Hat sich der Spirit im Land dadurch schon geändert? Die Diskussionen über das sogenannte Verbrennerverbot zeugt meines Erachtens nicht unbedingt von großer Veränderungsbereitschaft?
Nein, das ist Lobbyismus und Politik. Ein Ökosystem kämpft hier ums Überleben. Das hat Clayton Christensen schon vor 40 Jahren als „Innovators Dilemma“ beschrieben. Der Innovator, die kreative, zerstörerische Kraft, ist nicht überall wohlgelitten. Viele Benzin-Alkoholiker wollen sich das Saufen nicht verbieten lassen, wollen mit Elektroautos nichts zu tun haben. Die schalten in einen Trotzmodus sobald das E-Wort fällt. Trotzdem halte ich das sogenannte Verbrennerverbot für unnötig und kontraproduktiv. Der Markt wird über die beste Technologie entscheiden.
„Viele Benzin-Alkoholiker wollen sich das Saufen nicht verbieten lassen, wollen mit Elektroautos nichts zu tun haben.“
In Europa sieht man beim Aufkommen neuer Technologien meist nur die Risken, erst in zweiter Linie die Chancen. Wie bei Künstlicher Intelligenz, bei Mini-AKWs oder beim autonomen Fahren. Woran liegt das?
Es gibt durchaus auch bei uns viele Menschen, die in erster Linie die Chancen neuer Technologien sehen. Es gibt auf der anderen Seite aber eine Reihe von Technologie-Dogmen, die wir im Land haben. Beim Thema Atomkraftwerke und Kernspaltung, auch bei der Gentechnik, die uns große Chancen verbauen. Wenn man aus einer Technologie aussteigt, dann nimmt man halt nicht mehr an deren Weiterentwicklung teil. Und ja, wir neigen dazu, erst einmal eine Regulierung zu erarbeiten, bevor wir eine neue Technologie einsetzen.
Da ist China beispielsweise mutiger – die probieren neue Techniken erst einmal aus.
In China werden auch langfristige Strategien verfolgt. Zum Beispiel haben die eine Automobilstrategie geschrieben. Weil sie erkannt haben, dass sie die anderen Nationen mit klassischen Antrieben nie überholen können, haben sie voll auf Elektroautos gesetzt. Und dafür die Technologien entwickelt, um Weltmarktführer zu werden. Das machen wir nicht in Deutschland. Bei SPRIND machen wir das für unsere Bereiche. Wir schreiben echt viele Strategien, zum Beispiel einen „Chips-Act“. Die reichen wir an die Politik weiter. Wie soll man denn dort sonst wissen, in welche Bereiche man investieren muss, welche Bausteine es braucht, um neue Schlüsselindustrien zu schaffen?

Aktuell fördert SPRIND zwei vielversprechende Start-ups, die Kernfusion ermöglichen wollen: Focused Energy und Marvel Fusion. Das weltweit erste Laserfusionskraftwerks will Focused Energy auf dem Gelände des früheren Kernkraftwerks von RWE in Biblis errichten. Rendering: Focused Energy
Welche Bauscheine braucht es aus Ihrer Sicht? Welches sind die Schlüsseltechnologien von morgen?
Wir haben eine gute Pharmaindustrie und sind in der Medizintechnik stark. 30 Prozent unserer Projekte liegen in diesem Feld. Zweites Themenfeld sind Energie und Umwelt. Da sind wir auch nach wie vor stark. Wir haben uns zwar die Kernspaltung verboten, haben regelrecht Panik davor. Aber es gibt ja auch andere Technologien wie die Kernfusion, an der deutsche Forscher schon sehr lange arbeiten. Ebenso wie an Künstlicher Intelligenz: Man beschäftigt sich damit seit 80 Jahren, aber der Durchbruch gelang erst vor drei Jahren. Seitdem erkennt man erst den praktischen Nutzen dieser Technologie.
Sie glauben an die Kernfusion „made in Germany“?
Durchaus. Wir können Laser, wir können Spiegel, wir können Glas, wir können Magneten, wir können supraleitende Magneten, wir bauen MRTs. Wir haben eine Industrie, die schon mal gezeigt hat, dass sie Weltklasse-Maschinen bauen kann. Kulminiert in der Firma ASML, die Belichtungsmaschinen für die Computerchips in unseren Handys baut.
Das ist aber ein niederländischer Konzern.
In deren Maschinen aber Laser von Trumpf stecken, Spiegel von Zeiss und Glas von Schott. Ohne diese deutschen Firmen gäbe es das Ganze nicht. Und ASML ist die einzige Firma der Welt, die diese Maschinen bauen kann, und ist damit die wertvollste europäische Firma geworden. Da wir in allen benötigten Technologien gut sind, bin ich davon überzeugt, dass wir das erste Fusionskraftwerk der Welt in Deutschland bauen können. Und wenn wir die Technologie massiv weiterentwickeln, werden wir unterwegs, quasi als Abfallprodukt, mit Sicherheit noch ganz andere nützliche Dinge marktreif machen.
Damit haben wir jetzt zwei Bausteine, die zusammen auf vielleicht 60 Prozent kommen. Und wo sonst liegt noch Potenzial für Sprunginnovationen?
Rund um das Thema Digitalisierung. Da sind wir gar nicht so schlecht wie viele meinen. Eines unserer ersten Projekte war die Unterstützung der Revitalisierung von Analogcomputern. Die haben wir bis in die 1960er, 1970er Jahre gehabt. Und dann kam der universelle Digitalcomputer und der hat alles platt gemacht. Die Analogcomputer sind keine Universalcomputer, die muss man – so wie einen Quantencomputer – ganz gezielt auf ausgewählte Probleme ansetzen. Sie arbeiten streng mathematisch, so dass man keine Algorithmen schreiben kann. Man muss vielmehr eine Formel in Elektronik gießen. Dann braucht der Computer nur ein paar Elektronen, um zu rechnen und ist im Grunde beliebig schnell. Das ist eine Grundlagen-Chip-Technologie, die uns aus dem „John von Neumann“-Gefängnis, der die Architektur für den Universal-Digitalcomputer erfunden hat, befreien wird. In solche Chip-Technologien investieren wir sehr viel. Denn wenn eines von diesen Projekten Erfolg hat, revolutionieren wir die ganze digitale Industrie.
Und KI überlassen wir den Tech-Konzern aus USA und China?
Keineswegs. Auch da passiert sehr viel. Es läuft gerade die große Next Frontier AI Challenge. Sie ist mit 125 Millionen Euro dotiert. Wir sind da durchaus optimistisch, weil das, was aktuell stattfindet, so etwas wie die Brut-Force-Zeit einer Technologie ist.
(Hier geht es weiter zu Teil 4 des Interviews)