Mit seiner Buchveröffentlichung „Das geheime Lebender Bäume“ wurde der frühere Förster Peter Wohlleben bundesweit bekannt. In seinem neuesten Buch widmet er sich nun den Bakterien, die er als „heimliche Helden“ bezeichnet. Um mehr darüber zu erfahren, haben wir uns mit dem Elektroauto auf den Weg in die Eifel gemacht, um uns mit Wohlleben an seinem idyllischen Wohnsitz zu treffen und eine kleine Wanderung mit ihm zu unternehmen. Unterwegs erklärt der 62jährige, was man von den Einzellern auch für die Verkehrswende lernen kann und warum er sich trotz aller ökologischen Hiobsbotschaften seinen Optimismus bewahrt hat.
Herr Wohlleben, Sie sind bekannt geworden als Vertreter der ökologisch nachhaltigen Waldwirtschaft. In Ihrem neuen Buch beschäftigen Sie sich nun mit Bakterien. Inwieweit machen diese uns Menschen Hoffnung, dass wir die Umweltprobleme in den Griff bekommen?
Bakterien besiedeln seit 4,2 Milliarden Jahren diesen Planeten und tüfteln ständig an Lösungen, und zwar in einer Art und Weise, die man mittlerweile auch intelligent nennt. Noch dazu mit der höchsten Geschwindigkeit, die es in der Evolution gibt. Sie teilen sich nicht nur schnell, sondern schnipseln aktiv in ihrem Erbgut herum und verändern während ihres kurzen Lebens ihre Eigenschaften. Auf diese Weise können sie sich mit einem irren Tempo an Gegebenheiten anpassen. Die gesamte belebte Natur ist mithilfe von Bakterien entstanden, und die versuchen, die Dinge am Laufen zu halten.

Der 62-Jährige wollte schon als Kind Naturschützer werden. Nach dem Studium der Forstwirtschaft war er über zwanzig Jahre lang Beamter der Landesforstverwaltung. Um seine ökologischen Vorstellungen umzusetzen, gab er 2006 seine Stelle auf und übernahm als Förster ein 1200 Hektar großes Waldgebiet in der Eifel. Dort gründete er einen eigenen umweltfreundlichen Forstbetrieb: artgerechte Baumhaltung, Pferde statt Holzerntemaschinen, Buchen statt Fichten, völliger Verzicht auf Chemieeinsatz, keine Kahlschläge. Daneben entdeckte er seine Lust am Bücherschreiben. 2016 gründete er zusammen mit seinem Sohn in Hümmel die Waldakademie, die Waldwissen vermittelt und Naturerlebnisse anbietet. Er fährt seit mehreren Jahren mit Begeisterung Elektroautos. Foto: Jann Höfer
Haben Sie da ein konkretes Beispiel?
Wenn Bakterien merken, dass ein Baum durch Sommertrockenheit schwächelt, dann aktivieren sie bestimmte Gene. Auf denen sind die Erinnerungen von Bäumen an ihre südliche Heimat gespeichert, wo sie solche Zeiten schon überstanden haben. Dadurch wird der Baum auf einmal trockenheitsresistenter. Wälder kühlen sich durch Wasserverdunstung massiv herunter und erzeugen dabei Tiefdruckgebiete mit Wolken, die bis zu fünf Kilometer hoch sind. Von den Blättern steigen dann spezialisierte Bakterien auf, die diese Wolken sozusagen melken. Das heißt, sie lassen Wasser an ihrer Oberfläche gefrieren und fallen dann als Schneeflocken, später als Regentropfen wieder zu Boden. Bakterien versuchen also diese ganzen Systeme in Gang zu halten. Selbst Mikroplastik haben sie inzwischen als Nahrungsquelle entdeckt.
Das heißt Mikroorganismen im Waldboden haben ein größeres Potenzial als Klima-Retter als man denkt?
