Ein Kompass ist ein faszinierend simples, aber mächtiges Instrument. Eine freischwingende Magnetnadel, die sich stur an den Feldlinien der Erde ausrichtet. Er nimmt einem nicht die Reise ab, aber er gibt unbestechliche Orientierung, wenn man mal wieder im dichten Nebel navigiert. Er trennt das Vage vom Gewissen und zeigt schlicht: Da geht’s lang.
Die Historie von Opel glich in der Vergangenheit allzu oft einer Fahrt ohne verlässliche Navigationsinstrumente – ständige Kurswechsel und unruhige Gewässer inklusive. Doch diese Zeiten sind unter dem Stellantis-Dach endgültig vorbei. Die Rüsselsheimer haben, wenn man so will, die Orientierung wiedergefunden, die Traditionsmarke neu und klar ausgerichtet. Sportlicher soll sie werden, wieder stärker ihre Herkunft betonen und ein gutes Preis-Leistungsverhältnis bieten. Um dieses neu gewonnene Selbstbewusstsein unmissverständlich auf die Straße zu bringen, engagiert sich Opel künftig nicht nur in der Formel E. Die Designer haben dem Opel Astra Electric als erstem Fahrzeug der Modellpalette nun auch wortwörtlich einen Kompass ins Gesicht gezeichnet.
Das Licht als Wegweiser
Der überarbeitete Kompakt-Bestseller – der Zehnte in einer langen Ahnenreihe – trägt seine Neuerungen vor allem an der Front stolz zur Schau. Der bekannte „Opel Vizor“ (das markante schwarze Visier zwischen den Scheinwerfern) wurde für das Facelift weiterentwickelt. Zum ersten Mal leuchtet beim Astra nun der traditionelle Opel-Blitz in der Mitte. Gekreuzt wird er von der neuen, illuminierten „Opel Kompass“-Lichtsignatur. Das sieht im Rückspiegel des Vordermanns nicht nur verdammt gut und modern aus, es ist auch ein echtes Statement in der Kompaktklasse, das auch des Nachts für Unverwechselbarkeit sorgt.

Der Opel-Blitz leuchtet wie schon beim Grandland auch am Astra permanent. Ganz neu ist der Kompass, den die Designer mit zwei LED-Leuchtstreifen auf die Fronthaube gezaubert haben. Ähnlichkeiten mit einem Fadenkreuz sind allerdings wohl eher Zufall.
Apropos Licht: Hier feuert Opel ein echtes Highlight ab. Der Astra bekommt erstmals adaptive, weitreichende wie blendfreie Intelli-Lux HD-Scheinwerfer. Ähnliches kannte man bislang nur aus der Luxusklasse. Wer nachts schon einmal mit hochauflösenden Matrix-Scheinwerfern über dunkle Landstraßen geglitten ist, weiß: Das ist ein enormer Sicherheits- und Komfortgewinn. Der Haken an der Erleuchtung? Das spektakuläre, gemeinsam mit Marelli entwickelte System kostet leider selbst in der gehobenen GS-Version 1500 Euro Aufpreis.
Der Preis-Check: Kompakte Vernunft statt teurer Melonen
Wer beim Astra Electric GS Sports Tourer (Basispreis 41.810 Euro) das Kreuzchen für das spektakuläre HD-Matrix-Licht macht, landet unterm Strich bei über 43.000 Euro. Da rechnet sich eher schon die neue Topversion des Kombi namens Ultimate für 44.860 Euro – das Superlicht ist dann ebenso Serie wie Leichtmetallräder im 18-Zoll-Format und das „Intelli Drive“ genannte Paket an Assistenzsystemen.

Über 60 Jahre liegen zwischen dem Opel Kadett Caravan von 1965 und dem neuen Opel Astra – zwei Ikonen der Kompaktklasse.
Der einen oder andere könnte jetzt rüberschielen nach Wolfsburg zum VW ID.7 Tourer – aber da würde er Äpfel mit ziemlich großen Melonen vergleichen. Denn der elektrische Passat-Erbe (Länge: 4,96 Meter) spielt eine Liga höher als der 30 Zentimeter kürzere Astra und startet in der nackten Basisversion erst jenseits der 55.000 Euro. Das ist ein satter Aufschlag von gut 10.000 Euro gegenüber dem ultimativen Astra. Heißt im Klartext: Wer kein riesiges Raumschiff für die ständige Langstrecke braucht, sondern schlicht einen durchdachten Kompakten mit Top-Ausstattung und echtem Premium-Licht sucht, bekommt in Rüsselsheim aktuell verdammt viel Auto fürs Geld.
Feinschliff unter dem Blech: Mehr Ausdauer für den Stromer
Wer nun im Frühjahr eine komplette technische Revolution des Astra Electric erwartet, muss die Erwartungen allerdings ein wenig runterdimmen. Denn beim „neuen“ Astra handelt es sich um ein klassisches Facelift – oder besser gesagt: um kluges Feintuning. Was direkt positiv auffällt, ist das Update des Akkus der Electric-Version. Die neue Batterie hat eine Speicherkapazität von brutto 58 kWh – vier Kilowattstunden mehr als zuvor. Die Reichweite wächst darüber von 418 auf 454 Kilometer. Das sind immerhin rund 35 Kilometer mehr als beim Vorgänger – ein solider Puffer für den Alltag.

