Sie setzen also auf Pharma und Medizintechnik, Energie und KI?

Das sind die drei Hauptfelder. Es gibt noch ein weiteres Feld, das aber nicht primär technologiegetrieben ist.

Nämlich?

Das nennen wir SPRIND „Society“.

Was hat man darunter zu verstehen?

Gesellschaftliche Sprunginnovationen. Die haben häufig was mit Technologie zu tun, weil man durch den Einsatz von Technologie gesellschaftliche Stimulationen auslösen kann. Das bauen wir gerade auf. Da geht es darum, dass wir zum Beispiel den Sozialstaat neu denken.

Weil das Rumdoktern an Details den Kollaps des Systems nicht mehr verhindern kann?

Eigentlich müsste man einen kompletten Neustart machen. Aber etwas, was auf der grünen Wiese erdacht wird, kriegt man in ein bestehendes System nie implementiert.

Was kann man da machen?

Es gibt fantastische Innovatoren auf dem Gebiet – man kennt sie nur nicht. Wenn man denen helfen würde, ihre Lösungsansätze bekannt zu machen, wäre schon viel geholfen.

Wie?

Indem sie Missbrauch verhindern, auch Prozesse beschleunigen, auch verbilligen.  Wir haben allein 65.000 Menschen, die für die deutsche Rentenversicherung arbeiten. Da ist viel Wohlstandsmusik drin. Wenn man diese Systeme effizienter machen könnte, ließe sich sehr viel Geld einsparen. Darauf zielt SPRIND Society ab.

Bei dem Unterfangen werden sie aber mit Sicherheit wieder auf das Angst-Gen treffen: Eine komplette Neuaufstellung der deutschen Sozialsysteme würde mit Sicherheit auf Proteste und aus Sorge um Wählerstimmen auch auf Widerstand in der Politik treffen.

Das stimmt natürlich. Aber wir sehen unsere Aufgabe daran, denen zu helfen, das zu tun, was getan werden muss. Wir haben beispielsweise eine Initiative, die nennt sich „Law as Code“.

Was verbirgt sich dahinter?

Der Versuch, eine von Grund auf digitale Gesetzgebung zu schaffen. Von der Erstellung der Gesetze über die Novellen bis hin zur Implementierung von Software, die Gesetzesverfahren umsetzt. Damit ließe sich der gesamte Verwaltungs-Overhead dramatisch reduzieren.

Und die Politik hat ein offenes Ohr für solch revolutionäre Ideen?

Darüber kann ich nicht so offen reden. Aber es laufen schon eine Menge Gespräche darüber. Und ja, die Minister sind offen dafür. Wir werden beispielsweise demnächst eine Challenge zum Thema KI im Gesundheitswesen machen. Und wir arbeiten an der EUDI-Wallet, in der die relevanten Daten eines Bundesbürgers – vom Führerschein über den Personalausweis, Bildungsabschlüsse und vieles andere mehr – in einer souveränen Wallet auf dem Smartphone gespeichert werden. Da sind wir in einer führenden Rolle.

SPRIND baut also nicht nur Luftschlösser, deren Realisierung in weiter Ferne liegt?

Die European Digital Identity Wallet kommt am 2. Januar kommenden Jahres raus.

Viele von den radikalen Neudenkern, die SPRIND bereits finanziell fördert, haben ihre Heimat in Deutschland. Aber es gibt auch Projekte in der Schweiz und anderen Ländern Europas. Das geht so in Ordnung?

Durchaus. Wir wollen ja die großen Fragen der Zeit lösen, zum Wohle der Bürgerinnen und Bürger. Das muss dann nicht irgendein Deutscher sein, der das Problem löst. Hauptsache ist, wir lösen das Problem und wir haben den Nutzen davon.

Das ist die Bedingung: Deutschland muss profitieren?

Ja klar. Am Ende sind wir auch Investoren. Am Anfang sind wir staatliche Unterstützer und geben Zuwendungen. Aber irgendwann gehen wir dann in das Unternehmen als Investoren rein, haben damit einen Fuß in der Tür. Und wenn das Projekt Früchte trägt, kriegt der deutsche Staat sein Geld x-fach zurück. Das ist das Eine. Das Zweite ist, wenn Sie nett zu diesen Menschen sind, dann kommen die auch zu Ihnen. Wir haben schon Menschen und Teams aus USA, aus Neuseeland, auch aus Israel nach Deutschland geholt. Und wenn Sie so freundlich sind und so gut zusammenarbeiten, dann führt das zu dem, was wir gerade erleben.

Was nämlich?

Dass Regierungen anderer Länder Kooperationen anbieten. Die Schweden haben eine Innovationsagentur namens VINNOVA. Die finden unsere Challenges gut und haben jetzt Geld in unsere Drohnenabwehr-Challenge gesteckt. Wir haben die Schweden also mitaktiviert, damit wir auch Einreichung aus Schweden bekommen. Kanzler Merz und Frankreichs Staatspräsident Macron haben im Juni die Gründung einer französischen SPRIND-Agentur verkündet. Wir haben dazu einen französisch-deutschen Arbeitskreis gegründet, dem unter anderem Nobelpreisträger angehören. Und die National Science Foundation (NSF) der USA hat parallel zu uns die Tech-Metal-Transformation-Challenge zum Elektronikschrott-Recycling gelauncht. Wir geben 50 Millionen Euro für die europäischen Teams, die NSF 50 Millionen Dollar für die amerikanischen. So aktivieren wir zur Lösung des Problems viel mehr Geld, als wir selber haben.

(Hier geht es weiter zu Teil 5 des Interviews)

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