Genau. Die Wälder mögen dieselben Sachen nicht, die wir auch nicht mögen – also Sommertrockenheit und große Hitzeperioden. Und sie können das massiv dämpfen. Das sind selbstregulierende Ökosysteme. Die Einflussnahme von Wäldern auf das Klima wird in sämtlichen Berechnungen sträflich vernachlässigt. Wenn wir große Gebiete wieder bewalden, könnte dort ein starker Kühleffekt einsetzen. Das wäre viel intelligenter als die 20.000 Quadratkilometer Fläche, die in Deutschland für Biogas und Biodieselherstellung genutzt werden. Die Landwirtschaft könnte man über Kühlungsprämien entschädigen. Die Rechenmodelle dafür gibt es übrigens schon.
Das heißt, wir müssen uns um die Umwelt keine Gedanken machen, weil die Bakterien sowieso alles richten?
Das wäre ein Trugschluss. Wir müssen schon auf die Bremse treten, aber die Bakterien unterstützen uns eben.
„Windräder im Wald sind das Dümmste, was man machen kann.“
Auch indem sie uns auf die richtigen Gedanken bringen?
Sie mischen auf jeden Fall dabei mit, man weiß nur nicht, wie intensiv. Im Buch gibt es ein schönes Beispiel von Testteilnehmern, die zwei Wochen lang Rohkost essen. Wenn sie danach Bilder von Nahrung vorgehalten bekommen, sieht man im MRT, wie das Belohnungszentrum im Gehirn beim Anblick von Gemüse und Obst anspringt. Das ist nachweislich auf die Darmbakterien zurückzuführen, die über Nerven ins Belohnungszentrum ins Gehirn feuern und dort entsprechende Gefühle auslösen. Man kann auch nachweisen, dass die Gehirnleistung dadurch messbar steigt.
Der Mensch kam auch auf den Gedanken, für den Bau von Windrädern Teile von Wäldern abzuholzen. Ist das sinnvoll?
Das ist definitiv kontraproduktiv. Da werden große Trassen in die Wälder gebaut – mitsamt ganzen Ketten von Windrädern, damit sich die Infrastruktur lohnt. Das schädigt Wälder massiv genau in den Funktionen, die ich gerade beschrieben habe. Man rechnet immer, wie viel Kohlenstoff ein Hektar Wald speichert und vergleicht das damit, wie viel CO2 ein Windrad im Vergleich zu fossiler Energie spart. Aber man bezieht nicht die Ökosystemfunktion des Waldes ein. Die hat ja einen um mehrere Größenordnungen stärkeren Klimaeinfluss als die CO2-Speicherung.
Wie sehen Sie Windräder generell?
Ich bin ein absoluter Windrad-Fan. Richtung Köln finden sie mehrere Windparks an der Autobahn – die stehen siedlungsfern in intensiver Agrarlandschaft, die durch die Flächenverluste kaum beeinträchtigt wird. Aber Windräder im Wald sind das Dümmste, was man machen kann.

Erschienen im Piper-Verlag, 23 Euro
Ein entscheidender Faktor, wenn es um den Klimawandel geht, ist die Mobilität. Was können wir von Bakterien in dieser Hinsicht lernen?
Von Bakterien können wir für unsere Mobilität lernen, dass man mit Energie effizient umgeht und dass man für jedes Teilproblem auch Teillösungen entwickelt.
Sie selbst fahren ein E-Auto. Ist das eine Teillösung oder mehr?
Elektromobilität wird die Umwelt nicht retten, aber sie ist im Augenblick die deutlich bessere Lösung als ein Verbrenner. Wobei sie optimal nur im Zusammenspiel mit öffentlichem Nahverkehr funktioniert. Zum Beispiel fahre ich mit dem Auto zum Bahnhof und steige in den Zug um. Wenn ich zur Arbeit in die Waldakademie muss, fahre ich mit dem E-Bike. Auch das ist ein weiterer Umweltschutz, denn E-Bikes ermöglichen in vielen Fällen den Umstieg vom Auto aufs Fahrrad.
Elektroautos sind aber auch in Verruf geraten, weil der Abbau des für die Akkus nötigen Lithiums nicht gerade umweltfreundlich ist.
