5,21 Meter Länge, 517 PS und über 1.600 Kilometer Reichweite: Es braucht nur diese drei Zahlen, um europäische VW-Kunden neidisch zu machen. Denn während die Niedersachsen uns gerade auf „True Volkswagen“ einschwören, mit bezahlbaren Stromern wie dem ID.Polo, dem ID.Cross und im nächsten Jahr dem ID.Up endlich auch hierzulande die Elektromobilität in Schwung bringen wollen und gleichzeitig mit dem Touareg ihr letztes Oberklasse-Modell eingestellt haben, proben sie jetzt in China mit Glanz und Gloria und jeder Menge Hightech den Aufstieg.

ID.Era 9X heißt das Flaggschiff, mit dem sie jetzt den Aufbruch in eine neue Ära demonstrieren wollen. Erstens, weil er genau wie der VW ID.Unyx 08 in China für China entwickelt wurde. Zweitens, weil sie dafür tief ins Komponentenregal ihrer Kooperationspartner gegriffen haben. Und drittens, weil sie das Ohr jetzt ganz nah am Kunden haben und deren Wünsche endlich umsetzen wollen. Nicht umsonst zum Beispiel gibt’s am Mitteltunnel nun einen Haken, an den die Chinesen die allgegenwärtigen To-Go-Beutel mit ihrem Mittagessen hängen können, statt die Suppe nachher aus dem Fußraum zu löffeln.

Verkehrte Welt 
Während uns Volkswagen in Europa auf kleine und preiswerte Elektroautos einschwört, setzt die Marke in China auf großen Luxus.
Verkehrte Welt
Während uns Volkswagen in Europa auf kleine und preiswerte Elektroautos einschwört, setzt die Marke in China auf großen Luxus.

Klar, bei uns würde der Koloss allein wegen seiner Größe unangenehm auffallen. Schließlich ist er noch ein gutes Stück länger als ein BMW X5 oder ein Mercedes GLS. Aber im dichten Verkehr von Beijing fügt er sich erstaunlich selbstverständlich ins Straßenbild ein. Trotz seiner Größe bleibt er unaufgeregt, wirkt souverän und steht in der Hotelvorfahrt ganz selbstbewusst zwischen altem Luxus wie dem Range Rover und neuen Aufsteigern von Nio, Denza oder Zeekr.

Entwicklung gemeinsam mit SAIC

Dass er sich so gut einfügt, ist Programm. Schließlich wurde der Era 9X nicht in Wolfsburg entwickelt, sondern gemeinsam mit dem Joint-Venture-Partner SAIC in Shanghai. Und zwei Stunden weiter im Süden, in Ningbo, läuft er vom Band. Die ungewöhnliche Genese erklärt nicht nur das Tempo – gut zwei Jahre von der Idee bis zum fertigen Auto –, sondern auch die klare Ausrichtung: Zum ersten Mal haben die Niedersachsen nicht einfach ein globales Modell angepasst, sondern ein komplett neues Auto für den chinesischen Markt maßgeschneidert. 

Entsprechend hoch ist zum Beispiel der Digitalisierungsgrad. Große Displays, schnelle Menüs und eine Grafik, die eher an Smartphones erinnert als an klassische Infotainmentsysteme, sind gesetzt. Viel wichtiger ist aber, wie selbstverständlich die Assistenzsysteme arbeiten. Im Pekinger Verkehr übernimmt das System „Navigation on Autopilot“ weite Teile der Fahraufgabe, hält die Spur, wechselt eigenständig die Fahrstreifen, nimmt Rücksicht auf Radfahrer und Fußgänger und kämpft sich beim Abbiegen sogar tapfer durch den Gegenverkehr.

VW Era 9X fährt alleine in die Parklücke

Der Fahrer greift dabei nur noch pro forma ans Lenkrad und wird zum Passagier im eigenen Auto. Das funktioniert erstaunlich stabil – und ist näher am autonomen Fahren als alles, was der VW-Konzern in Europa bislang zu bieten hat. Und wenn man sich daran erstmal gewöhnt hat, gibt’s auf dem Parkplatz den nächsten Schocker. Der 9x rangiert nicht nur selbständig in die Lücke, sondern auch alleine – der Fahrer nämlich ist da längst ausgestiegen und bestellt schon mal seinen Kaffee. 

Einfach Ziel eingeben
Der 9x rangiert nicht nur selbständig in die Lücke, sondern auch alleine. Der Fahrer ist da längst ausgestiegen und bestellt einen Kaffee. 
Einfach Ziel eingeben
Der 9x rangiert nicht nur selbständig in die Lücke, sondern auch alleine. Der Fahrer ist da längst ausgestiegen und bestellt einen Kaffee. 

Auch fahrdynamisch überrascht der Koloss. Nicht nur, weil ihn 380 kW oder 517 PS Spitzenleistung zum aktuell stärksten VW machen. Auch nicht, weil er trotz 2,7 Tonnen Leergewicht in weniger als sechs Sekunden auf Tempo 100 schnellt. Oder weil er in einem Land mit einem strengen Tempolimit von 120 km/h mit 200 Sachen lockt. Sondern auch, weil VW ein Fahrwerk eingebaut hat, wie es bei uns nur die Oberklasse bekommt: Eine Zweikammer-Luftfederung, wie man sie sonst eher aus Luxusmodellen à la Porsche Taycan kennt, scannt die Straße voraus und passt sich Unebenheiten an, bevor sie überhaupt spürbar werden. Zusammen mit der Hinterachslenkung entsteht so ein Fahrgefühl, das Größe und Gewicht des Wagens fast vergessen lässt. Selbst in engen Straßen oder Parkhäusern wirkt der VW 9X erstaunlich handlich. 

