Das Geschäftsmodell von Deutschland funktioniert nicht mehr, das „Land der Ideen“ braucht dringend neue Impulse, Dafür soll unter anderem SPRIND sorgen, die Bundesagentur für Sprunginnovationen. Ihr Ziel ist es, bahnbrechende Technologien und Themen den Weg zu bahnen, „die das Zeug haben, unser Leben von Grund auf zu verbessern. Wie etwa die Kernfusion, die Produktion von klimafreundlichem Beton, neue Antibiotika – oder etwa die spektakuläre, 365 Meter große Höhenwindenergieanlage, die gerade auf dem Gelände eines früheren Braunkohletagebaugebiets in der Lausitz der Vollendung entgegenstrebt.
Rafael Laguna de la Vera ist Direktor dieser in Leipzig angesiedelten Einrichtung, die von der früheren Bundeskanzlerin Angela Merkel aus der Taufe gehoben wurde – und bis heute weitgehend unbekannt ist. Wir trafen ihn an seinem Wohnort in Köln zum Interview. Was treibt ihn an – und wovon träumt der Mann?
Herr Laguna, in ihrer freien Zeit widmen sich analogen Synthesizer, bei denen Filter und Modulatoren den Ton angeben. Wenn SPRIND ein Synthesizer wäre: Welche Regler müssten Sie in Deutschland gerade nach oben schieben, um den richtigen Sound für die Zukunft zu generieren?
Den Angstregler runter, den Mutregler hoch. Den Meckerregler runter, den „Lust-auf- Zukunft“-Regler hoch. Ich war gerade im Gespräch mit dem Digitalminister Wildberger, der hat gesagt, Deutschland hat eine Autoimmunkrankheit.
Wie äußert sich die?
Wir zerstören uns selber. Ja, wir leben ein tolles Leben, unser Leben ist über die Jahrzehnte immer besser geworden. Aber wenn man uns selber zuhört, sind wir scheinbar im Untergang begriffen.
Sie haben mit 16 schon Ihr erstes Unternehmen gegründet. Hätten Sie heute noch mal den Mut, was Neues zu gründen?
Ich habe vor sieben Jahren SPRIND gegründet, im Alter von 55 Jahren. Ich finde es spannend, sich aus der Komfortzone rauszubewegen, in Gebiete, von denen man eigentlich keine Ahnung hat. Das war bei mir mit 16 so, und so ist es bis heute.

Rafael Laguna de la Vera, 61, steht seit 2020 an der Spitze der Bundesagentur für Sprunginnovationen, kurz: SPRIND. Als 16-Jähriger gründete er seine erste Software-Firma, später entwickelte und vermarktete er zusammen mit einem Freund eine auf Linux basierende Kollaborationssoftware, die bis heute in vielen Unternehmen, Behörden und Bildungseinrichtungen im Einsatz ist – als Alternative zu Microsoft Exchange. Zudem ist er Gründungsmitglied von ID4me AISBL, einer in Belgien ansässigen internationalen Organisation, die sich für einen offenen, sicheren und datenschutzfreundlichen Standard für einmaliges Anmelden im Internet einsetzt. Fotos: SPRIND
Worauf man sich da einlässt, weiß man zum Zeitpunkt einer Gründung aber meist noch nicht.
So ist es und das ist auch gut so. Wenn man alles vorher wüsste, was da so auf einen zukommt, würde man es wahrscheinlich gar nicht machen. Allem Anfang wohnt ein Zauber inne…
Heißt es in einem berühmten Gedicht von Hermann Hesse.
Der Zauber rührt aus dem Unbekannten. Ich würde auch mit 65 Jahren noch einmal ein Unternehmen gründen – wenn ich dann mit SPRIND durch sein sollte.
Was war eigentlich Impuls zur Gründung von SPRIND?
Den gab die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie wollte eine deutsche DARPA haben.
Eine deutsche Version der beim US-Verteidigungsministerium angesiedelten Defense Advanced Research Projects Agency?
Genau. Eine solche Agentur war ihr von mehreren beratenden Gremien empfohlen worden. Und 2017 hat Merkel die Gründung dann auch im Kabinett beschlossen. Anschließend wurde zwei Jahre lang gebrütet, wie man das machen kann und schließlich eine Expertenkommission gegründet.