Diese Debatte ist auf wissenschaftlicher Basis schon beendet. Akkus lassen sich recyceln. Und für die Verbrenner brauchen wir kritische Rohstoffe und Metalle in ähnlichen Größenordnungen. Hinzu kommt der Aufwand für die Rohstoffgewinnung der Treibstoffe. Und die Entwicklung bleibt ja nicht stehen. In China sind beispielsweise Natriumbatterien marktfähig geworden. Da ist eine dynamische Entwicklung im Gange. Man sollte auch nicht vergessen: Der Verbrenner hatte 120 Jahre Entwicklungszeit, und bei der Elektromobilität reden wir derzeit von zehn, 20 Jahren.
Was schätzen Sie: Wird es einen Punkt in der Zukunft geben, wo zwischen Umweltverträglichkeit und Mobilität kein Konflikt mehr besteht?
Der kann kommen. Ich nenne das Stichwort ‚Autonomes Fahren‘. Das kann in 20, 30 Jahren eine besonders angenehme Form des öffentlichen Nahverkehrs sein. Denn ein selbstfahrendes Auto ist wie eine Art Bus, wo ich zusteigen kann. So brauche ich kein eigenes Fahrzeug mehr und der Bestand an Pkw könnte erheblich abnehmen, weil autonome Fahrzeuge vielleicht zehnmal häufiger im Einsatz sind als individuell genutzte Fahrzeuge. Infolge dessen bräuchte man zehnmal weniger Autos.
„Elektromobilität wird die Umwelt nicht retten, aber sie ist im Augenblick die deutlich bessere Lösung als ein Verbrenner.“
Wie sehen Sie die Brennstoffkrise, wie sie durch die Blockierung der Straße von Hormuz entstanden ist?
Es ist einerseits unfassbar schlimm, weil es die Zivilbevölkerung stark betrifft. Andererseits ist das ein Booster für die Energiewende. Inzwischen bekennen sich etliche Staaten noch viel deutlicher zur Elektromobilität, weil sie aus strategischen und kostentechnischen Gründen da herauswollen. Wir leben in einer Welt, die sich immer weiter destabilisiert, und mit selbst produzierten erneuerbaren Energien kann man nicht in solche Bedrohungslagen geraten, selbst wenn man von der Zulieferung der Hardware abhängig ist.
Sie sprachen davon, dass wir von Bakterien lernen können, Energie zu sparen. Gilt das auch für den Wald als Ganzes?
Absolut. Es gibt wissenschaftliche Berechnungen, dass ein Quadratmeter Waldboden um den Faktor Tausend mehr Rechenoperationen pro Sekunde durchführt als ein auf der gleichen Fläche aufgestellter hypermoderner KI-Supercomputer. Das heißt, diese Ökosysteme haben eine irre Rechenkapazität, aber sie versuchen dabei Energie zu sparen, indem sie keine Wärme freisetzen. Damit landen wir wieder beim Thema ‚Elektromobilität vs. Verbrenner.‘ Wärme freizusetzen ist das Dümmste, was man machen kann, und das versucht die Natur zu vermeiden. Und dafür ist Vernetzung das A & O. Lange Zeit hat man geglaubt, die Natur wäre vom Wettbewerb der Arten geprägt. Aber mittlerweile weiß man: Das ist ein großes kooperatives System, wo sich alle einordnen und mitmachen, damit so wenig Ressourcen wie möglich verschwendet werden. Und je größer die Vielfalt der Arten, desto resilienter ist dieses System gegen Bedrohungen.
Inwieweit kann KI bei unserem Verständnis der Natur helfen?
Mit KI sind natürlich Gefahren verbunden, aber wenn man es auf die Naturwissenschaften herunterbricht, kann sie ein Segen sein. Mit ihrer Hilfe kann man Umweltprozesse viel eingehender verstehen, man kann sie viel engmaschiger überwachen und das eigene Handeln viel besser reflektieren und anpassen. Bei der E-Mobilität kann sie die Entwicklung von besseren Batteriesystemen beschleunigen. Wenn das vernünftig reguliert wird, dann sehe ich KI absolut als Chance.

