Die Bundesregierung erwägt im Rahmen ihres Sofortprogramms zum Klimaschutz, ab kommendem Jahr eine Pflicht für Solardächer auf privaten wie gewerblichen Neubauten einzuführen. Ob es tatsächlich dazu kommt, ist noch offen. Aber fest steht schon jetzt: Die Photovoltaik wird in Zukunft, nach der Stilllegung der Kohle- und Atomkraftwerke bei der Stromerzeugung in Deutschland eine deutlich größere Rolle spielen müssen, um Rationierungen und Blackouts zu verhindern. Zumal der Strombedarf auch durch die steigende Zahl von Elektroautos in den kommenden Jahren stark wachsen wird. Solarwatt, Hersteller von PV-Modulen und Speicherbatterien aus Dresden, hat darauf reagiert. Dieser Tage stellte das Unternehmen die neue Generation eines modularen Heimspeichers vor, der in zweijähriger Entwicklungsarbeit und in Kooperation mit BMW entstand. Das Besondere daran: Der „Battery flex AC-1“ genannte Speicher, der in der kleinsten Größe über eine Kapazität von 4,8 Kilowattstunden und eine Leistung von 1,5 Kilowatt verfügt, nutzt neue Zellen des chinesischen Herstellers CATL, wie sie von der BMW Group auch im i3 und Mini Cooper SE eingesetzt werden. Montiert werden die Speicher beim Autozulieferer Webasto.

Anlässlich der Vorstellung des neuen Systems sprachen wir mit Solarwatt-CEO Detlef Neuhaus – über das neue System, die Rolle der Elektromobilität – und auch über die geplante Solardach-Pflicht.

Solarwatt-Chef Neuhaus
Detlef Neuhaus
Der Maschinenbau-Ingenieur ist seit 2010 CEO und geschäftsführender Gesellschafter des Desdner Unternehmens Solarwatt. Zuvor arbeitete er unter anderem für die Heizungs-Spezialisten Viessmann und Vaillant. Foto: Solarwatt

Hallo Herr Neuhaus. Die Politik diskutiert zum Klimaschutz gerade eine Solardachpflicht für Gewerbebauten und Privathäuser. Knallen bei Ihnen im Unternehmen bereits die Sektkorken?

Nein, denn ich bin grundsätzlich gegen jede Pflichten und auch Verbote durch die Regierung. Die Diskussion ist für mich nur ein weiter Beweis für ein Versagen der Politik, das mich offen gesagt ungeheuer ärgert. Denn die Politik hat es in den zurückliegenden zehn Jahren verpasst, der Bevölkerung die Notwendigkeit einer Energiewende zu erklären – wohl mit Rücksicht auf die Lobbyisten der Energieversorger. Denn sonst hätten die Menschen längst in Scharen Photovoltaik-Anlagen installiert. Photovoltaik ist eine solch tolle Technologie, die nicht nur der Umwelt, sondern auch wirtschaftlich für die Besitzer einer PV-Anlage einen großen Benefit bringt, nämlich Kosten senkt. Und die obendrein eine Reihe von Möglichkeiten aufzeigt, die Energiewende voranzubringen. Jeder Verbraucher, der das begriffen hat, entscheidet sich freiwillig für eine PV-Anlage. Nur die damit verbundene Bürokratie schreckt viele ab. Die Diskussion über eine Solardachpflicht ist deshalb für mich ein Versuch der Ablenkung vom eigenen Versagen.

Sie sind also gegen eine Solardach-Pflicht?

Ich bin für Solardächer, aber gegen eine allgemeine Pflicht. Ich bin Ingenieur, kein Ideologe und unterstütze diese Technik natürlich. Wir brauchen sie jetzt erst recht, denn die Klimasituation wird in der Tat immer bedrohlicher. Wir müssen jetzt den Schwenk hin zu Erneuerbaren Energien hinbekommen. Wegen der Klimasituation sowieso. Aber auch aus volkswirtschaftlichen Aspekten.  Andernfalls ist unsere Volkswirtschaft in zehn Jahren nicht mehr wettbewerbsfähig. Insofern bin ich jetzt mit einer geballten Faust in der Tasche für eine Solardachpflicht.

Wenn man sich in den Städten und speziell auf dem Land umsieht, scheinen die Bürger schon weiter zu sein: PV-Anlagen werden derzeit bereits in großer Stückzahl montiert.

