Sion wächst um 20 Zentimeter

Nur die um 20 Zentimeter gewachsene Länge des Autos kommt nicht bei jedem gut an. Laurin: „Sorry, aber wir brauchen diese Verlängerung für die vorgeschriebenen Chrashzonen.“ Viel Zustimmung jedoch für die abnehmbare Anhängerkupplung, für die immerhin eine Zuglast von 750 Kilogramm erlaubt ist. Aber hallo, das bietet nicht einmal die gerade gestartete ID.3-Limousine von VW. Und dann noch die Antwort für den enthusiastischen Manuel, der gleich zwei Sion bestellt hat und wissen will, ob der Stromer auch bald autonom fahren könne. „Nein“, bremst Laurin die Hoffnung, „das haben wir noch nicht geplant“. Wäre vielleicht in fünf Jahren ein Thema für die Software. So, und Rolf erfährt noch, dass man mit der Aluminium-Spaceframebasis des Sion später auch noch andere Automodelle realisieren könnte. „Da haben wir schon einige Ideen.“

Auch zum etwas leidigen Garantie-Thema. Für den Sion sind nämlich aktuell nur zwei Jahre (oder 100.000 Kilometer Laufleistung) avisiert, obwohl die Münchner schwören, dass zum Beispiel die Batterie locker zehn Jahre halten würde. Aber eine Verlängerung, so hat Laurin gegenüber EDISON angedeutet, sei von der derzeitigen Finanzplanung her nicht drin. Aber, so verrät er nachher am Mikrofon, für Interessenten werde es (gegen Aufpreis) eine Zusatzgarantie geben. „Ist jetzt geplant“. Und er kann mit einem einzigen Satz alle Befürchtungen zu Versicherungsärger bei möglichen Crashs zerstreuen. „Die Solarmodule lassen sich mit den dazugehörigen Karosserieteilen einfach und schnell austauschen.“

Bis zu 465 Kilo Zuladung

Gutes Thema, denn jetzt wird es beim heißen Berliner Abend noch einmal richtig spannend. Der Clou des 4,29 Meter langen, 1,83 Meter breiten und 1,67 Meter hohen, bis zu 140 km/h schnellen Fronttrieblers (der übrigens akzeptable 1,4 Tonnen wiegt und bis zu 465 Kilo Zuladung verträgt) ist nicht sein schon mehrfach gelobtes üppiges Platzangebot oder dieser scheunengroße XXL-Laderaum mit den 650 Liter Standardvolumen. Sondern es ist die Tatsache, dass fast die komplette Außenhaut des Van-ähnlichen Mobils exakt 248 integrierte Solarzellen trägt, die bei Idealbedingungen täglich Strom (maximal 1,2 kW) für bis zu 34 Kilometer zusätzliche Reichweite liefern sollen. Das wird wohl auch zum Verkaufsstart noch eine Weltpremiere sein, weil dieses Feature bei keinem anderen Autohersteller in Sicht ist.

Ganz in Schwarz
Aus produktionstechnischen und Kostengründen wird der Sion nur in Schwarz ausgeliefert. Die Solarmodule werden in der Serienversion nicht mehr zu erkennen sein. Foto: Sono

Die dazugehörigen aufregenden Details hat jetzt Mathieu Baudrit, bei Sono Motors der Mann für die Photovoltaik-Integration. Heimlicher Star des Abends. Hält über 20 aktive Patente, war auch schon am Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme (ISE) als Leiter des „Concentrator Photovoltaics Laboratory“ auffallend in Aktion, haben wir vorher mal schnell recherchiert. Mit hocheffizienten Solarzellen kennt er sich bestens aus, merken hier alle nach wenigen Minuten. Gute Stimmung reihum. Nicht nur, weil der Franzose tapfer deutsch spricht („Ich hoffe, ihr versteht mich gut“) und echt den Entertainer kann.

Los geht’s. Die Solarmodule sind nahtlos in leichtem Polymer-Kunststoff eingebettet und nicht in Glas. Soll kratzfest sein und kaum splittern. Was schon mal gegenüber vergleichbaren Karosseriebauteilen aus Metall rund 20 Prozent an Gewicht spart. Diese „Solar Body Panels“ würden bei den beiden neuen Prototypen die komplette Karosserie viel feiner verkleiden. „Das ist die erste vollpolymere Entwicklung weltweit, und da seht ihr keine einzelnen Zellen mehr“, trumpft er auf. Und führt mit den mitgebrachten Mustern mal fix die aktuellsten Entwicklungsschritte vor. Von der alten groben Optik bis zum edlen, völlig ungestörten Schwarz. Er wedelt mit dem neuesten Musterstück. Großes Händeklatschen in der Runde.

93 Prozent der Sonnenkraft in die Batterie

Es kommt noch besser. Der Wirkungsgrad sei inzwischen nämlich auch super, verrät Mathieu. „Bei uns gehen 93 Prozent der Sonnenenergie in die Batterie!“ Und Sono Motors könne das noch weiter verbessern!“. „Bei euren Photovoltaik-Anlagen zuhause sind es nur 60 Prozent“, feixt er. Naja, da greift er wohl wie ein Marketingprofi etwas tief, denn Spitzenanlagen, wissen wir bei EDISON, kommen schon auf 70 bis 80 Prozent. Egal, trotzdem beeindruckend. Patente sind angemeldet.

Auch Laurin grinst in die Runde: „Ihr werdet tatsächlich nicht mehr sehen, was hier Solar- oder Karosserie-Teil ist.“ Ruhe, Räuspern. „Äh, schade eigentlich“, findet dann eine junge Frau aus dem Publikum. Nur der Michael, der schräg vor mir sitzt, will das hier alles nicht glauben: „Leute, das geht doch gar nicht, wo habt ihr denn eure Werte her?“ Worauf ihm Mathieu das geduldig auseinanderklamüsert. Also, man messe diese Werte in München seit nunmehr eineinhalb Jahren. „Jeden einzelnen Tag und unter allen Einfallswinkeln der Sonnenstrahlen.“ Und in den nächsten Wochen werde es übrigens die Werkzeugkonstruktion fürs erste maßstabsgetreue Teil der neuen Solar-Integration geben. „Wir starten mit dem vorderen Dachteil.“

Und für die tollen Solarzellenhäute, so plaudert der Solarprofi am Ende seines Vortrags noch vielsagend, gäbe es schon Interessenten aus anderen Industriebereichen, sogar Vorverträge für Pilotprojekte. Könnte richtig Geld in die Kasse bringen. Punkt. Treffer. Noch einmal Beifall, und so langsam kriegen sie hier in der Halle alle das kribbelnde Gefühl, mit der Reservierung des Sion zur richtigen Zeit das Richtige getan zu haben.

Im nächsten Teil erfahrt ihr, was man mit dem Sion so alles machen kann.

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