Welche Regeln haben sie denn noch für ihre Mikroabenteuer definiert?

Ich habe drei Regeln aufgestellt, die ein Mikroabenteuer für mich von anderen Outdoor-Aktivitäten abgrenzen: Wie schon gesagt, benutze ich kein Auto und kein Flugzeug. Dann setze ich mir ein Zeitlimit: Ein Mikroabenteuer dauert für mich maximal 72 Stunden, sonst ist es nicht mehr mikro. Und die dritte Regel lautet: Ist eine Nacht dabei, verbringe ich die draußen ohne Zelt, um mich einmal mehr aus der Komfortzone in die Ungewissheit zu treiben.

Unter freiem Himmel kann es schon mal ungemütlich werden. Wo ist da der Spaß?

Es ist magisch, direkt unterm Sternehimmel zu schlafen. Aber der Spaß ist auch gar nicht mein primäres Ziel, es geht mir um das Freiheitsgefühl und die Erfahrung. Dass ich ohne Zelt übernachte hat zudem auch einen pragmatischen Grund: Ich darf in Deutschland nicht wild zelten. Wenn ich mal irgendwo liege und mir fallen die Augen zu, dann ist das zumindest nicht verboten. Es sei denn, ich befinde mich in einem Naturschutzgebiet.

Magische Momente
Foerster wagte sich als erster mit einem Stand-up Paddle Board nach Helgoland und schlief in der Nacht vor der Tour auf der Insel Neuwerk in der Elbmündung.
Foto: Jozef Kubica

Und an die Regeln halten Sie sich tatsächlich immer?

An die Naturschutzverordnungen immer, an meine persönlichen Mikroabenteuer-Regeln meist auch. Sie stellen allerdings keine allgemeingültige Definition dar, denn für jeden von uns endet die Komfortzone ja woanders. Ich finde es ganz wichtig, dass wir uns nicht mit anderen vergleichen, sondern immer erst auf uns schauen.

Durch die corona-bedingten Bewegungseinschränkungen haben viele Menschen ihre Umgebung intensiver denn je erkundet. Und haben jetzt oft das Gefühl, jeden Trampelpfad in ihrer Nachbarschaft zu kennen. Wie gelingt es da, noch Neues zu entdecken?

Wichtig ist, eine andere Perspektive einzunehmen. Etwa wenn wir zu einer ganz anderen Tageszeit als sonst unterwegs sind. Wenn wir uns zum Beispiel den Sonnenaufgang anschauen, was gerade in dieser Jahreszeit sehr, sehr früh ist. Dafür müssen wir möglicherweise nachts aufzubrechen. Oder wir wandern gleich eine ganze Nacht durch. Oder wir laufen eine S-Bahn-Strecke komplett zu Fuß ab. Wir können Wege, die wir im Alltag immer auf eine ganz bestimmte Art und Weise nutzen, generell auch mal anders zurückzulegen, wie zum Beispiel die Verwandten am Wochenende statt mit dem Auto einmal mit dem Fahrrad besuchen, und wenn es zwei Tage dauert, ans Ziel zu kommen.

Es geht darum, gewohnte Muster zu durchbrechen und eine andere Perspektive auf die Umgebung einzunehmen. Ich habe mal von jemandem in München gehört, der durch die Isar zur Arbeit schwimmt. Das hört sich erst einmal bescheuert an, aber auch das kann eine Möglichkeit sein, Muster zu durchbrechen.

Was empfehlen Sie, wenn Sie mit Kindern unterwegs sind? Für die ist eine Nachtwanderung vielleicht noch etwas anstrengend.

Es kommt drauf an, wie alt sie sind. Ich habe zwei Kinder. Ich finde es ganz wichtig, ihnen nicht meine Idee vom Abenteuer überzustülpen und sie zu irgendetwas mitzuzerren, sondern das Prinzip umzudrehen, mich also von den Kindern auf ein Abenteuer mitnehmen zu lassen. Kinder sind die besten Abenteurer überhaupt, weil sie einfach noch sehr viel freier entdecken, sehr viel offener sind.

Ab der Pubertät wird es möglicherweise ein bisschen schwieriger, weil Jugendliche auf vieles weniger Lust haben. Da kann es helfen, ihnen Verantwortung zu übergeben und selbst entscheiden zu lassen.