Das war in den letzten zehn Jahren schon immer so, dass die Menschen der Politik vorauseilten. PV-Anlagen werden nicht wegen der Politik, sondern werden und wurden trotz der Politik montiert. Weil sie nicht das Richtige tun wollen oder weil sie auf etwas verzichten, sondern weil es ihnen was bringt: Innerhalb von 20 Jahren spart man so viel Geld, dass man damit eine Lebensversicherung anfüttern könnte.

Mein Eindruck ist: Auch die wachsende Verbreitung von Elektroauto befördert das Interesse an der Technik und an der so genannten Sektorenkopplung: Die Verknüpfung von PV-Anlage, Heimspeicher und Elektroauto zu einem Ökosystem. Teilen Sie die Einschätzung?

Absolut. An der systemischen Photovoltaik, der so genannten Sektorenkopplung arbeiten wir bei Solarwatt bereits seit zehn Jahren. Meiner Einschätzung nach weltweit als einziger Hersteller mit einer solchen Konsequenz. Es gibt nur eine einzige Marke, die es ähnlich tut. Zumindest in der Kommunikation.

Sie meinen Tesla.

Richtig. Allein bei der Nennung des Namens sinken manche schon ehrfurchtsvoll zu Boden. Aber Tesla fehlt eines: Photovoltaik.

Wie kommen sie darauf? Tesla hat auch ein Solar Roof im Angebot. Nicht aktuell, aber bald wieder.

Meine Meinung dazu ist klar: Solarziegel sind ein schönes Spielzeug für besonders finanzstarke Menschen. Mit der Technik deckt man vielleicht ein Prozent des Gesamtmarktes weltweit ab. Bei unserer Lösung muss man sich keine Gedanken über Tausende elektrische Verbindungen auf dem Dach machen, weil sie nur 30 brauchen. Und der Hausbesitzer muss sich keine Sorgen machen, dass die Teile im Sturm vom Dach fliegen. Und vor allem muss er nicht viermal so viel zahlen. Wir haben die Idee mit den Solarziegeln deshalb schon vor über zehn Jahren begraben.

Das war jetzt der Werbeteil für konventionelle Solarmodule. Kommen wir zur Sektorenkopplung zurück. Solarwatt ist auf dem Gebiet mit BMW und Webasto eine Kooperation eingegangen und hat einen neuen Heimspeicher entwickelt. Was unterscheidet den von bisherigen Lösungen?

Der Heimspeicher Battery flex nutzt die gleiche Batteriezelle wie Elektroautos von BMW. Die eingesetzte Zelle bringt dabei eine gute Mischung aus Leistung und Kapazität mit, die wir mit unserem spezifischen Solarwatt Know How im Bereich Batteriemanagementsysteme für Stationärspeicher nutzbar machen. Sie kann damit  beide Bereiche sehr gut abdecken: Einen Einsatz im Elektroauto und in einem Heimspeicher. Wenn man diese Optimierung nicht gut macht, kann sich das beißen.

Hand in Hand
Im Werk Schierling fertigt Autozulieferer Webasto die Zellmodule für die neuen Batteriespeicher, die Solarwatt zusammen mit BMW entwickelt hat. Die Lithium-Ionen-Zellen dafür kauft BMW beim chinesischen Hersteller CATL ein. Foto: Webasto
Hand in Hand
Im Werk Schierling fertigt Autozulieferer Webasto die Zellmodule für die neuen Batteriespeicher, die Solarwatt zusammen mit BMW entwickelt hat. Die Lithium-Ionen-Zellen dafür kauft BMW beim chinesischen Hersteller CATL ein. Foto: Webasto

Inwiefern? Renault und andere Autohersteller produzieren Heimspeicher, bei denen ausrangierte Zellen aus Elektroautos zum Einsatz kommen.

Eine Autozelle braucht eine hohe Leistungsdichte und ist perfekt bei wenig Zyklen. Ein Heimspeicher braucht Zellen für viele Ladezyklen und eine möglichst geringe Leistungsdichte. Die BMW-Zelle kann beides gut abdecken. Damit sind wir weltweit die ersten, die so etwas anbieten – ein Speicher, der nach Automotive-Standards zertifiziert ist. Unser „Battery Flex“ ist eine technologische Partnerschaft, auf die wir sehr stolz sind.

Was kommt davon von BMW?

Das Zell-Kit, also die Zellen. Das Submodul, also das Teil, in das die Zellen integriert werden, wird in unserem Auftrag bei Webasto zusammengebaut. Und bei uns wird dieses dann veredelt, indem wir es in unseren Speicher integrieren und mit unserer Steuereinheit verbinden.