Was man in Deutschland so macht, wenn man sich nicht entscheiden kann.
Genau. Ich saß damals als Multiunternehmer in meiner Open-Source-Softwarefirma Open-Xchange, entwickelte Infrastruktur-Software fürs Internet und andere spannende Dinge. Und der Kommissionsleiter Dietmar Haroff meinte, so einen Entrepreneur und Digitalexperten braucht SPRIND. So habe ich im April 2019 zum ersten Mal in meinem Leben ein Bundesministerium betreten.
Und wurden dann gleich zum Leiter der SPRIND berufen?
Harroff zeigte mir irgendwann die Ausschreibung für die Position des Gründungsdirektors und sagte: Das bist doch Du.
Und da haben Sie gleich zugesagt.
Ich habe gesagt, ich habe eine Firma mit 300 Leuten und so weiter. Aber irgendwie hat es mich da gebissen. Auch weil ich zu dem Zeitpunkt schon zwölf Jahre lang Geschäftsführer meiner Firma war. Ich dachte mir: Da kannst du auch mal was anderes machen, auch ein bisschen was zurückgeben. Du hast so viel Glück im Leben gehabt, warum sollst du jetzt nicht mal dem Staat helfen, so etwas Cooles wie diese Agentur aufzubauen?
Obwohl die Freiheitsgrade in einem selbst gegründeten Unternehmen größer sind als in einer von der Politik gewollten und begleiteten Innovationsagentur.
Die Antwort lautet Ja – und Nein zugleich. Ja, weil wir uns unglaublich viele Fesseln angelegt haben im staatlichen Handeln. Es gibt eine ungeheure Verantwortungsdiffusion, weil sich einfach keiner mehr traut, irgendetwas zu entscheiden. Also werden die Prozesse so komplex und dick gemacht, dass jeder nur so ein kleines Scheibchen verantworten muss. Die SPRIND war zu Anfang auch angekettet in einem solchen Konstrukt. Es hat vier Jahre gedauert, sich daraus zu lösen. Dazu brauchte es ein eigenes Gesetz, das SPRIND-Freiheitsgesetz.
Davon höre ich hier zum ersten Mal.
Ja, das haben wir uns erkämpft. Viele haben daran mitgearbeitet, aber schließlich ist es Ende 2023 vom Bundestag mit großer Mehrheit und ohne Gegenstimmen beschlossen worden. Jetzt sind wir eine sehr ermächtigte Bundesagentur, die große Freiheiten hat und auch finanziell immer besser ausgestattet wird, so dass wir die großen Themen angehen können. Wir dürfen Risiken eingehen, aber auch scheitern mit den Projekten. Denn sonst geht man keine Risiken ein.
„Es gibt eine ungeheure Verantwortungsdiffusion, weil sich einfach keiner mehr traut, irgendetwas zu entscheiden. Also werden die Prozesse so komplex und dick gemacht, dass jeder nur so ein kleines Scheibchen verantworten muss.“
Zumindest hier hat die Politik also Mut bewiesen.
Ja. Es ist jetzt delegiert auf uns, aber das ist auch cool. Man bringt uns großes Vertrauen entgegen mit viel Geld und der Freiheit, damit zu handeln.
Ohne dass sich in den meisten Fällen schnell Ergebnisse einstellen.
Wenn man in Sprunginnovation investiert, braucht man schon ein bisschen Zeit und Geduld. Die entstehen nicht von heute auf morgen. Oder besser gesagt: Die gehen nicht von heute auf morgen in die Welt und entfalten sich. Siehe Hochwindrad, worüber Sie ja schon berichtet haben. Das Projekt haben wir Ende 2020 angefangen. Jetzt haben wir 2026 und Ende dieses Jahres wird es in Betrieb gehen. Das ist noch flott für eine Sprunginnovation.
(Hier geht es weiter zu Teil 2 des Interviews)
„Wir zerstören uns selber…“ das stimmt, gilt aber nicht für die Stützen der Gesellschaft und Steuerzahler, sondern die arm-machende Agenda der Strippenzieher, die zerstört und zerschlägt. Wohlstand war gestern, der Transhumanismus besorgt den Rest. Aber Hauptsache noch gnadenlos absahnen.