Chery, Jacoo, Omoda, Nio, Changan, Xpeng, Yangwang, Hongqi oder Denza: Über chinesische Automarken wird hierzulande viel gesprochen. Weil die Elektroautos und Plug-in-Hybride aus dem sogenannten Reich der Mitte in Massen nach Europa strömen und mit ihren Leistungsdaten und Verkaufspreisen die Loyalität insbesondere die Kunden traditioneller Marken auf eine harte Probe stellen.
Bei der Diskussion über die Newcomer aus China und ihre Erfolge in Europa geht die Offensive eines anderen Fahrzeugherstellers aus einem anderen fernöstlichen Land beinahe unter: Auch Vinfast aus Vietnam setzt große Hoffnungen auf den europäischen Markt und will seine Aktivitäten im kommenden Jahr kräftig ausbauen.

Mit einer Länge von 4,24 Metern und seiner Reichweite konkurriert der kompakte Vinfast unter anderem mit dem Alfa Romeo Junior.
Im Frühjahr hatte es noch so ausgesehen, als würde sich der selbsternannte Tesla-Konkurrent aus Deutschland, Frankreich und den Niederlanden wieder zurückziehen, nachdem der Direktvertrieb der Fahrzeuge über das Internet und einige Flagship Stores nicht die erhofften Erfolge gebracht hatten. Und auch wenn die aktuellen Zulassungszahlen noch keine Trendwende abbilden – in Deutschland wurden in diesem Jahr bis Ende Oktober gerade einmal 166 Autos verkauft – haben die Vietnamesen noch längst nicht das Handtuch geworfen.
Vinfast stellt sich in Europa neu auf
Die neue Strategie von Vinfast gehe über den Einzelwagenverkauf hinaus, heißt es aus der Europazentrale in Paris. „Das Unternehmen baut sein Ökosystem aktiv aus, nicht nur durch die Bereitstellung moderner Elektroautos, sondern auch durch den schnellen Ausbau seines Händler- und Servicenetzes.“ Unter anderem wurde dazu im August eine Partnerschaft mit Plugsurfing geschlossen, die Vinfast-Käufern einen kostenlosen Zugang zu dem europäischen Ladenetzwerk gibt. Auch einige große Händlergruppen hat das Unternehmen inzwischen als Partner gewonnen.

Gestylt wurde der Vinfast VF 6 von ehemaligen Bertone-Designern in Turin. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.
Und mit dem VF 6, einem preiswertes Elektro-SUV im B-Segment, hat sich das Modellangebot kürzlich verdoppelt. Zum Verkauf stand zuvor lediglich der VF8, ein 4,75 Meter langes SUV der gehobenen Mittelklasse, das zwar mit einer 10-Jahresgarantie und hohen Sicherheitsstandards glänzt, aber mit einem Grundpreis von zunächst 52.600 Euro (der inzwischen auf 48.490 Euro abgesenkt wurde) und einer Norm-Reichweite von lediglich 447 Kilometern gegen die Konkurrenten aus Europa und China keinen Stich machte.
Ansehnliches Design und eine hochwertige Ausstattung
Beim neuen VF6 stehen die Chancen schon besser – so unsere Einschätzung nach einem zweiwöchigen Alltagstest. Der 4,24 Meter lange, kompakte Elektro-SUV verdient mit einem Startpreis von 34.990 Euro zumindest Aufmerksamkeit und ist mit seiner von ehemaligen Bertone-Designern gestalteten Karosserie durchaus ein Hingucker, der durchaus mit einem Alfa Romeo Junior konkurrieren. In der 38.990 Euro teuren „Plus“-Version mit brauner Kunstleder-Auskleidung kommt der VF6 durchaus edel daher. Hartplastik gibt es zwar auch hier, aber die Teile aus dem robusten Material halten sich erfreulicherweise im Hintergrund.