BMW-Großaktionär Stefan Quandt ist der Hauptaktionär von Solarwatt. Ich vermute mal, er hat die Kooperation geschmiedet?

Das glauben viele. Aber das Gegenteil ist der Fall. Tatsächlich hatten wir es wegen Stefan Quandt eher schwerer als andere Wettbewerber, mit BMW in Verbindung zu kommen. Wir haben uns bei BMW mit unserer Leistungsfähigkeit durchgesetzt, aber nicht aufgrund unseres Hauptaktionärs.

Die Strompreise steigen, die Einspeisevergütungen sinken. Wer schlau ist, nutzt den selbst erzeugten Strom im eigenen Haus - oder Elektroauto. Energiespeicher

Welche Stückzahlen werden denn vom Battery-Flex-Speicher produziert? Die Kooperation deutet nicht gerade auf eine Kleinserienfertigung.

Wir haben tatsächlich sehr ambitionierte Ziele. Unseren ersten Heimspeicher haben wir bereits 2015 auf den Markt gebracht – den ersten, den man an die Wand hängen konnte, weil er weniger als 25 Kilogramm pro Komponente wog. Aber über die Zeit haben wir unseren Vorsprung eingebüßt, unter anderem aufgrund der eingeschränkten Verfügbarkeit der Zellen. Deshalb kooperieren wir jetzt auch mit einem Autohersteller – die spielen bei den Zellherstellern eine ganz andere Rolle als ein Unternehmen wie Solarwatt. Der Battery-Flex-Speicher wird zum Herbst 2021 in verschiedenen Ausführungen kommen. Wir wollen ihn auch mit dem Wärmethema verknüpfen, also eine Wärmepumpe anbinden. Das erhöht noch einmal die Energieausbeute und bringt somit weiteren Zusatznutzen. Wir werden da mit einem großen Wärmepumpen-Hersteller zusammenarbeiten – Details erfahren Sie, wenn wir das nächste Mal telefonieren.

Das ist dann das nächste Thema. Aber bleiben wir erstmal bei dem Speicher. Welche Größenordnung hat die Produktion – und wann genau wird das Teil ausgeliefert?

Die Auslieferung der Solarwatt Battery flex beginnt im Herbst. Unser Plan ist es schnell wieder signifikant Marktanteile zu gewinnen. Der Markt für Stationärspeicher allein in Deutschland wird in 2021 auf 150.000 Stück geschätzt. Und da werden wir wieder oben mitspielen.

Und zur Stückzahl?

Ich bin mir sicher, dass die Nachfrage unsere Produktionskapazitäten überschreiten werden…

Die wie groß sind?

Dieses Jahr werden wir lediglich ein paar Tausend Stück produzieren. Aber ab nächstem Jahr denken wir in fünfstelligen Größenordnungen, also 10.000plus. Wir werden die Produktion schnell hochfahren, denn die Märkte ziehen nach der Corona-Krise kräftig wieder an. Und wir müssen uns frühzeitig festlegen – auch unser Partner BMW will wissen, wie viele Submodule wir haben wollen.

Und „Battery Flex“ ist nur etwas für Fahrer von Elektroauto von BMW?

I wo. Es gibt da keinerlei Limitierungen. Der Speicher kann aufgrund seiner Modularität mit jeder PV-Anlage gekoppelt werden und über unser Gesamtsystem mit dem Solarwatt Manager flex und einer Wallbox, kann jedes Elektroauto intelligent mit Solarstrom versorgt werden. Wir freuen uns über alles, was die Erneuerbare Energien voranbringen.

Ist eigentlich auch eine Möglichkeit zum bidirektionalen Laden vorgesehen?

Ich darf nicht alles sagen, ich weiß auch nicht alles – etwa, was die BMW-Modelle beherrschen. Da müssen Sie bitte bei den Kollegen von BMW nachfragen. 

Zertifiziert nach Automotive-Standards 
Solarwatt hat den neuen, modular erweiterbaren Heimspeicher gemeinsam mit BMW entwickelt. Im Innern des kompakten Gehäuses stecken neue Batteriezellen, die unter anderem auch im Mini Cooper SE zum Einsatz kommen. Foto: Solarwatt
Zertifiziert nach Automotive-Standards
Solarwatt hat den neuen, modular erweiterbaren Heimspeicher gemeinsam mit BMW entwickelt. Im Innern des kompakten Gehäuses stecken neue Batteriezellen, die unter anderem auch im Mini Cooper SE zum Einsatz kommen. Foto: Solarwatt

Wie teuer ist ein solches System überhaupt?

