Als Tesla vor drei Jahren sein neues Yoke-Lenkrad vorstellte, hielten das viele Autofans für einen echten Joke – einen Witz. Doch blieb das nach oben offene Steuer im Tesla Model S nicht mehr als ein Designgag, ist die neue Lenkradform im elektrischen Mercedes EQS mit Einführung der elektrischen Lenkung eher Verkaufsargument als Mittel zum Zweck. Schließlich wollen die Schwaben das 2.500 Euro teure „Steer-by-Wire“-System artgerecht in Szene setzen, denn die normale Lenkung funktioniert schon bestens und kaum ein Kunde forderte die Einführung der neuen Steuerung. Diese bietet zwar einige Komfortvorteile, sorgt für den Autohersteller jedoch in erster Linie dafür, Bauraum zu sparen und Versionen mit Rechtslenker einfacher ableiten zu können.

Wer sich an den gelockten 1980er-Serienhelden Michael Knight alias David Hasselhoff und sein schwarzes Auto „Kitt 2000“ erinnert, der hat vielleicht nicht nur bunte Knöpfe und LED-Anzeigen vor Augen, sondern auch das schmale Querformat-Steuer, mit dem das Filmauto ausgestattet war. Diese ungewöhnliche Form des Lenkrads wird es bald in größerer Zahl geben. Mittlerweile sind mit dem Mercedes EQS, dem Nio ET9, dem Lexus RZ 450e sowie dem Tesla Cybertruck bereits vier Fahrzeuge mit einer Steuerung zu bekommen, bei denen zwischen Lenkrad und Vorderachse keine feste Verbindung in Form eines Lenkgestänge mehr besteht.

Rund war gestern 
Mit der neuen Lenktechnik wird es auch möglich, dem Lenkrad eine neue Gestalt zu geben. Denn ein Umgreifen in Kurven ist nicht mehr erforderlich - die Hände bleiben an einer festen Position. Fotos: Mercedes-Benz
Rund war gestern
Mit der neuen Lenktechnik wird es auch möglich, dem Lenkrad eine neue Gestalt zu geben. Denn ein Umgreifen in Kurven ist nicht mehr erforderlich – die Hände bleiben an einer festen Position. Fotos: Mercedes-Benz

Die Idee selbst ist alles andere neu und bereits seit vielen Jahren in der Erprobung. Doch lange Zeit haperte es an der Technik, an der baulichen Umsetzung und nicht zuletzt an den juristischen Vorgaben. Nun sind die Voraussetzungen weitgehend gegeben und es fehlt nur noch an der technischen Feinabstimmung. Eine elektrische Lenkung an sich ist seit Jahren nichts Neues, doch bisher wurde die statische Verbindung von Lenkrad und Vorderachse nur durch technische Hilfsmittel wie eine Servopumpe, eine variable Übersetzung oder einen Elektromotor unterstützt. Das sollte für Komfort, Fahrdynamik oder Fahrerassistenzfunktionen sorgen.

Kabelverbindung statt Lenkstange

Doch die starre Lenkstange dürfte mittelfristig wohl der Vergangenheit angehören. Die Zukunft gehört Steer-by-Wire-Systemen, also der Übertragung der Lenkbefehle auf die Vorderachse über eine elektrische Kabelverbindung. Das spart Bauraum, auch Kosten. Vor allem eröffnet es für das hoch automatisierte Fahren völlig neue Möglichkeiten. Denn es ermöglicht Sicherheits- und Komfortfunktionen wie autonome Ausweichmanöver oder das Einparken auf engstem Raum.

Die "krummste Straße der Welt" 
Eine Neigung von 27 Grad und acht Haarnadelkurven machen die Lombard Street in San Francisco für Autofahrer zur Herausforderung.
Die „krummste Straße der Welt“
Eine Neigung von 27 Grad und acht Haarnadelkurven machen die Lombard Street in San Francisco für Autofahrer zur Herausforderung.