Das große Panorama-Glasdach ist in der Plus-Version serienmäßig, der „vegane“ Lederbezug für Armaturenbrett und Sitze auch.
Das Platzangebot ist vorne wie hinten für ein Auto mit 2,73 Metern Radstand ganz ordentlich. Und das Kofferraumvolumen ist mit 350 Litern klassenüblich – ein BYD Dolphin (345 Liter) oder ein Opel Mokka (350 Liter) bieten auch nicht mehr. In den Punkten ist der Vietnamese auf Augenhöhe mit der Konkurrenz aus China und Europa. Was die Ausstattung anbetrifft, übertrifft er sie sogar – sofern die Plus-Version gewählt wird. Ein Panorama-Glasdach, beheiz- und belüftbare Elektro-Sitze, 19-Zoll-Räder sowie ein Head-up-Display sind dann serienmäßig an Bord.
Elektroantrieb der zahmen Sorte
Das Bedienkonzept des VF6 orientiert sich am Vorbild Tesla – und ist aufgrund der minimalistischen Cockpit-Gestaltung entsprechend gewöhnungsbedürftig. Viele Funktionen, selbst die Einstellung der Außenspiegel, erfolgt über den 12,9 Zoll großen Touchscreen über der Mittelkonsole. Ebenso wie die Darstellung der wichtigsten Fahrinformationen. Die Geschwindigkeitsanzeige und die Anzeige sind darüber recht klein geraten. Über die Tastenleiste darunter werden lediglich die Fahrstufen gewählt und die Parkbremse aktiviert.
Immerhin gibt es auf der Mittelkonsole selbst einen Dreh-/Drückschalter zur Steuerung des Infotainment-Systems. Und auch die elektrischen Fensterheber werden noch ganz konventionell über Taster in den Türen betätigt. Obendrein verfügte der Testwagen über ein Head-up-Display. In der Klasse ist das noch längst keine Selbstverständlichkeit – man werfe mal einen Blick in einen Volvo EX30.

An der Schnellladesäule nimmt der Vinfast VF 6 Gleichstrom mit maximal 100 kW auf. Um unterwegs den Ladestand von 10 auf 80 Prozent anzuheben braucht es in der Regel gut eine halbe Stunde, manchmal aber auch eine Viertelstunde mehr.
Der erste Eindruck ist also durchaus positiv. Aber das A und O eines Elektroautos ist der Antrieb. Und der Blick aufs Datenblatt enttäuscht zunächst einmal. Bei der Eco-Version treibt ein Elektromotor mit lediglich 130 kW die Vorderachse an, der Testwagen leistet als „Plus“ 20 kW mehr. Bei einem E-Auto mit einem Leergewicht von 1800 Kilogramm sind da keine sportlichen Beschleunigungswerte zu erwarten. Tatsächlich bracht es über zehn Sekunden, um auf Tempo 100 zu kommen. Und mit Rücksicht auf die Reichweite wird bereits bei 175 km/h abgeregelt.
Ladepausen können dauern
Denn der VF6 hat in beiden Versionen nur einen LFP-Akku mit einer Kapazität von netto 59,6 kWh an Bord. Das reicht im Idealfall, bei sommerlichen Außentemperaturen und Fahrten überwiegend im Stadtverkehr, für rund 400 Kilometer ohne Ladepause. Wir haben uns erlaubt, den Vietnamesen auch einmal über die Autobahn zu jagen und kamen bei herbstlichen Temperaturen auf Durchschnittsverbräuche zwischen 17,9 und 19,2 kWh/100 Kilometer. Ein gewisse Reserve eingerechnet, war spätestens nach 300 Kilometern eine Ladepause angebracht.

