Das Geschäft mit E-Bikes boomt in Deutschland. Rund 2,2 Millionen Fahrräder mit elektrischer Trittunterstützung wurden im vergangenen Jahr in Deutschland abgesetzt – so viele wie nirgend sonst auf der Welt. Zum Vergleich: In ganz Asien wurden im gleichen Zeitraum nur halb so viele „Pedelecs“ abgesetzt, in Nordamerika nur 983.000 Fahrräder des Typs.

Bosch ist einer der Treiber der Elektromobilität auf zwei Rädern. Der europäische Marktführer für E-Bike-Antriebssysteme präsentierte auf der Eurobike nicht nur einen neuen, besonders leichten wie kraftvollen Motor, sondern auch neue digitale Features, die das Fahren mit dem E-Bike sicherer und komfortabler machen sollen. Wir sprachen darüber mit Claus Fleischer, dem CEO von Bosch eBike Systems – und „industriegesponserten Testfahrer“ seines Unternehmens: Die Erprobung aller neuen Systeme – auch von Komponenten anderer Hersteller – ist für ihn Chefsache.

80 Prozent eMTB und 20 Prozent Gravel – noch ohne „E“
Claus Fleischer, 54, ist seit Juli 2012 CEO von Bosch eBike Systems. Der Maschinenbau-Ingenieur ist ein enthusiastischer Mountainbiker und Rennradfahrer mit einem besonderen Faible für den Bergsport. Vor dem Wechsel in die Zweirad-Sparte war Fleischer in verschiedenen Funktionen im Automotive-Geschäft von Bosch tätig, unter anderem als Entwicklungsleiter für Bremssysteme in den USA. 

Herr Fleischer, die zurückliegenden Eurobike zeigte, dass die Evolution des Fahrrads, insbesondere der Gattung E-Bike noch lange nicht abgeschlossen ist. Die Antriebe werden immer leistungsfähiger, das Fahrrad immer mehr zu einem Teil des Internets der Dinge. Überrascht Sie die Dynamik nicht manchmal selbst?

Nein, wir haben das ja alles schon vor zwei, drei Jahren gewusst – konnten es Ihnen aber noch nicht erzählen. Das ist so ein wenig der Steve-Jobs-Effekt: Wir müssen als Industrie antizipieren, was der Markt in einigen Jahren haben will, der aber heute noch nichts davon weiß. Kunden denken meist linear – ausgehend von dem, was sie bereits kennen. Zu bevorstehenden Disruptionen erfährt die Industrie deshalb nicht alles aus Kundenbefragungen – viele disruptive Technologien entstehen durch Innovationen von innen.

Die Digitalisierung des Fahrrads wurde aber immerhin schon vor Jahren angekündigt.

Ja, aber mit dem Begriff Digitalisierung allein generieren Sie noch keine Begeisterung. Technologie darf nie Selbstzweck sein. Wir sind deshalb bei unserem smarten System einen anderen Weg gegangen. Wir erweitern das physische Erlebnis Radfahren mit dem digitalen Erlebnis durch die Nutzung von Apps und Cloud-Diensten. Die Digitalisierung bringt unseren Kunden also einen echten Mehrwert. Sie können das smarte System über Software-Updates Over-the-Air kontinuierlich erweitern, können Fahrmodi individuell einstellen, personalisiert navigieren, das Fahrrad mit dem zusätzlichen Diebstahlschutz eBike-Alarm tracken und ihr E-Bike mit einem guten Gefühl abstellen.

Das steigert in Summe das Fahrerlebnis und erhöht den Coolness-Faktor.

Aber nicht nur. Die Digitalisierung eröffnet für die Zukunft auch komplett neue Möglichkeiten. Unsere Vision ist ein „digitaler Schutzschirm“ für E-Biker. Denn das E-Bike kann aufgrund seiner Vernetzung nun auch mit seiner Umgebung kommunizieren. Zum Beispiel mit anderen Verkehrsteilnehmern. Denn man weiß, wo sich das E-Bike gerade befindet und mit welcher Geschwindigkeit es sich in welche Richtung bewegt.

„Unsere Vision ist ein digitaler Schutzschirm“ für E-Biker.“

So dass man Gefahrensituationen frühzeitig erkennen kann – wie heute schon beim teilautonomen Fahren von Pkw und Lkw – Stichwort Vehicle-to-X?

