Es hat zwar ein bisschen gedauert, doch so langsam fasst VW endlich Tritt auf dem Weg in die elektrische Zukunft. In Europa sammeln die Niedersachsen gerade reichlich Vorschusslorbeeren für ihre elektrische Kleinwagen, die in der zweiten Jahreshälfte als ID.Polo und als ID.Cross endlich Masse machen sollen. Und am andern Ende der Welt haben sie viel Aufmerksamkeit mit dem neuen ID.Unyx 08 erregt. Denn nachdem Wolfsburg in seiner zweiten Heimat China die Marktführerschaft verspielt und an lokale Größen wie BYD und Geely verloren hat, steht er an der Spitze einer Kampagne, die VW wieder zurück an die Spitze bringen soll.

„Aus China für China“ lautet das Motto, nach dem die Niedersachsen in ihren vielen Joint Ventures bald zwei Dutzend neue Modelle an den Start bringen und dabei nicht nur chinesisches Tempo an den Tag legen und in China wettbewerbsfähige Technik für Elektrifizierung und Digitalisierung bieten, sondern endlich auch wieder den Geschmack von Moas Erben treffen wollen.

Zwei Nummern größer 
Mit fünf Meter Länge überbietet der ID.Unyx08 den VW ID.5 deutlich. Preislich liegt er in China in etwa auf dem Niveau eines ID.Polo, was unseren Autor und Autotester mächtig beeindruckt und neidisch macht.
Zwei Nummern größer
Mit fünf Meter Länge überbietet der ID.Unyx 08 den VW ID.5 deutlich. Preislich liegt er in China in etwa auf dem Niveau eines ID.Polo, was unseren Autor und Autotester mächtig beeindruckt und neidisch macht.

Dafür wird beim Erstling aus dem neuesten Joint-Venture mit JAC in Hefei nicht gekleckert, sondern geklotzt. Obwohl er mit einem Startpreis von umgerechnet knapp 30.000 Euro zumindest bis zum Debüt des ID.Polo billiger ist als jeder europäische Elektro-VW, ist das SUV mit ziemlich genau fünf Metern Länge nicht nur zwei Nummern größer ist als ein ID.5. Sondern vor allem steht der Unyx08 als erster VW überhaupt auf einer 800 Volt-Plattform, die es im Konzern bislang nur bei Porsche und Audi, also drei Preisklassen höher, gibt.

95 kWh-Akku für 730 Kilometer Reichweite

Die Akkus, die mit 82 und 95 kWh Speicherkapazität für 630 oder 730 Kilometer Normreichweite ebenfalls zu den größten bei der Marke zählen, laden deshalb mit bis zu 315 kW und ziehen binnen fünf Minuten genügen Strom für 150 Kilometer. Und wo bei uns für die allermeisten ID-Modelle spätestens bei 180 Sachen Schluss ist, schafft der als Hecktriebler 313 und als Allradler 503 PS starke China-Stromer solide 200 km/h. Und dass, obwohl in der gesamten Volksrepublik ein rigide überwachtes Tempolimit von 120 gilt. Das schadet es dann auch nicht, dass Lenkung und Fahrwerk des Unyx eher chinesisch, also entsprecht soft und wenig feinfühlig ausgelegt sind.

Was will man mehr? 
Im Innenraum glänzt der ID.Unyx 08 mit der größten Bildschirmlandschaft, die VW bislang verbaut hat. Die Grafiken sind iPhone-scharf, ein digitaler Avatar hilft bei der Orientierung. Und zum ersten Mal in der Markengeschichte auch einen eigenen Screen für den Sozius. 
Was will man mehr?
Im Innenraum glänzt der ID.Unyx 08 mit der größten Bildschirmlandschaft, die VW bislang verbaut hat. Die Grafiken sind iPhone-scharf, ein digitaler Avatar hilft bei der Orientierung. Und zum ersten Mal in der Markengeschichte auch einen eigenen Screen für den Sozius. 

Aber es ist nicht nur die elektrische Performance, mit der der Hoffnungsträger aus Hefei der Standard-Ware aus Wolfsburg die Schau stiehlt. Sondern es ist vor allem seine digitale Intelligenz, die den Unterschied macht – und den ID.Unyx 08 vorerst an die Spitze der Konzernflotte rückt.

Vorsprung durch Technik: Wenn überhaupt, liefert den damit nicht mehr Audi, sondern das Joint Venture Volkswagen Anhui. Der Grund dafür ist „Noa“, die chinesische Antwort auf den ID-Travel-Assist des ID.7 und ein Assistenzsystem, das dem vollautonomen Fahren auf Level 4 schon sehr nahe kommt. 

Mit „Noa“ freihändig ans Ziel

Mit elf Kameras, drei Millimeter-Wellen-Radaren und zwölf Ultraschallsensoren sowie Chips für 1.500.000.000.000.000 Rechenoperationen pro Sekunde chauffiert Noa die ID-Besatzung durch die Stadt und über Land, während der Fahrer minutenlang die Hände im Schoß hat und ihm die Kameraüberwachung auch mal einen verstohlenen Blick aufs Handy oder intensiven Blickkontakt mit dem Beifahrer Bild durchgehen lässt.

