Es ist ja nicht so, als könnten sie bei Škoda nur Kleinwagen bauen, als wären der tschechischen Marke Luxus und Grandezza fremd. Im wunderbaren Škoda-Museum zu Mlda Boleslav ist unter anderem ein restauriertes Exemplar des Škoda 860 von 1932 zu bestaunen, eine Cabriolet von 5,40 Metern Länge und mit einem Radstand von 3,57 Metern Länge, angetrieben von einem Achtzylindermotor. Auf der breiten Rücksitzbank fanden drei Erwachsene bequem Platz, Kinder (oder Bedienstete) nahmen davor auf zwei klappbaren Behelfssitzen Platz. Die „Großraumlimousine“ alter Machart verfügte über beheizte Armlehnen und sogar eine Art Fußbodenheizung. eine s oder Begleitpersonal bestimmt. Etwa 140.000 Kronen rief Škoda damals für das Luxusauto auf – nach damaliger Kaufkraft entspräche das heute einem Preis von etwa 96.000 Euro.
Verglichen damit ist der neue Škoda Peaq geradezu ein Schnäppchen. Mit einer Länge von 4,87, einem Radstand von knapp drei Metern und einem Platzangebot für bis zu sieben Personen kommt das neue Flaggschiff der Tschechen dem historischen Škoda 860 schon recht nahe. Aber mit einem Einstiegspreis von 49.900 Euro Euro zielt der Elektro-Crossover nicht auf eine wohlhabende Oberschicht als Käufer, sondern auf ganz normale Familien der europäischen Mittelschicht – die außer den eigenen Kindern vielleicht auch schon mal die Großeltern mit auf Reise nehmen wollen.

In Olibo Grün passt der Škoda Peaq perfekt in die Tiroler Berglandschaft. In der Seitenansicht wird die Größe des Stromers deutlich.
Damit trifft Škoda einen hochaktuellen Nerv: Auf dem europäischen Markt vollzieht sich derzeit eine bemerkenswerte Renaissance der elektrischen Großraumlimousinen und Siebensitzer-Crossover. Nachdem klassische Familienvans wie der VW Sharan oder der Renault Espace weitgehend vom Markt verschwunden sind, besetzen elektrische Raumriesen wie der Kia EV9, der Hyundai Ioniq 9 oder Luxus-Gefährte vom Schlage eines Volvo EX90 oder Lucid Gravity Touring die Lücke. Der Haken daran: Viele dieser Modelle sprengen mit Preisen jenseits der 75.000 oder gar 90.000 Euro das Budget normaler Privathaushalte deutlich. Der Peaq hingegen demokratisiert das Segment des luxuriösen Raumgleiters auf Anhieb.
Peaq übertrumpft Enyaq und Kodiaq
Im Modellportfolio der tschechischen Marke und innerhalb des Volkswagen-Konzerns nimmt der Peaq eine Sonderstellung ein. Der kompaktere Škoda Enyaq sowie sein technischer Konzernbruder Audi Q4 e-tron haben zwar bewiesen, wie alltagstauglich und erfolgreich der Modulare E-Antriebs-Baukasten (MEB) ist. Doch beide stoßen als klassische Fünfsitzer mit rund 4,60 bzw. 4,65 Metern Außenlänge an räumliche Grenzen. Wo der Audi Q4 e-tron eine sportlich-straffe Premium-Note betont und der Enyaq auf solide Vernunft setzt, stößt der Peaq in völlig neue Sphären vor: Er überragt in der Länge den elektrischen Enyaq (4,66 Metrer) deutlich und übertrifft beim Radstand sogar den hauseigenen Raumkönig Superb um stattliche 124 Millimeter. Er ist somit das lang ersehnte, vollwertige Elektro-Pendant zum siebensitzigen Kodiaq – nur noch geräumiger, leiser und deutlich komfortabler. Und zumindest in der Grundausstattung beinahe preisgleich.