Die Eltern können einen Rahmen setzen, indem sie zum Beispiel sagen: Wir verbringen heute die Nacht draußen, aber Ihr Kinder entscheidet, wo. Oder der Sohn, die Tochter führen für eine gewisse Zeit die Wanderung an. Nichts ist demotivierender, als das ständige „Kommt, weiter jetzt, wir haben keine Zeit.”

Wie wichtig ist es, die Natur zu beobachten, also Pflanzen zu bestimmen oder Vögel zu erkennen? Oder grenzen Sie sich klar etwa von den Birdern ab?

Letztlich gibt es unzählige Facetten, ein Abenteuer zu erleben. Es bedeutet auch nicht ein ständiges Höher, Schneller, Weiter. Klar, in einer Nacht mit dem Fahrrad über 300 Kilometer nach Berlin zu radeln, das ist eine große körperliche Herausforderung.

Aber ein Mikroabenteuer kann auch das Gegenteil bedeuten. Für manche ist das Immer Schneller, das immer Weiter ihre Komfortzone, in der sie sich in Beruf und Alltag aufhalten. Dann wäre es meiner Meinung ein Fehler, genau dieses Verhalten in die Freizeit zu übertragen. Stattdessen ist es für solche Menschen eine Herausforderung, sich 24 Stunden in einem Radius von nur hundert Metern aufzuhalten und dort dann ganz achtsam unterwegs zu sein. Zurückgeworfen auf sich selbst zu sein und das aushalten zu müssen. Eben nicht ständig zu hetzen.

Das ist ja das Schöne an den Mikroabenteuern: Sich eine verrückte Idee einfallen zu lassen und dann einfach aufzubrechen. Dafür brauchen wir keinen spektakulären Ort, zu dem wir reisen müssen. Sondern wir müssen uns nur irgendeinen Anlass schaffen und uns dann auf den Weg machen. Wenn das Vögelbeobachten ein solcher Anlass ist, dann ist das wunderbar.

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Was können noch Anlässe sein?

Es gibt verschiedene Orte mit unfreiwillig komischen Namen in Deutschland, vergangenes Jahr war ich in Grönland, einem Dorf bei Hamburg. Ich habe einfach gedacht, jetzt wandere ich mal nach Grönland. Das ist ein kleiner, unscheinbarer Flecken, überhaupt nichts Besonderes. Aber er hat mich aufbrechen lassen. Ich war zwei Tage unterwegs und hatte eine gute Zeit.

Mit oder ohne Smartphone?

Oft mit Handy. Ich habe es fast immer dabei, weil ich mit ihm fotografiere. Es ist aber oft im Flugmodus. So versuche ich zumindest, dieses Gerät selbst zu kontrollieren und mich nicht von ihm kontrollieren zu lassen. Ich navigiere normalerweise nicht mit dem Handy. Ich habe es für den Notfall dabei oder um mich bei meiner Familie melden zu können.

Wie finden Sie sich denn in der Natur zurecht? Eine Karte zu lesen ist für viele Menschen heute eine Herausforderung.

Das ist natürlich Erfahrungssache, sich beispielsweise an Landmarkefn, an Höhenzügen zu orientieren. Ich schaue vor einem Mikroabenteuer meist auf eine gute alte analoge Karte, in der auch Höhenlinien eingezeichnet sind.

Und dann frage ich ganz oft Menschen nach dem Weg. Dadurch komme ich auch sehr viel mit Personen in Kontakt, denen ich ansonsten nie begegnen würde. Dabei ergeben sich oft wunderbare Gespräche. Ich frage zum Beispiel häufig, ob ich meine Wasserflasche auffüllen darf. Manchmal sitze ich dann plötzlich bei Wildfremden irgendwo unter einem Apfelbaum im Garten beim Kaffeekränzchen. Das ist für mich ein sehr wichtiger Aspekt, etwas sehr Schönes an einem Abenteuer.

Ich bin auch offen für Umwege, lasse mich gerne treiben. Dann komme ich manchmal nicht an das Ziel, das ich mir morgens vorgenommen habe. Aber das ist nicht schlimm.

Im dritten Teil des Gesprächs erklärt Foerster, wie er sich auf seinen Touren ernährt.

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