Schöne neue Autowelt
Nahezu freihändig von der eigenen Haustür bis zum Ziel – egal, ob dazwischen nur ein paar Minuten liegen oder viele hundert Kilometer: Für die VW-Kunden in China wird die Vision vom autonomen Fahren mit "Noa" fast schon Realität. Fotos: Volkswagen 
Schöne neue Autowelt
Nahezu freihändig von der eigenen Haustür bis zum Ziel – egal, ob dazwischen nur ein paar Minuten liegen oder viele hundert Kilometer: Für die VW-Kunden in China wird die Vision vom autonomen Fahren mit „Noa“ fast schon Realität. Fotos: Volkswagen 

Der VW wechselt alleine die Spur, biegt an der Ampelkreuzung zur Not sogar durch den fließenden Gegenverkehr ab, macht an dafür vorgesehenen Punkten mühelos einen U-Turn, fädelt sich auf Schnellstraßen ein und wieder aus, wechselt an den gewaltigen Kleeblatt-Kreuzen die Autobahn und rangiert am Ende auch noch in einem Zug auf den vorgewählten Parkplatz. Nahezu freihändig von der eigenen Haustür bis zum Ziel – egal, ob dazwischen nur ein paar Minuten liegen oder viele hundert Kilometer: Was für uns nach ferner Zukunft klingt und Brüssel noch immer skeptisch betrachtet, wird für die chinesischen VW-Kunden damit jetzt alltäglich. 

Rot illuminiertes Wolfsburg-Wappen

Verpackt ist das Ganze – der Wurm muss schließlich dem Fisch schmecken und nicht dem Angler – ausgesprochen chinesisch. Obwohl den heimischen VW-Kunden schon ID.3 & Co zu weit in die Zukunft wiesen, wirken die europäischen Stromer wie Youngtimer neben dem E-Raumschiff aus Hefei, das nur mit einem rot illuminierten Wolfsburg-Wappen im Bremslicht und natürlich einem leuchtenden VW-Logo eine Brücke in die alte Welt und die ferne Markenheimat schlägt.

Und während wir uns bei ID.Polo & Cross gerade wieder auf Knöpfe am Lenkrad und Tasten in der Mittelkonsole freuen dürfen, gibt’s im ID.Unyx 08 mit iPhone-scharfen Grafiken und einem digitalen Avatar die größte Bildschirmlandschaft, die VW bislang eingebaut hat. Und zum ersten Mal in der Markengeschichte auch einen eigenen Screen für den Sozius. 

Schlusslicht Wolfsburg
Der dritten Bremsleuchte im Heckspoiler haben die VW-Designer eine Optik gegeben, die an das Stadtwappen von Wolfsburg erinnert.
Schlusslicht Wolfsburg
Der dritten Bremsleuchte im Heckspoiler haben die VW-Designer eine Optik gegeben, die an das Stadtwappen von Wolfsburg erinnert.

Dazu gibt es bei mehr als drei Metern Radstand reichlich Platz auf allen Plätzen. Statt funktionalen Sitzen montiert VW in China bequeme Sessel mit langer Beinauflage. Überall finden die Insassen Smartphone-Steckplätze. In der Mittelkonsole wird der Saft so langsam zu Softeis – so stark ist die Kühlleistung im Thermofach. Und obwohl der Kofferraum hinter der elektrischen Klappe riesig ist, haben die Chinesen – ebenfalls eine ID-Premiere – zusätzlich noch einen kleinen Frunk unter der Fronthaube gepackt.   

800-Volt-Plattform von Partner Xpeng

Die 800-Volt-Plattform mit mehr Reichweite als ein ID.7 und Ladeleistungen fast auf Porsche-Niveau auf der einen und „Noa“ mit dem freihändigen Fahren auf der anderen Seite: So wird der ID.Unyx 08 zum bislang besten Elektroauto, das VW je gebaut hat. Und das zum absoluten Kampfpreis und mit einem Entwicklungstempo, das mindestens ein Jahr schneller war als bisher.

Stromer im Touareg-Format 
Der Uniyx 08 ist der erste Elektro-Volkswagen überhaupt auf einer 800-Volt-Architektur - vom Kooperationspartner Xpeng.
Stromer im Touareg-Format
Der Uniyx 08 ist der erste Elektro-Volkswagen überhaupt auf einer 800-Volt-Architektur – vom Kooperationspartner Xpeng.

Nur viel einbilden sollten sie sich zumindest in Wolfsburg darauf nicht. Denn die Plattform kommt vom chinesischen Kooperationspartner Xpeng und entwickelt wurde der Hoffnungsträger komplett von der neuen Volkswagen Group China Technology Company, die in Hefei das größte R&D-Zentrum außerhalb Wolfsburgs betreibt. 

Doch zumindest ein bisschen von dem chinesischen „Wind of Change“, so darf man zumindest hoffen, könnte vielleicht bis nach Niedersachsen wehen. Denn so weit sich VW seinem Markenkern mit den zu neuen „True Volkswagen“ stilisierten Stadtflitzern ID.Polo und ID.Cross auch wieder annähert, kann ein bisschen Rückenwind aus dem Fernen Osten bei der elektrischen Aufholjagd auch bei uns nicht schaden. Und die Innovationskraft und das Tempo erst recht nicht.


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1 Kommentar

  1. simon

    Aber ob das reicht? Warum sollte sich ein chinesischer Kunde nicht gleich einen Xpeng kaufen. Bei Audi hat es bisher mit dem neuen E5 auch nicht so gut in China funktioniert, die Verkaufszahlen sind nicht so gut. Ich wünsche VW sehr viel Glück, aber es könnte auch nicht funktionieren.

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