Gerade einmal 18 Monate ist es her, dass Leapmotor International in Europa seine Geschäftsaktivitäten startete. Als erstes brachte das Gemeinschaftsunternehmen des Stellantis-Konzerns mit dem chinesischen Start Up ein nicht besonders hübsches, dafür aber preiswertes Stadtauto auf den Markt – den vollelektrischen T03, zum Basispreis von 18.900 Euro oder einer Leasingrate von nur 49 Euro im Monat. Kurz darauf folgte ein ausgewachsenes, gut ausgestattetes Familien-SUV im Format des Opel Grandland Electric für unter 37.000 Euro.
Die Kunden von Peugeot, Citroen und Opel brauchten zwar eine Weile, um sich an die neue Marke und die neuen Stromer aus Fernost im Showroom ihrer Händler zu gewöhnen. Aber inzwischen läuft es dank der Kampfpreise für das in Amsterdam beheimatete Auto-Joint Venture. Im vergangenen Jahr konnte Leapmotor International in Europa über 67.000 Fahrzeuge absetzen, knapp 7300 davon in Deutschland.

Leapmotor will mit dem B05 vor allem ein junges Publikum für die Marke begeistern. Schon das Design des sportlichen Hatchback soll „pure Performance“ ausdrücken, eine „Launch Control“ flotte Ampelstarts ermöglichen. Fotos: Leapmotor
Und nun zünden sie die nächste Stufe der Entwicklung: Als vierte Modellreihe neben dem Kleinwagen T03 und den beiden SUVs B10 und C10 soll das kompakte Elektro-„Coupé“ B05 neue Zielgruppen erschließen und dem Absatz neuen Schub geben. Mit einem Einstiegspreis, der nicht nur bei der Stiefschwester Opel die Sorgenfalten vertiefen dürfte: Für 27.900 Euro gibt es einen vergleichbar großen Astra Electric bestenfalls als Jahreswagen. Für ein fabrikneues Exemplar aus Rüsselsheim wären mindestens 10.000 Euro mehr hinzulegen. Und viele der Extras, die der Leapmotor B05 serienmäßig an Bord hat – ein großes Panoramaglasdach, beheizbare Kunstleder-Sitze oder 19 Zoll große Leichtmetallräder – kämen da noch obendrauf.
Keine Kannibalisierungseffekte zu befürchten?
Vor allem hat der Chinese antriebsseitig deutlich mehr drauf als der Opel. Während der Astra eine maximal 52 kWh große Batterie mit einem 115 kW oder 156 PS starken Elektromotor verbandelt, wartet der Leapmotor mit einer 160 kW oder 218 PS starken E-Maschine auf, die mit einer wahlweise 56,2 oder 67,1 kWh fassenden Antriebsbatterie gekoppelt ist. Bis zu 487 Kilometer lassen sich damit (theoretisch) in einem Rutsch zurücklegen. Der Astra muss spätestens nach 454 Kilometern eine Ladesäule aufsuchen, wo er Gleichstrom mit maximal 100 kW aufnimmt. Die maximale Ladeleistung des B05 hingegen beträgt immerhin 168 kW, so dass es statt 33 nur 25 Minuten braucht, um unterwegs den Ladestand von 10 auf 80 Prozent anzuheben. Gleichstand herrscht lediglich bei der Höchstgeschwindigkeit: Hier wie da wird bei 170 km/h abgeregelt.
Leapmotor B05 ProMax „Design“
Antrieb: Elektrischer Heckmotor mit 160 kW/217 PS Spitzenleistung;
Batterie: LFP-Akku mit 67,1 kWh Kapazität; Ladeleistungen: 167 kW DC, 11 kW AC;
Elektrische Reichweite (WLTP-Norm): 481 km im Drittelmix;
Beschleunigung 0-100 km/h: 6,2 Sekunden; Höchstgeschwindigkeit: 170 km/h;
Länge/Breite/Höhe (mm): 4430/1880/1520; Leergewicht: 1855 kg;
Preis: 31.900 Euro
Auch wenn Marketingchef Francesco Giacalone bei der Präsentation des neuen Leapmotor im Rheingau versicherte, dass es bislang keine oder nur minimale Kannibalisierungseffekte mit Fahrzeugen aus dem Stellantis-Konzern gebe – mit dem B05 könnte sich das in diesem Jahr durchaus ändern. Auch wenn die erste Ausfahrt mit dem Wagen durch das Rheingau noch den einen oder anderen Schwachpunkt des Newcomers aus Fernost offenbarte. Vor allem, was die Abstimmung von Fahrwerk und Lenkung, aber auch das Regelverhalten der Assistenzsysteme anbetrifft. Hier können die Chinesen noch von ihren Kollegen in Rüsselsheim lernen. Spätestens bei der gemeinsamen Entwicklung des neuen Kompakt-SUV, der ab Sommer 2028 in Spanien vom Band laufen soll.
Noch Optimierungspotenzial im Detail
Obwohl der heckgetriebene B05 angeblich schon auf europäische Straßenverhältnisse und Kundenerwartungen abgestimmt wurde, schaukelte es sich in schnellen Kurvenkombinationen leicht auf. Die Lenkung könnte auch direkter Rückmeldung über die aktuelle Stellung der Vorderräder geben – egal, welchen Fahrmodus man gerade gewählt hat. Und man tut gut dran, das Spurhaltesystem gleich nach dem Start des Antriebs auszuschalten: Seine Suche nach der optimalen Position zwischen Mittel- und Randstreifen führt schnell zum Kampf des Fahrers mit dem Bordcomputer um die Herrschaft über das Lenkrad. Leapmotor hat uns allerdings versprochen, hier mit einem Software-Update mit „China-Speed“ nachzubessern. Wir sind gespannt.