Elektroantrieb mit Range Extender

Beim Antrieb setzt VW auf ein Konzept, das in China gerade besonders populär ist für alles, was sich mal aus der Stadt und damit aus der Zivilisation treut. Der Range Extender. Zwei Elektromotoren treiben alle vier Räder an, während ein 1,5-Liter-Benziner ausschließlich als Generator dient. Ohne mechanische Verbindung zu den Rädern läuft er stets im optimalen Drehzahlbereich und sorgt für konstante Energieversorgung. Selbst dann, wenn die mit 51 oder 65 kWh ohnehin schon stattlichen 800 Volt-Akkus mal leer sind.

Er fährt und fährt und fährt 
Bis zu 1651 Kilometer kann der Era 9X mit dem Inhalt seines 59-Liter-Tanks und seines 65 kWh-Akkus an einem Stück zurücklegen.
Er fährt und fährt und fährt
Bis zu 1651 Kilometer kann der Era 9X mit dem Inhalt seines 59-Liter-Tanks und seines 65 kWh-Akkus an einem Stück zurücklegen.

Ohne dass man ihn auch nur ansatzweise hören könnte, werden dank 59 Litern Tankinhalt aus 347 oder 406 Kilometer Reichweite auf diese Weise bis zu 1651 Norm-Kilometer ohne Tank- oder Ladepause. So kombiniert der VW 9X das elektrische Fahrerlebnis, die Ruhe beim Reisen und den immer abrufbaren Punch beim Kickdown  mit mehr Reichweite als bei einem Langstrecken-Diesel. Hinzu kommt eine Gelassenheit, die perfekt zum souveränen Charakter des Autos passt. 

Mit Magic Displays und Ottomane

Klar fährt man so einen Volkswagen gerne. Aber mindestens genauso groß ist die Versuchung, sich in die zweite Reihe zu verkrümeln und einen Business-Class-Flug auf Höhe Null zu genießen. Welcher VW bei uns bietet sonst schon klimatisierte Liegesitze im Fond, einen ausklappbaren Großbildschirm oder einen Beifahrersitz, der sich zum Ottomanen umfunktionieren lässt? Und dann gibt es da noch die Magic Displays in den Türtafeln, bei denen unter dem Zierholz plötzlich ein Touchscreen durchschimmert. Was sie uns hierzulande als Zukunftsthema verkaufen wollen, ist in China jetzt schon Realität.

Lümmeln in der letzten Bank 
Selbstverständlich verfügt der VW über vollelektrische und auch klimatisierbare Liegesitze mit Massagefunktion im Fond. Vom Wagenhimmel senkt sich auf Knopfdruck ein Großmonitor herab, für Videokonferenzen oder ein nettes Unterhaltungsprogramm.
Lümmeln in der letzten Bank
Selbstverständlich verfügt der VW über vollelektrische und auch klimatisierbare Liegesitze mit Massagefunktion im Fond. Vom Wagenhimmel senkt sich auf Knopfdruck ein Großmonitor herab, für Videokonferenzen oder ein nettes Unterhaltungsprogramm.

Während der Liegesitz nach Bentley ruft und die Magic Displays nach Audis Vorsprung durch Technik, hat der Era 9X auch für Skodas „Simply Clever“-Truppe noch eine Lehrstunde parat: Wasserdichte Fächer für Regenschirme würden auch uns gefallen, genau wie ein Thermofach, das Cola zum Gefrieren und Suppe zum Kochen bringt. Auch maßgeschneiderte Ablagen für die in China unverzichtbaren Tissue-Boxen hätte so manche Autofahrerin in Europa sicher gerne. 

Preise starten bei umgerechnet 38.000 Euro

All das macht den ID.Era 9X zu einem Auto, das so wenig mit „True Volkswagen“ zu tun hat wie Wolfsburg mit Shanghai oder Peking. Das Flaggschiff für die Fremde gibt einen Ausblick auf eine neue Marken-„Era“. Und zwar eine, die nicht in Deutschland geschrieben wird, sondern vor allem in China. 

"True Volkswagen"
Mit einer Länge von 5,21 Metern ist der VW Era 9X noch ein gutes Stück länger als ein BMW X5 oder ein Mercedes GLS. Aber zum Preis von unter 40.000 Euro fände der Elektro-Koloss sicherlich auch in Europa Abnehmer.
„True Volkswagen“
Mit einer Länge von 5,21 Metern ist der VW Era 9X noch ein gutes Stück länger als ein BMW X5 oder ein Mercedes GLS. Aber zum Preis von unter 40.000 Euro fände der Elektro-Koloss sicherlich auch in Europa Abnehmer.

Natürlich ist der ID.Era 9x für Deutschland eine Nummer zu groß, selbst wenn er sich mit der Hinterachslenkung erfreulich handlich fahren lässt. Und solange Brüssel beim Autopiloten noch bremst, helfen uns Lidar, Kameras & Co auch nicht wirklich weiter. Aber allein wegen seines formidablen Platzangebots und der vornehmen Ausstattung wäre der kolossale Volkswagen aus der Volksrepublik auch für Europa eine Versuchung, der nicht nur Touareg-Kunden erliegen dürften. Selbst ein Audi Q7 und sogar ein Bentley Bentayga verblassen gegen den frischen Glanz des großen Unbekannten.

Und spätestens beim Blick auf die Preisliste ist es dann ganz vorbei: Denn in China startet der ID.Era 9X bei umgerechnet 38.000 Euro und ist somit sogar billiger als bei uns ein ganz profaner VW Tiguan. Nicht mal einen gebrauchten Touareg wird man für die Summe so einfach finden. Das nennt man dann wohl in China „True Volkswagen“.

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