Den Schwiegereltern wird man die Sitzplätze in der dritten Reihe nicht zumuten wollen: Der Knieraum ist dort im Unterschied zu den beiden vorderen Reihen recht knapp bemessen. Foto: Škoda
Wie souverän dieses Raumkonzept in der Praxis funktioniert, zeigt die erste Ausfahrt auf den anspruchsvollen Pass- und Talstraßen Tirols rund um die Zugspitze. Zur Verfügung stand uns dabei der heckgetriebene Škoda Peaq 90 in „Suite“-Ausführung mit 210 kW (299 PS) Spitzenleistung und der großen, brutto 91, netto 86 kWh fassenden Batterie. Inklusive „Schlafpaket“ (das zwei Kissen für Kopfstützen vorn beinhaltet) und allerlei weiteren feinen Extras ruft Škoda für den Peaq dann allerdings schon über 68.000 Euro auf. Und mit der dritte Sitzreihe wäre der Giga-Stromer noch einmal einen knappen Tausender teurer geworden. Das sind dann schon Gipfelregionen, in die selbst ein (benzingetriebener) Škoda Kodiaq RS in Vollausstattung nicht kommt. Aber für den gibt es auch keine E-Auto-Förderung und Befreiung von der Kfz-Steuer. Von den Spritkosten wollen wir gar nicht erst reden.
One-Pedal-Driving erstmals in einem Škoda
Was auf den ersten Kilometern mit dem Škoda-Stromer entlang der Isar hinauf in die Tiroler Bergwelt sofort begeistert, ist der exzellente Fahrkomfort. Der Peaq bügelt Fahrbahnunebenheiten, Frostaufbrüche und Querfugen mit einer Gelassenheit weg, die man bislang eher aus der Oberklasse kannte. Trotz eines Leergewichts von gut 2,5 Tonnen liegt das Elektro-SUV satt auf der Straße. Die Masse wird durch den tief im Wagenboden platzierten Akku geschickt kaschiert: Der Schwerpunkt liegt niedrig, Wankbewegungen der Karosserie in zügig gefahrenen Bergkehren bleiben erfreulich dezent.

Der Škoda Peaq begeistert mit flüsterleisem Lauf und einem feinfühligen Fahrwerk. Tempo 100 erreicht der 2,8 Tonnen schwere und 210 kW starke Peaq 90 nach sieben Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit beträgt 180 km/h. Foto: Škoda
Dabei zeigt sich das Standardfahrwerk so feinfühlig und harmonisch abgestimmt, dass man sich das adaptive Fahrwerk getrost sparen kann – ein seltener Befund in dieser Gewichtsklasse, der den Geldbeutel ordentlich schont: Das DCC-Fahrwerk ist nur zusammen mit dem 6720 Euro teuren Maxx-Paket erhältlich. Auf steilen Gefällstrecken erweist sich das erstmals bei Škoda integrierte One-Pedal-Driving als echter Gewinn: Über die Rekuperation an den Achsen verzögert der Wagen talwärts punktgenau bis zum Stillstand, ohne dass die mechanischen Scheibenbremsen vorne heißlaufen oder die Trommelbremsen an der Hinterachse benötigt werden.
Geradezu fürstliche Platzverhältnisse
Auch akustisch wird das Reisen im Peaq zum Genuss. Die Karosserie schneidet dank aerodynamischem Feinschliff – von bündig versenkten Türgriffen bis zur aktiven Kühlerjalousie – mit einem vorbildlichen cW-Wert von 0,249 durch den Wind. Wind- und Abrollgeräusche dringen selbst bei Autobahntempo kaum an die Ohren der Insassen. Zusammen mit den hervorragenden, von der Aktion Gesunder Rücken (AGR) zertifizierten Relax-Sitzen samt Massagefunktion und ausfahrbaren Beinauflagen verwandelt sich das Interieur tatsächlich in eine rollende Lounge. Das von Sonos entwickelte Soundsystem mit 16 Lautsprechern und 755 Watt Leistung sorgt während der Fahrt für einen satten, klaren Raumklang, während das riesige, 2,1 Quadratmeter große elektrochrome Panoramadach auf Knopfdruck das Tiroler Bergpanorama ins Wageninnere holt.