Ja, wobei man dabei lange Zeit nur Auto und Infrastruktur im Blick hatte, nicht die anderen Verkehrsteilnehmer. Beim Thema Vehicle-to-X ging es nie um Fußgängerschutz oder Radfahrer. Aber Radfahrer wollen sich genauso sicher im Straßenverkehr bewegen wie Autofahrer. Denn der große Unsicherheitsfaktor im Straßenverkehr ist das Auto, nicht das Fahrrad. Unser Ziel ist es, das E-Bike in das V2X-Ökosystem zu integrieren und E-Biker digital sichtbar zu machen. Dies kann aber ein Unternehmen allein nicht schaffen – deshalb bringen wir die relevanten Akteure zusammen, um gemeinsam an diesem Ziel zu arbeiten.

Der Radverkehr hat in Deutschland während der Corona-Zeit einen großen Aufschwung genommen, viele Menschen haben das Fahrrad wieder für sich entdeckt. Zu verdanken ist das nach meiner Einschätzung vor allem dem Pedelec, dem Fahrrad mit elektrischer Trittunterstützung. Teilen Sie die Einschätzung?

Durchaus. Das Pedelec nimmt viele Ausreden weg, kein Rad zu fahren. Weder ist die Strecke zu lang, noch ist das Fahren mit dem Rad zu anstrengend. Beides gilt nicht mehr: Das E-Bike hat dafür gesorgt, dass die Fahrleistungen auf deutschen Radwegen deutlich gestiegen sind. Die Alternative zum E-Bike ist ja oft nicht das Fahrrad, sondern das Auto. Und das E-Bike ist die deutlich gesündere Alternative, weil es den Kreislauf ankurbelt und damit die Fitness erhöht

Voll vernetztes Radeln
Bosch will das "physische Erlebnis Radfahren mit dem digitalen Erlebnis" zu verknüpfen, durch die Nutzung von Apps und Cloud-Diensten und die Integration des E-Bikes per Smartphone auch in das Verkehrssystem. Bilder: Bosch
Voll vernetztes Radeln
Bosch will das „physische Erlebnis Radfahren mit dem digitalen Erlebnis“ zu verknüpfen, durch die Nutzung von Apps und Cloud-Diensten sowie die Integration des E-Bikes per Smartphone auch in das Verkehrssystem. Bilder: Bosch

Fahren Sie eigentlich selbst lieber mit dem E-Bike oder mit dem rein muskelgetriebenen Bio-Bike?

Mein digitales Tagebuch sagt mir, dass mein Mobilitätsmix in den letzten Jahren von 50:50 – also von eMountainbike zu Rennrad – zu 80 Prozent eMTB und 20 Prozent Gravel – noch ohne „E“ gekippt ist. Ich fahre fast nur noch elektrisch und abseits der Straße. Warum? Weil es einfach mehr Spaß macht. Und: Das E-Bike ist viel geselliger.

Inwiefern?

Mit dem E-Bike kann man Leistungsunterschiede ausgleichen und ist dabei weniger in der Überanstrengung im Vergleich zum normalen Fahrradfahren.

So dass mehr Puste bleibt zur Konversation?

Das ist so. Ich fahre viel in den Bergen und mache dabei inoffizielle Sozialstudien (lacht). E-Biker reden demnach fast immer miteinander, auch dann, wenn es bergauf geht. Bio-Biker am Berg hingegen müssen schon mehr beißen. Da lächelt oder redet bergauf kaum einer.  

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1 Kommentar

  1. Dietmar Reiß

    Hallo, die ständigen Berichte über die Entwicklung der E- Bike wie toll das doch alles ist und wie toll alles noch wird und nach oben keine Grenzen. Ist es auch. Ich bin selbst leidenschaftlicher Radfahrer. Es ist aber an der Zeit sich sich endlich um das Wesentliche zu kümmern was diese schöne Freizeitbeschäftigung sicher mach. Infrastruktur, Sicherheit, Versicherung ,Verkehrs Ausbildung und vieles mehr. In Deutschland haben wir garnicht die Voraussetzungen für die Flut an Jährlich zunehmenden Fahrrädern. Ich kann nur appellieren nutzt Euren Einfluss und tretet der Politik auf die Füße. Auch die verstecken sich hinter de Verkaufszahlen. Damit wir alle gesund von unserer Tour nach Hause kommen. Viele Grüße D.Reiß

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