Auch bei der Innenraumgestaltung haben die Astra-Designer Hand angelegt. Die Maßnahmen reichen vom Cockpit- und Anzeigen-Design über neue Oberflächen bis hin zum gesteigerten Reisekomfort auf ergonomischen Sitzen mit einer Rinne fürs Steißbein.
Auch im Innenraum weht ein frischer, grüner Wind. Opel nennt das Ganze „Greenovation“. Konkret bedeutet das: Die neuen Oberflächen und Stoffe, die hier verarbeitet wurden, bestehen zu 100 Prozent aus recycelten Materialien, sie fühlen sich gut an und hinterlassen zudem keine hässlichen Fingerabdrücke – der Klavierlack flog raus.
Sitzkomfort nochmals gesteigert
Einen echten Komfort-Pluspunkt gibt es zudem gratis obendrauf: Die sogenannten Intelli-Sitze mit einer speziellen, ergonomischen Vertiefung (Sicke) in der Mitte der Sitzfläche sind ab sofort serienmäßig an Bord. Steißbein und Rücken freuen sich, und das nicht nur auf der Langstrecke. Am Ende unserer kurvenreichen Testfahrt durch Kroatien stiegen wir ganz entspannt aus. Auch weil das Geräuschniveau im Innenraum mit einer Reihe von Maßnahmen etwa in den Radhäusern nochmals gesenkt werden konnte.

„Rekord“ heißen spaßigerweise die 18 Zoll großen und aerodynamisch optimierten Leichtmetallräder für den Opel Astra Electric.
Ansonsten glänzte der Astra Electric auf der Testfahrt wie schon zuvor mit einem relativ niedrigen Stromverbrauch zwischen 16 und 18 kWh/100, einer komfortablen Fahrwerksabstimmung und einer erfreulich zielgenauen Lenkung: Der Sports Tourer lässt sich durchaus sportlich durch die Landschaft bewegen. Wer mag, kann unterwegs mit den Wippen hinter dem Lenkrad spielen und zur Rückgewinnung von Energie bei Bergauf-Fahrten nutzen. Und wer am Ende der Tour eine Erfrischung benötigt, kann mithilfe eines Adapters den im Akku gespeicherten Strom zum Betrieb einer Kaffeemaschine nutzen. Letztere ist allerdings im Unterschied zur Wärmepumpe zur Klimatisierung des Innenraums an kalten Tagen nicht Teil der Serienausstattung.
Fazit: Stabiler Kurs, stabile Preise
Der neue Opel Astra Electric erfindet das Rad (oder das E-Auto) nicht neu, aber er schärft sein Profil genau an den richtigen Stellen. Das Lichtdesign mit dem beleuchteten Kompass und dem Blitz ist ein echter Hingucker, das HD-Matrix-Licht ein technologisches Ausrufezeichen in diesem Segment und ein echter Sicherheitsgewinn. Dass die Batterie nun etwas mehr Puste hat und der Innenraum nachhaltiger wurde, rundet das Paket sinnvoll ab.

Der vollelektrische Astra bietet erstmals V2L – Vehicle to Load – und damit die Möglichkeit, beispielsweise am Urlaubsort externe Geräte wie E-Bikes mit 3,6 kW zu laden, ohne auf weitere Stromquellen angewiesen zu sein. Fotos: Opel
Wünschen würden wir uns allerdings eine nochmals höhere Antriebsleistung. Eine Spitzenleistung von 115 kW oder 156 PS ist zwar noch mehr Wumms – etwa einen Astra Electric mit dem Antriebspaket des 207 kW oder 281 PS starken Mokka GSE. Wenn schon Sport – dann richtig. Wie man hört, könnte der Wunsch schon bald erfüllt werden.
Verkaufspreise bleiben stabil
Und natürlich hätten wir gerne einen Akku mit noch größerer Speicherkapazität und vor allem einer deutlich höhere Ladeleistung: 100 kW am mit Gleichstrom betriebenen Schnelllader sind inzwischen ein echtes Armutszeugnis. Um den Ladestand von 20 auf 80 Prozent anzuheben, dauert es 32 Minuten. Ist der Stromvorrat auf 10 Prozent abgesunken, dürfte der Aufenthalt an der Ladesäule wenigstens 40 Minuten dauern.
Die beste Nachricht für Flottenmanager und Privatkunden folgt aber zum Schluss: Trotz der frischen Optik und einer in vielen Punkten verbesserten Serienausstattung bleiben die Preise für den Astra stabil. Der fünftürige Kompakt-Stromer startet bei 37.990 Euro, der Sports Tourer bei 39.990 Euro. Die Botschaft ist klar: Opel hat seinen Kurs gefunden – und hält ihn.