Das Lenkrad kann deshalb nach Kitt-Manier nach oben offenbleiben, weil der Pilot beim Fahren nicht mehr umgreifen muss. Statt zweieinhalb Umdrehungen reichen beim überarbeiteten Mercedes EQS kurze Bewegungen in Händen und Unterarmen, um die Vorderachse maximal einzuschlagen und den Wagen zackig um die Ecke fahren zu lassen.

Schneller durch das Kurvengewirr

Getestet haben wir das System nicht allein in Innenstädten, auf Autobahnen und beim Ein- wie Ausparken, sondern auch auf der kurvenreichsten Straße der Welt – der Lombard Street im Herzen von San Francisco. Mehr als 300 Fahrzeuge Autos fahren die Lombard Street jede Stunde im Schneckentempo herunter. Handys werden aus Fenstern und Schiebedächern gereckt, um zu filmen, wie das eigene Fahrzeug das steile Stück zwischen Hyde und Leavenworth Street herunterfährt – mit weniger als zehn km/h pro Stunde.

Kabel statt Stange 
Eine Lenkung nach dem "Steer-by-Wire"-Prinzip verringert den Bauraum und erleichtert Autobauern die Anpassung des Fahrzeugs an Märkte mit Linksverkehr. Für den Mercedes-Benz EQS hat ZF das System entwickelt. Bild: Költzsch
Kabel statt Stange
Eine Lenkung nach dem „Steer-by-Wire“-Prinzip verringert den Bauraum und erleichtert Autobauern die Anpassung des Fahrzeugs an Märkte mit Linksverkehr. Für den Mercedes-Benz EQS hat ZF das System entwickelt. Bild: Költzsch

Über acht enge Kehren wird dabei ein Höhenunterschied von 145 Metern bewältigt. Vor einigen Jahren sollte die Publikumsattraktionen noch mit einer Nutzungsgebühr zwischen fünf und zwölf Dollar pro Fahrt kapitalisiert werden. Doch letztlich wurde der Plan verworfen und so zuckeln pro Tag bis zu 4.500 Fahrzeuge den spektakulärsten Teil der an sich knapp fünf Kilometer langen Lombard Street herunter.

Nervige Kurbelarbeit entfällt

Ein perfektes Testareal für den neuen Mercedes EQS mit „Steer-by-Wire“-Option. Um den Unterschied zu erfahren, geht es zunächst mit einem konventionell gelenkten Mercedes GLE den Berg hinab. In den Kehren muss eifrig umgegriffen werden, damit der SUV sich nicht in Blumenbeete verirrt oder schaulustige Touristen touchiert. Nach dem Umstieg in den weißen Mercedes EQS 450+ ist das Fahrgefühl nicht allein durch die niedrigere Sitzposition, sondern auch die mitlenkende Hinterachse ein völlig anderes. Beim Einlenken entfällt das Umgreifen und mit einer fixen Handposition rollt der elektrische EQS die Lombard Street herunter. Und nach einer kurzen Runde um das Quartier gleich noch zweimal mehr.

An die feste Lenkposition gewöhnt man sich schnell und das fehlende Umgreifen erspart nervige Kurbelarbeit. Was auf der Lombard Street wenig ins Gewicht fällt, jedoch bei längeren Autobahnpassagen oder in engen Innenstädten stört, sind das weniger direktere Lenkgefühl und das offene Lenkrad selbst. Das ist optisch kein Genuss, bringt keine nennenswerten Vorteile und gibt den Blick auf große schwarze Freiflächen rund um die Displays frei. Denn deutlicher als bei der Standardversion mit konventionellem Lenkrad ist zu erkennen, dass sich das MBUX genannte Großdisplay aus drei Einzeldisplays mit breiten Rahmen handelt. Es bleibt letztlich Geschmacksache, ob man sich für oder gegen das zumeist optionale Steer-by-Wire-System entscheidet.

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