So ganz neu ist die Idee mit der Brennstoffzelle im Hause Stellantis nicht. Unter Leitung der ehemaligen US-Konzernmutter General Motors hat Opel 20 Jahre lang am Wasserstoffantrieb gearbeitet und dabei reichlich Erfahrungen mit der Technik gesammelt. Die nutzten die Rüsselsheimer unter anderem dafür, um einen Opel Zafira mit Brennstoffzellenantrieb auszustatten. Bis zu 400 Kilometer konnten damit ohne Tankstopp zurückgelegt werden. Im Sommer 2004 unternahm das Unternehmen mit zwei Exemplaren des Technologieträgers einen „Fuel Cell Marathon“ über 10.000 Kilometer quer durch Europa. Über Probleme mit den 94 kW starken und bis zu 160 km/h schnellen Elektroautos wurde nichts bekannt – im Jahr darauf gewann Ex-Formel-1-Pilot Heinz-Harald Frentzen mit einem der Zafira HydroGen 3 sogar die Rallye Monte Carlo für Fahrzeuge mit alternativen Antrieb.

Jetzt kommen die Rüsselsheimer mit dem Rückenwind des von der französischen PSA-Gruppe dominierten Stellantis-Konzerns zurück und lassen den Brennstoffzellenantrieb in der Fahrzeugklasse darüber einsteigen – dort ist inzwischen immerhin auch die Modellreihe Zafira angekommen: Aus dem Kompaktvan von einst ist in der vierten Generation ein Kleinbus und unter dem Namen Vivaro auch ein Lieferwagen geworden, die es seit kurzem als Zafira-e und Vivaro-e auch mit batterieelektrischen Antrieben gibt.

Opel Vivaro Hydrogen 
Optisch ist der Elektro-Transporter mit Brennstoffzelle und Wasserstoff-Tank vom batterieelektrischen Schwestermodell nicht zu unterscheiden. Ein E-Kennzeichen tragen beide Fahrzeuge. Foto: Opel
Opel Vivaro Hydrogen
Optisch ist der Elektro-Transporter mit Brennstoffzelle und Wasserstoff-Tank vom batterieelektrischen Schwestermodell nicht zu unterscheiden. Ein E-Kennzeichen tragen beide Fahrzeuge. Foto: Opel

„Bei uns geht es nicht um ein entweder oder“, unterstreicht Lars-Peter Tiesen, der bei Stellantis für die Brennstoffzellentechnik verantwortlich ist. „Es geht darum, den Elektroantrieb sinnvoll zu ergänzen, wo es für den Kunden am besten passt. Das sehen wir zunächst einmal im Flottenbetrieb.“

Und das sieht nicht nur Tiesen und die Stellantis-Gruppe so: Auch Renault präsentierte jetzt mit dem Prototypen des Master H2-TECH das erste von drei leichten Nutzfahrzeugen präsentiert, die Renault im kommenden Jahr in einem Joint Venture mit Hyvia auf den Markt bringen wird. Das Fahrzeug verfügt über eine 33-kWh-Batterie sowie über eine 30-kW-Brennstoffzelle, die mit Wasserstoff aus vier Tanks mit einem Gesamtfassungsvermögen von sechs Kilogramm gefüttert wird. Reichweiten von bis zu 500 Kilometern sollen damit möglich sein, davon 100 Kilometer im reinen Batteriebetrieb. 

Flotte von 2000 Fahrzeugen bis 2023

Über Produktionszahlen redet Renault noch nicht. Die Stellantis-Gruppe will in den kommenden zwei Jahren am Standort Rüsselsheim eine Kleinflotte von bis zu 2.000 Fahrzeugen produzieren, die vom batteriebetriebenen Elektroantrieb auf eine Brennstoffzelle umgerüstet werden. Bei Opel Special Vehicles werden sonst Krankenwagen, Feuerwehr- und Polizeifahrzeuge für den Behördendienst umgebaut.

Damit der Umbau so einfach wie möglich wird und sich die Kosten in Grenzen halten, werden im ersten Schritt die baugleichen Stellantis-Transporter Opel Vivaro, Peugeot Expert und Citroen Jumpy auf die Wasserstofftechnik umgerüstet. Die Vans selbst sind außer einem Aufkleber optisch nicht als Fahrzeuge mit Brennstoffzelle zu erkennen, denn die Technik versteckt sich im Motorraum und unter den Sitzen.