„Da werden große Trassen in die Wälder gebaut – mitsamt ganzen Ketten von Windrädern, damit sich die Infrastruktur lohnt. Das schädigt Wälder massiv genau in ihren Funktionen.“ Windkraftanlagen im Wald sieht Wohlleben kritisch Foto: Max Bögl Wind AG
Indes ist KI mit hohem Energieverbrauch verbunden, womit wir bei den alten Problemen sind.
Wir müssen wieder mal nach China schauen. Da hat man mit DeepSeek eine KI entwickelt, die erheblich weniger Energie verbraucht. Vielleicht sollte man KI als Ressource sehen, die nicht verschwendet werden sollte. Die muss ja nicht bei jeder privaten Internetsuche automatisch aufploppen.
Ihre Aussagen wirken insgesamt sehr optimistisch. Warum eigentlich?
Es gab letztes Jahr eine Erhebung, wo 150.000 Menschen in 90 Staaten befragt wurden, und über 80 Prozent haben sich von ihrer jeweiligen Regierung mehr Anstrengung im Klimaschutz gewünscht. Das heißt, überall auf der Welt möchten Menschen das ändern. In vielen Ländern passiert deutlich mehr als in Deutschland. Unser Gehirn ist so konstruiert, dass es schlechte Nachrichten überbewertet, aber es gibt ganz, ganz viele gute Nachrichten. Und viele Änderungen für den Klimaschutz lassen sich umsetzen, ohne dass die Menschen Komfort-Einbußen haben. Wenn die Gesellschaft zum Beispiel zum klassischen Sonntagsbraten zurückkehren würde, statt täglich Fleisch zu essen, dann könnte man 87.000 Quadratkilometer – das ist eine Fläche von der Größe Bayerns und Thüringens zusammen – an natürlichen Wäldern zurückkehren lassen. Es gibt Landstriche im Osten der USA, wo große Flächen in den letzten Jahrzehnten bewaldet wurden, die sich nun entgegen dem globalen Trend abkühlen. Wenn die Bevölkerung über zu große Hitze klagt, könnte man das durch die Wiederbewaldung sehr schnell drehen. Ich spreche von spürbaren Effekten innerhalb von zehn Jahren. Die Lösungen liegen alle umsetzungsreif auf dem Tisch, aber offenbar ist es den Leuten noch nicht heiß und trocken genug.
„Wenn die Bevölkerung über zu große Hitze klagt, könnte man das durch die Wiederbewaldung sehr schnell drehen.“
Gibt es abschließend eine Erkenntnis, die wir aus dem Umgang mit Bakterien ziehen könnten?
Wir sehen Bakterien immer negativ. Und mit meinem Buch möchte ich sagen: Diese Bakterien gehören zu unserem Körper. Die allermeisten davon unterstützen uns. Das sind unsere heimlichen Helden. Wir können sie nur nicht sehen, und das ist das Problem. Und ich möchte diese Verbindung wiederherstellen. Ähnlich verhält es sich übrigens mit der Umwelt. Für uns ist sie das „da draußen“. Und Umweltschutz ist ‚nice to have‘. Aber wir sind in dieser Umwelt eingebettet. Nur nehmen wir nicht mehr wahr, dass wir jede Sekunde davon abhängen.
Haben Sie durch die Beschäftigung mit Bakterien eigentlich etwas in Ihrem persönlichen Alltag geändert?
Zahnpasta ist letztlich ein Antibiotikum, und damit killt man alle Bakterien, die guten und die schlechten. Aber wir haben im Mund sehr gute Bakterien, die wir dringend brauchen. Inzwischen gibt es eine vom Fraunhofer-Institut entwickelte Zahnpasta, mit der man nur die schlechten abtötet. Ich wünsche mir mehr solche Produkte, die unsere wichtigsten Körperbakterien schützen.
Vielen Dank für das Gespräch!