Der B05 lässt sich durchaus sportlich bewegen, auch wenn sich die Lenkung bei schnellen Kurvenwechseln etwas teigig anfühlt.
Leapmotor preist seinen neuen Hatchback als Sportcoupé an, lockt junge Fahrer sogar erstmals mit einer Launch Control – der Möglichkeit zu einem katapultartigen Ampelstart beim Durchdrücken des Fahrpedals auf die Bodenplatte beim gleichzeitigen Loslassen des Bremspedals. Aber wer dieses Feature schon einmal in einem Tesla Model 3 Performance oder einem Porsche Cayenne Electric erlebt hat , kann nach dem Erlebnis im B05 nur müde lächeln: Ein Schleudertrauma ist hier sicher nicht zu befürchten. Na ja, mit einem maximalen Drehmoment von 250 Newtonmetern reißt man keine Bäume aus. Da sollte Leapmotor bei der Ultra-Version, die gegen Jahresende in den Handel kommen soll, ebenfalls noch einmal nachschärfen.
Anhängerkupplung ist erst einmal nicht vorgesehen
Davon abgesehen hinterlässt der Neuling aber einen guten Eindruck. Das Platzangebot vorne wie hinten ist ordentlich, das Geräuschniveau trotz rahmenloser Seitenscheiben niedrig. Der Sitzkomfort geht in Ordnung, auch wenn das Gestühl etwas mehr Seitenhalt bieten könnte und die Beinauflage zumindest für Europäer vorne recht kurz geraten ist. Die Verarbeitung ist gut, der Anteil an Hartplastik rund um das Cockpit allerdings hoch. Na ja, irgendwoher muss der günstige Preis kommen.
Und an die Löcher im Armaturenträger auf der Beifahrerseite – die in China der Befestigung von Anbauteilen wie etwa einem Picknick-Tisch oder einem Tablet-Halter dienen – muss man sich gewöhnen. Oder sich vielleicht eigene Kreationen einfallen lassen. Ein kräftiger Haken zum Aufhängen einer Handtasche etwa könnte weiblichen Nutzern gefallen.

Nur 295 Liter passen bei voller Bestuhlung in den Kofferraum des B05. Das reicht für das Bordgepäck und den Wochenendeinkauf. Soll mehr mit, kann die im Verhältnis 60:40 geteilte Rücksitzlehne schnell umgelegt werden.
Wo wir gerade bei den praktischen Dingen des Lebens sind: Mit einem Kofferraumvolumen von 295 Litern bei voller Bestuhlung unterbietet man den Opel Astra um über 60 Liter. Es reicht so gerade für das Bordgepäck, aber für die Fahrt in den Urlaub wird man zumindest auf einer Seite die Rücksitzbank umlegen müssen, um zwei größere Koffer unterbringen zu können. Helfen könnte eine Gepäckbox. Dummerweise lässt sich nur für den B05 keine Anhängekupplung ordern, auf der man eine solche montieren könnte. Auch für den Transport von Fahrrädern wird man sich eine andere Lösung einfallen lassen müssen.
Sparsamer Energieverbrauch
Noch mehr schmerzen dürfte allerdings die Tatsache, dass das Elektroauto einmal im Jahr dem Händler zu einer Inspektion zugeführt werden muss, um die vierjährige Garantie auf das Fahrzeug – und die acht Jahre auf den Akku – zu erhalten. Das sichert zwar den Werkstätten eine Einnahmequelle (etwa durch den Austausch des Luftfilters), relativiert den günstigen Einstiegspreis allerdings ein wenig.
Doch unter dem Strich dürfte das den Erfolg des Leapmotor B05 nicht verhindern. Das Auto sieht nicht nur in der Lackierung in „Lightning Yellow“ frisch und ansehnlich aus, es ist komplett ausgestattet und lässt sich (nach Abschalten des einen und anderen Assistenzsystems) ganz entspannt bewegen. Und obendrein sehr sparsam: Wir kamen bei unserer Testfahrt auf einen Schnitt von 16 kWh/100 km, Kollegen blieben auf der zweistündigen Tour über die Landstraßen im hügeligen Rheingau sogar deutlich darunter.
Das passt alles. Ob es ein „einfach geiles Auto“ ist, wie Leapmotor im Teenager-Sprech wirbt, muss jeder für sich selbst entscheiden. Wir empfehlen eine Testfahrt – die ersten Exemplare sollen schon im Juli bei ausgewählten Händlern der Stellantis-Gruppe stehen.