E-Transporter 500 Kilometer Reichweite 
Der Renault Master H2-TECH kommt mit einer 33-kWh-Batterie sowie einer 30-kW-Brennstoffzelle, die mit Wasserstoff aus vier Tanks gefüttert wird, bis zu 500 Kilometer weit. Foto: Renault
E-Transporter mit Brennstoffzelle und Batterie
Der Renault Master H2-TECH kommt mit einer 33-kWh-Batterie sowie einer 30-kW-Brennstoffzelle, die mit Wasserstoff aus vier Tanks gefüttert wird, bis zu 500 Kilometer weit. Foto: Renault

„Die drei 700-bar-Brennstoffzellentanks mit einem Volumen von 4,4 Kubikmetern befinden sich im gleichen Rahmen, in dem sonst das Batteriepaket im Unterboden untergebracht ist“, erläutert Tiesen. „Der Nutzen des Laderaums wird dadurch nicht eingeschränkt.“ Stellantis entschied sich für ein sogenanntes Mid-Power-Concept: Die Brennstoffzelle ist von mittlerer Größe und wird von einem Plug-In-Modul mit zusätzlichem Lithium-Ionen-Akku mit einer Speicherkapazität von 10,5 kWh unterstützt. Die Batterie, die unter der Fahrerbank verbaut ist, kann an der Steckdose geladen werden und sorgt auf den ersten 50 Kilometern für den vollelektrischen Vortrieb. Denn die Brennstoffzelle braucht eine Weile, um warm zu werden und ihre volle Leistung zu entfalten.

Brennstoffzelle mit 45 kW Leistung

Für längere Strecken kommt dann die Brennstoffzelle zum Einsatz, die den Wasserstoff aus den Tanks in Strom umwandelt. Mit 45 Kilowatt Leistung – die Brennstoffzelle von GM im Zafira HydroGen3 arbeitete seinerzeit mit einer Dauerleistung von 94 kW – versorgt sie den 100 kW (136 PS) starken Elektromotor an der Vorderachse mit Fahrstrom.

In der Schweiz wurden jetzt die ersten XCient-Trucks mit Brennstoffzellenantrieb an Kunden übergeben. Und für die Koreaner ist das erst der Anfang. Wasserstoff

„Wir haben eine gute Kundennachfrage“, so Tiesen, „den meisten geht es um die kurze Nachtankzeit, denn das Tanken ist nach drei Minuten erledigt.“ Insgesamt verfügt das Dreierpack aus Opel Vivaro-e Hydrogen, Peugeot Expert und Citroen Jumpy jeweils über eine Reichweite von 400 Kilometern – sofern die Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h nicht allzu häufig genutzt wird. Der Flottenkunde kann sich entscheiden, ob er sich für Version mit normalem Radstand oder die XL-Version entscheidet – dann gibt es statt des Ladevolumens des Basismodells von 5,3 stattliche 6,1 Kubikmeter. Beide Versionen können bis zu einer Tonne schwere Anhänger ziehen. Die maximale Nutzlast beträgt 1.100 Kilogramm. Dazu lässt sich der neue Vivaro-e Hydrogen ebenso wie die anderen Konzernmodelle von drei Seiten beladen.

Dünnes Angebot 
In Deutschland gibt es bald 100 Tankstellen, an denen Wasserstoff gezapft werden kann. In anderen Ländern Europas ist die Situation deutlich schlechter, was den Markt für die Brennstoffzellen-Transporter deutlich einschränkt. Foto: Stellantis.
Dünnes Angebot
In Deutschland gibt es bald 100 Tankstellen, an denen Wasserstoff gezapft werden kann. In anderen Ländern Europas ist die Situation deutlich schlechter, was den Markt für die Brennstoffzellen-Transporter deutlich einschränkt. Foto: Stellantis.

Groß Geld verdienen lässt sich mit einer Produktion von 2000 Fahrzeugen natürlich nicht. Doch Stellantis geht es zunächst darum, Erfahrungen mit der Antriebstechnik im Flottenbetrieb der Kunden zu sammeln und daürber die eigene Expertise zu vertiefen. Auch um entscheiden zu können, ob die Brennstoffzelle auf lange Sicht eine Ergänzung zu den aktuellen batterielektrischen Antrieben sein kann. Kaufen man die Brennstoffzellen-Transporter übrigens nicht – dafür wären sie viel zu teuer – sondern nur gegen eine monatliche Gebühr von 600 Euro leasen.

Erst 91 Wasserstoff-Tankstellen in Deutschland

Vor der Anschaffung sollten sich die Nutzer aber erst einmal die Wasserstoff-Infrastruktur im Einsatzgebiet ansehen: In Deutschland gibt es aktuell nur 91 Tankstellen, sieben weitere sind im Bau. In Frankreichn sind aktuell zwei Wasserstoff-Tankstellen rund um Paris in Betrieb, drei weitere sind im Bau. Vergleichsweise gut ist die Infrastruktur mittlerweile in der Schweiz: Dort sind mittlerweile sechs Wasserstoff-Tankstellen in Betriebe, weitere sechs in Bau und Planung. Denn dort findet derzeit ein Großversuch mit Brennstoffzellen-Lastern von Hyundai statt.

Die hohen Anschaffungskosten und das dünne Tankstellenetz sind auch ein Grund, warum sich Personenwagen mit Brennstoffzellenantrieb in Europa bislang nicht durchsetzen konnten – aktuell werden mit dem Toyota Mirai und dem Hyundai Nexo auch nur zwei Automodelle mit Brennstoffzellenatrieb angeboten. Nach allem, was nach außen dringt, nur mit geringem Erfolg. VW-Konzernchef Herbert Diess hat die Beschäftigung mit der Antriebstechnik deshalb vor einiger Zeit auf Twitter als „Zeitverschwendung“ bezeichnet.

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