Der 12,9 Zoll große Zentralmonitor ist die Steuer- und Informationszentrale im Vinfast VF 6. Die Anzeige der Fahrgeschwindigkeit ist klein geraten, die der Reichweite (oben links) noch mehr. Über die Klaviertasten unter dem Monitor wird die Fahrtrichtung gewählt.
Bei der Suche nach einer freien Ladestation war das Navigationssystem allerdings keine Hilfe. Denn eine Routenplanung inklusive Ladestopps ist über den Zentralbildschirm ist nicht möglich, nur eine Suche nach Ladestationen in der Nähe. Wer komfortabler – und entspannter – reisen möchte, ist gehalten, die Vinfast-App auf sein Smartphone zu laden und dort ein Konto anzulegen. Darüber lassen sich dann vorab Ladevorgänge kalkulieren und vor Ort auch steuern.
Aber ganz spontan losfahren? Das könnte schwierig werden. Und für die Ladevorgänge selbst sollte man Zeit mitbringen: Mehr als 100 kW sind nicht drin. Um den Ladestand von 10 auf 80 Prozent anzuheben, braucht es da wenigstens 35 Minuten. Je nach Ladeplatz und Batterietemperatur – eine Vorkonditionierung des Akkus gibt es bislang nicht – kann es aber auch schon mal eine Viertelstunde länger dauern.
Vom Typus her Phlegmatiker
Na ja, Vinfast selbst sieht das Einsatzgebiet des VF6 eher im Stadtverkehr. Und wenn die Ladevorgänge in erster Linie über Nacht oder unterwegs am Arbeitsplatz stattfindet, kommt es auf eine Viertelstunde mehr oder weniger ja auch nicht an. An der mit Wechselstrom betriebenen Ladesäule oder Wallbox soll der Akku bei einer maximalen Ladeleistung von 11 kW beim Plus-Modell in sechs Stunden und 10 Minuten wieder voll sein. Bei der Eco-Version dauert es etwas länger – es kann Wechselstrom mit maximal 7,2 kW aufnehmen. Ein weiterer Grund, davon die Finger zu lassen.

Für den Familienurlaub ist der Vinfast VF6 nicht gemacht. Bei voller Bestuhlung passen maximal 350 Liter in den Kofferraum.
Und wie fährt er sich so? Ganz manierlich. Wie gesagt: Rasen mag der VF6 nicht, er ist vom Typus eher Phlegmatiker. Beim Ampelstart scheint er eine Art Verbrenner-Gedenksekunde einzulegen, eher er mit der Beschleunigung beginnt. Aber wer einen leichten rechten Fuß hat und eine entspannte Form des Fahrens schätzt, kommt mit ihm bestens zu recht. Das Fahrwerk ist eher komfortabel abgestimmt, die Lenkung etwas träge, aber letztlich zielsicher. Assistenzsysteme sind jede Menge an Bord, sicherheitstechnisch ist der Stromer auf der Höhe der Zeit. Wer das betreute Fahren schätzt, wird hier bestens bedient. Der Tempowarner lässt sich immerhin abschalten, die akustische Spur-Verlassens-Warnung beim besten Willen nicht: Ohne Gebimmel geht keine Fahrt zu Ende. Auch das teilt der Vinfast mit vielen anderen Elektroautos aus Fernost.
Das ist noch nicht alles
Aber wir wollen hier nicht nur meckern. In Summe ist der Vinfast nämlich eine runde Sache. Die genannten Schwächen werden sicher bald per Software-Updates beseitigt – Asiaten lernen schnell. Und vielleicht spendiert die Muttergesellschaft dem VF6 ja bald auch einen leistungsstärkeren Antrieb und Onboard-Charger. Der neue VF7, der demnächst auch zu uns kommen soll, kommt mit 260 kW daher und einem maximalen Drehmoment, wird in seiner Heimat sogar mit Allradantrieb angeboten – für weniger als umgerechnet als 30.000 Euro. Da würde auch hierzulande mancher ins Grübeln kommen und sich nach dem nächsten Vinfast-Händler umsehen. Wir sind gespannt, was da in den kommenden Jahren noch aus Vietnam auf uns zukommt.