Der Hochlauf der E-Mobilität hat in jüngster Zeit deutlich an Fahrt verloren. Für Jörg Lohr, den CEO des Ladetechnikherstellers Compleo Charging Solutions aus Dortmund, sind zwei Faktoren maßgeblich für das Abknicken des Booms verantwortlich. „Wer sich die vielen Schnellladesäulen an den Autobahnen betrachtet, mag es vielleicht nicht glauben“, so Lohr im Interview, „aber einer davon ist, dass Ladepunkte noch immer nicht schnell genug errichtet werden.“ Messbar sei dieser Mangel am Verhältnis von E-Fahrzeugen und Ladeinfrastruktur. „Die EU spricht aktuell davon, dass sich im Idealfall acht Fahrzeuge einen Ladepunkt teilen.“ In Deutschland liege dieses Verhältnis jedoch bei 1:14, Tendenz steigend. Gerade in den vergangenen zwei Jahren habe der Ladesäulenzubau den Anschluss zu Neuzulassungen am Fahrzeugmarkt weiter verloren, führt er aus.

Zu viel Komplexität im Markt

Allerdings spricht Lohr der E-Mobilität auch an anderer Stelle die Massenmarkttauglichkeit ab. „Wer mit einer Ladekarte quer durch das Land fahren und ganz egal wo laden möchte, kann das, Stand heute, noch immer nicht wirklich auf dem Niveau tun, wie wir es vom konventionellen Tanken her gewohnt sind.“ Dazu seien die gängigen Bezahl- und Abrechnungsmodelle schlicht zu komplex, stellt er klar. „Es hakt vor allem am sogenannten Point of Sale beziehungsweise an der Schnittstelle zwischen Nutzer und Maschine“, so Lohr weiter. Dies sei „das größte Problem“, an dem Hersteller von Ladesäulen wie Compleo arbeiteten.

Ladesäulen in einer Wohnsiedlung 
"In vielen Fällen steht das Auto nicht zu Hause, wenn die PV-Anlage tagsüber Strom produziert. So die Besitzer nicht gerade im Homeoffice sind, ist das Fahrzeug unterwegs oder es steht andernorts. Somit steht es für den Mikrokosmos Vehicle-to-Home nicht als Speicher zur Verfügung."  Foto: Compleo
Ladesäulen in einer Wohnsiedlung
„In vielen Fällen steht das Auto nicht zu Hause, wenn die PV-Anlage tagsüber Strom produziert. So die Besitzer nicht gerade im Homeoffice sind, ist das Fahrzeug unterwegs oder es steht andernorts. Somit steht es für den Mikrokosmos Vehicle-to-Home nicht als Speicher zur Verfügung.“ Foto: Compleo

„Für Endkunden ist der Ladevorgang an der Säule noch lange nicht so, dass man von einem positiven Erlebnis sprechen könnte.“ So würden viele der gängigen Roaming-Modelle unzureichend über die Kosten der Ladevorgänge informieren. Zugleich lasse auch die Nutzerfreundlichkeit an der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine zu oft zu wünschen übrig. „Wir bewegen uns nicht in einem massenmarkttauglichen Ökosystem.“

Mehr Vision als Wirklichkeit ist, Stand heute, auch noch das bidirektionale Laden – also das E-Auto als rollender Speicher für das öffentliche Stromnetz und das möglichst energieautarke Eigenheim. Erste kommerzielle Anwendungsfälle für Vehicle-to-Grid erwartet Lohr bis 2027. Bei Vehicle-to-Home-Lösungen soll es seiner Einschätzung nach schneller gehen, auch weil es sich dabei um geschlossene Systeme handle. „Die große Herausforderung, die wir noch haben, ist die Frage: Wie gestalten wir das Thema betriebswirtschaftlich?“

In Kooperation mit dem Branchendienst energate.

Verteilnetzbetreiber am Zug

Dabei sieht Lohr den Hemmschuh nicht seitens der Regulatorik. Diese habe mit dem Paragrafen 14a EnWG und der verpflichtenden Einführung dynamischer Stromtarife ab 2025 „einiges in die Wege geleitet“. Nachholbedarf sieht er indes aufseiten der Verteilnetzbetreiber. „Wenn die Netzbetreiber Initiative ergreifen und sich proaktiv mit dem Geschäftsmodell bidirektionales Laden beschäftigen, können wir viel Zeit sparen.“ Dank der Photovoltaik habe diese Branche viel Erfahrung mit Vergütungssystemen gesammelt, wie sie auch für die E Mobilität etabliert werden müssten.

Das komplette Interview lesen Sie hier.

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1 Kommentar

  1. Duesendaniel

    Wir fahren jetzt seit fast 9 Jahren elektrisch und haben auf langen Strecken immer noch bei jedem Ladevorgang ein mulmiges Gefühl. Oft wird die gewünschte Karte nicht angenommen, dann muss ein teurerer Anbieter genommen werden, oder keine der 4 Karten (EnBW, EWE Go, New Motion/Shell Recharge, Maingau) wird akzeptiert, was dann beim Installieren der geforderten App zu weiteren Problemen führt.
    Vom fehlenden Netz bis zum erforderlichen Abfotografieren des eigenen Gesichtes waren schon so viele Ärgernisse dabei, dass ich gut verstehen kann, wenn die Leute davor zurück schrecken und die E-Mobilität nicht richtig voran kommt. Von defekten Säulen, grauenhaften Lade-Orten zwischen laufenden LKW oder zu hohen und intransparenten Preisen der verschiedenen Anbieter an den Säulen, haben wir da noch gar nicht gesprochen.

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