten dürfte der Stromer unter anderem mit Lounge-Atmosphäre im Innenraum punkten.
Raumtransporter
Der Personentransporter bietet bis zu neun Sitzplätze und setzt auf ein modulares Schienensystem. Als Hotel-Shuttle, in Fahrdiensten und Mietwagenflotten dürfte der Stromer unter anderem mit Lounge-Atmosphäre im Innenraum punkten.

Kia teilt das Modell von Beginn an in zwei klare Einsatzwelten auf:

  • PV7 Cargo (Gewerbe & Logistik): Der Transporter wird als Zwei- oder Dreisitzer angeboten. Die Langversion mit Standarddach schluckt bis zu 6,1 Kubikmeter Ladegut, die Hochdachvariante bringt es auf bis zu 8,0 Kubikmeter. Handwerker und Spediteure dürften aufhorchen: Die Ladekante liegt bei niedrigen 550 Millimetern, der Laderaum fasst bis zu drei Europaletten im Standardmaß (800 x 1.200 mm) und die Nutzlast beträgt je nach Variante 1.165 bis 1.200 Kilogramm. Für den Heckzugang stehen entweder eine weit öffnende Doppelflügeltür oder eine klassische Heckklappe zur Wahl. Praktisches Detail für Paketboten: Eine „Walk Away Lock“-Funktion verriegelt die elektrische Schiebetür automatisch, sobald sich der Fahrer mit dem Schlüssel entfernt.
  • PV7 Passenger (Shuttle & Großfamilie): Der Personentransporter bietet bis zu neun Sitzplätze und setzt auf ein modulares Schienensystem („Long-Rail Easy Remove Seats“). Hier zielt Kia direkt auf Hotel-Shuttles, Fahrdienste und Mietwagenflotten – mit separater Fond-Klimaanlage, 100-Watt-USB-C-Ladebuchsen und Lounge-Atmosphäre im Innenraum.

800-Volt-Ladetechnik und 96-kWh-Batterie

Der eigentliche Schock für die europäische Konkurrenz steckt jedoch im Chassis. Der PV7 basiert auf der eigens entwickelten Gewerbeplattform E-GMP.S (Electric Global Modular Platform for Service) mit vollkommen ebenem Fahrzeugboden.

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Die Langversion mit Standarddach schluckt bis zu 6,1 Kubikmeter Ladegut, die Hochdachvariante sogar 8,0 Kubikmeter. Dank einer niedrigen Ladekante (550 Millimetern) lässt sich der Laderaum leicht beladen - mit bis zu 1,2 Tonnen Gewicht. Bilder: Kia
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Die Langversion mit Standarddach schluckt bis zu 6,1 Kubikmeter Ladegut, die Hochdachvariante sogar 8,0 Kubikmeter. Dank einer niedrigen Ladekante (550 Millimetern) lässt sich der Laderaum leicht beladen – mit bis zu 1,2 Tonnen Gewicht. Bilder: Kia

Während der VW ID. Buzz und die meisten Transporter von Ford oder Stellantis mit 400-Volt-Systemen arbeiten und auf Reisen oder Ferntransporten an Schnellladern entsprechend lange pausieren müssen, spendiert Kia dem PV7 die hauseigene 800-Volt-Ladearchitektur.

Die technischen Leistungsdaten können sich sehen lassen:

  • Antrieb: An der Vorderachse sitzt eine E-Maschine mit 200 kW (272 PS) und 420 Nm Drehmoment. Ein Allradantrieb soll zu einem späteren Zeitpunkt folgen. Um bei schwerer Beladung Fahrstabilität zu garantieren, passt ein spezieller Fahrmodus die Kraftentfaltung automatisch an das Frachtgewicht an.
  • Batterien & Reichweite: Zur Wahl stehen zwei NMC-Akkupakete mit 71,5 kWh oder 96,2 kWh Kapazität. Mit dem großen Akku stellt Kia für den PV7 Cargo eine Reichweite von bis zu rund 460 Kilometern nach WLTP in Aussicht.
  • Ladeperformance: An einer 350-kW-HPC-Säule lädt die Batterie in rund 25 Minuten von 10 auf 80 Prozent. Für Logistiker, bei denen Standzeit bares Geld vernichtet, ist das ein handfestes TCO-Argument.
  • Zwei Ladebuchsen & V2L: Als Novum besitzt der PV7 Ladeanschlüsse vorn (AC/DC) und optional am Heck (AC). Das erspart Fuhrparkfahrern rangierintensive Verrenkungen an engen Depot-Wallboxen. Dank Vehicle-to-Load (V2L) stehen zudem 230-Volt-Steckdosen innen und außen bereit, um schwere Elektrowerkzeuge direkt aus dem Fahrzeugakku zu betreiben – die mobile Werkbank auf vier Rädern.

Cockpit als Arbeitsplatz: Android Automotive und Gleo AI

Auch im Innenraum distanziert sich Kia vom reinen Pkw-Abklatsch. Der Beifahrerairbag wanderte platzsparend in den Dachhimmel, wodurch das Armaturenbrett Platz für üppige, offene Ablagen und Staufächer bietet. Im Dreisitzer lässt sich die Lehne des mittleren Sitzes nach vorn klappen und wird so zum mobilen Schreibtisch.

Praktiker
In der dreisitzigen Cargo-Version lässt sich die Lehne des mittleren Sitzes nach vorn klappen und wird so zum mobilen Schreibtisch.
Praktiker
In der dreisitzigen Cargo-Version lässt sich die Lehne des mittleren Sitzes nach vorn klappen und wird so zum mobilen Schreibtisch.

Hinter dem Lenkrad blicken Fahrer auf Displays mit bis zu 14,6 Zoll Diagonale. Als Software-Basis dient Googles Android Automotive OS (AAOS) im System namens Pleos Connect. Es bringt Over-the-Air-Updates, einen App-Store für gewerbliche Drittanbieter-Lösungen und den KI-Sprachassistenten Gleo AI mit. Über die Schnittstellenplattform Kia Business Solutions können Flottenmanager Echtzeitdaten abgreifen, Routen optimieren und prädiktive Wartungsfenster planen, um Ausfallzeiten im Betrieb zu minimieren.

Der Haken: Der Kalender spielt für Volkswagen und Ford

Konzeptionell und technisch trifft der Kia PV7 die Schwachstellen der etablierten europäischen Hersteller punktgenau: Mehr Ladevolumen und Zuladung als ein ID. Buzz Cargo, dramatisch schnellere Ladezeiten als ein Ford E-Transit und eine konsequente Ausrichtung auf Gewerbekunden. Zudem plant Kia, das Angebot im hauseigenen PBV-Werk Hwaseong sukzessive auf bis zu 23 Varianten – inklusive Pritschen und Sonderumbauten – auszurollen.

Einen entscheidenden Vorteil behalten die Europäer vorerst allerdings: die Zeit. Die Markteinführung des PV7 in Europa ist erst für das zweite Halbjahr 2027 terminiert. Bis die ersten Serienmodelle tatsächlich auf deutschen Baustellen oder im Paketdienst rollen, vergeht also noch rund ein Jahr. Ford, Volkswagen und Stellantis bleibt damit eine letzte Gnadenfrist, um ihre Flottenangebote aufzurüsten – danach weht im europäischen Transporter-Segment ein spürbar schärferer Wind aus Korea. Wahrscheinlich auch beim Preis – den Kia noch nicht verraten hat.

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