Das ist viel zu günstig.

Das sagt jeder Hersteller.

Jedes Haus ist anders, deshalb gibt es da keine Faustformel. Und der Handwerker will ja auch noch etwas verdienen. Für eine durchschnittliche Anlage mit 5 bis 6 Kilowatt Peak zahlen Sie heute inklusive Montage um die 10.000 Euro. Ein Speicher kostet zwischen fünf und sieben Tausend Euro, womit man auf einen Eigenstromverbrauch um die 70 Prozent kommt. Dazu kommt dann noch die Wallbox, die zwischen 500 und 1000 Euro kostet…

…und die mit 900 Euro gefördert wird.

Genau. Und das war es dann auch schon. Also reden wir in Summe von einem Betrag um die 17.000 Euro bei einem normalen Einfamilienhaus.

Obwohl die Glas-Glas-Module von Solarwatt aus Deutschland deutlich teurer sind als die Glas-Folien-Module aus China. Fast doppelt so teuer.

Sie müssen dabei beachten, dass die Glas-Glas-Module nachweislich deutlich, deutlich haltbarer sind. Wir geben 30 Jahre Produkt- und Leistungsgarantie, wenigstens zehn Jahre mehr als Billiganbieter aus China. Über die garantierte Laufzeit bringt Ihnen das übrigens bis zu 75.000 kWh Mehrertrag also circa 25 bis 30 Prozent mehr und die Module haben dann noch eine Restkapazität von 87 Prozent, d.h. sie halten noch deutlich länger.

Wie werden sich die Preise weiter entwickeln? Nach unten oder nach oben?

Die Frage nach dem Preis eines Moduls war vor zehn Jahren noch wichtig. Heute ist sie sekundär, denn da geht es nur um ein paar Tausend Euro Unterschied. Fakt aber ist, dass Photovoltaik heute die wirtschaftlichste Form ist, um elektrische Energie zu erzeugen. Selbst ein altes, lange abgeschriebenes Kohlekraftwerk kann da nicht mehr mithalten. Es geht nicht mehr um den Preis eines Moduls – eine PV-Anlage rechnet sich in jedem Fall. Die kriegen Sie nicht mehr kaputt gerechnet.

Solarziegel Die Politik plant zum Klimaschutz eine Solardachpflicht auch für neue Wohngebäude. Auch die Hersteller von Solarziegeln könnten davon profitieren - und Tesla. Solarenergie

Dann werfen wir noch aus anderer Perspektive einen Blick in die Zukunft: Woran arbeiten Sie in Ihrem Innovationszentrum in Hürth?

An vielen spannenden Dingen.

Das ist mir schon klar.

Wir arbeiten an noch haltbareren, leistungsfähigeren PV-Modulen. Und ich sehe noch vieles am Horizont, was noch kommen kann. Das Thema Wasserstoff ist hochinteressant. Nicht bei kleinteiligen Einfamilienhäusern, aber es wird Anwendungsfälle in der Industrie geben.

Auf dem Markt werden bereits Elektrolyseure angeboten für Eigenheimbesitzer, um in der dunklen Jahreszeit mit dem zuvor aus Sonnenstrom produzierten Wasserstoff das Haus beheizen zu können.

In den nächsten 10 Jahren wird das System aus einer PV-Anlage, einem stationärem Speicher und Elektromobilität bestehen. Und für die Produktion von Wärme im Haus werden Wärmepumpen genutzt. Das sind alles Technologien, die vollständig ausgereift sind und absolut betriebssicher. Ein Haus aus den 1970 er Jahren kann damit seinen CO2-Fußabdruck um fast 90 Prozent reduzieren – Das ist sensationell. Eine Wasserstoff-betriebene Anlage kommt nicht im Traum da ran.

Also macht eine Solardach-Pflicht schon einen Sinn?

Durchaus. Wir haben in Deutschland aktuell etwa zwei Millionen Dächer mit einer PV-Anlage. Und wir haben nochmals 14 Millionen Dächer, auf denen noch kein PV-Modul sitzt.

Eine PV-Leistung von 200 Gigawatt allein in Deutschland wäre also möglich?

Absolut. Das ist allein eine Frage des Willens. Wir hätten längst mehr machen können. Die Technologie steht bereit. Wir müssen es nur tun.

Artikel teilen

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.