Eine bessere Bedienbarkeit versprechen sich die Designer vom hochkant statt querstehenden Touchscreen auf der Mittelkonsole. Die wichtigsten Funktionen stehen so in einem eigenen Feld jederzeit vor Augen. Auch fein: Die Smartphones werden mit Magneten fixiert.
Das Platzangebot hält, was die äußeren Dimensionen versprechen. In Reihe eins und zwei herrscht geradezu fürstliche Beinfreiheit. Die dritte Sitzreihe lässt sich zwar kinderleicht aufstellen, bleibt aber ein klassischer 5+2-Kompromiss: Auf langen Urlaubsfahrten ist sie eher dem Nachwuchs vorbehalten, während Erwachsene dort allenfalls auf kurzen Shuttle-Strecken Platz nehmen sollten.
Als Fünfsitzer genutzt, entpuppt sich der Peaq dafür als wahrer Lademeister: Fast schon sensationelle 935 Liter Gepäckraumvolumen schlucken mühelos das Urlaubsgepäck einer Großfamilie. Ladekabel und Kleinkram verschwinden sauber im 37 Liter fassenden Frunk unter der Fronthaube. Wer schwere Sportgeräte oder Pferde transportieren will, darf sich zudem über eine Anhängelast von bis zu zwei Tonnen beim Allradmodell 90x freuen.
Maximale Ladeleistung von 199 kW am Schnelllader
Kritikpunkte finden sich allenfalls im Detail. Das digitale Instrumentendisplay hinter dem griffigen Lenkrad geriet etwas gar klein, was das optionale (und unbedingt zu empfehlende) Head-up-Display mit Augmented Reality allerdings weitgehend kompensiert. Der zentrale, nun vertikal ausgerichtete 13,6-Zoll-Bildschirm auf Android-Basis reagiert flott und lässt sich intuitiv bedienen.

Für den „Kabelsalat“ hat Škoda eine Ablageschale im Motorraum platziert. Der Frunk verfügt sogar über ein feines Rollo. Foto: Skoda
Unter dem Blech nutzt der Peaq die bewährte MEB-Architektur des Konzerns mit 400-Volt-Technik. Das bedeutet im Umkehrschluss: Ein Ladekönig wie die 800-Volt-Konkurrenz aus Korea ist der Tscheche nicht. Die Ladezeit von 10 auf 80 Prozent liegt an Schnellladern bei rund 28 Minuten, die maximale Ladeleistung knapp unter der 200-kW-Marke. Dafür entschädigt der Peaq mit praxisnahen Qualitäten: Im Alltag sorgt die serienmäßige Wärmepumpe für Effizienz, die reale Reichweite des 91-kWh-Akkus liegt je nach Fahrprofil zwischen 500 und über 600 Kilometern (Normreichweite: bis zu 647 km beim 90, 613 km beim allradgetriebenen Peaq 90x). Für Campingfreunde und Technikbegeisterte ist zudem die bidirektionale Ladefähigkeit an Bord, mit der sich externe Elektrogeräte via Vehicle-to-Load (V2L) betreiben lassen.
Vorstoß in die elektrische Oberklasse
Škoda beweist mit dem Peaq alles in allem eindrucksvoll, dass das tschechische Markenversprechen – viel Raum, clevere Detaillösungen und ein exzellentes Preis-Leistungs-Verhältnis – auch in der elektrischen Oberklasse trägt. Auf den Passstraßen Tirols überzeugte das SUV nicht durch übertriebene Sportwagen-Allüren, sondern durch ein entspanntes, leises und herrlich komfortables Fahrverhalten. Für Familien, die den Enyaq liebgewonnen haben, aber schlicht mehr Raum und Sitzplätze benötigen, ist der Peaq deshalb die logische und derzeit wohl auch das attraktivste Angebot auf dem europäischen Markt.