Nissan zählt zu den Pionieren der Elektromobilität. Das erste Elektroauto, der Leaf, kam bereits 2010 auf den Markt. Zur Erinnerung: Tesla baute da noch einen zum Stromer umgebauten Lotus-Roadster, der mit Laptop-Akkus angetrieben wurde. Und während vom Tesla Roadster in Handarbeit insgesamt nur rund 2500 Exemplare entstanden, hat Nissan vom Leaf in zwei Modellgenerationen mittlerweile mehr als eine halbe Million Exemplare produziert. Noch im vergangenen Jahr war der kompakte Fünftürer das meistverkaufte Elektromobil in Europa.

Mittlerweile sind die Verkaufszahlen mächtig unter Druck geraten: Auch andere Hersteller sind in das Geschäft eingestiegen und haben den Pionier mit leistungsfähigeren Modellen überflügelt. Hinzu kamen Probleme mit der Schnellladefähigkeit des Autos, Stichwort „Rapidgate“.

Seit der Senkung der Verkaufspreise um 3600 Euro für das Modell mit dem 40 kWh großen Akku und von 4800 Euro für die 62 kWh-Variante ist die Nachfrage nach dem Nissan Leaf zumindest in Deutschland wieder angezogen – laut Produktmanager Michel Janssen haben sich die Verkaufszahlen seitdem auf rund 500 Autos im Monat „verfünffacht“. Aber in der Zulassungsstatistik läuft der Pionier Tesla und Renault, auch Volkswagen und Hyundai mit deutlichem Abstand hinterher.

Nissan und Renault teilen sich die Plattform

Ändern könnte sich das frühestens im März 2022. Dann wird Nissan den Ariya nach Europa bringen, ein schickes vollelektrisches Coupe-Crossover. Das Konzeptautos wurde bereits im Herbst kommenden Jahres auf der Tokio Motor Show präsentiert. Nun wurde das erste Serienexemplar in Deutschland präsentiert – den Nissan-Händler und einem kleinen Kreis ausgewählter Journalisten. Auch EDISON durfte schon einmal Probesitzen und sich mit den Details des Autos vertraut machen, mit dem Nissan die „Elektromobilität der nächsten Generation“ prägen und die eigene Erfolgsgeschichte fortschreiben will.

Auf großen Rädern bis zu 600 Kilometer ohne Pause
Das elektrische „Raumschiff“ kommt serienmäßig im Rädern im Format 19 Zoll. Wer mag, kriegt sie auch noch eine Nummer größer. Foto: Nissan

Zusammen mit dem Partner Renault hat Nissan dafür eine komplett neue Architektur entwickelt. Die CMF-EV (Common Module Family und Electric Vehicles) genannte Plattform ermöglicht Front-, Heck- und Allradantrieb und lässt zwischen den Achsen Platz für wassergekühlte Akkupakete von (Stand heute) 63 und 87 kWh Speicherkapazität. Renault wird die Basis nutzen, um im kommenden Jahr ein elektrogetriebenes Kompaktfahrzeug auf den Markt zu bringen – die kürzlich gezeigte Studie Renault Megane Evision wies hier den Weg.

Nissan hingegen montiert ab Herbst kommenden Jahres in Japan auf die Plattform ein schnittiges Crossover-Coupe von 4,60 Metern Länge und mit 2,77 Metern Radstand, das in fünf Varianten mit Antriebsleistungen zwischen 160 kW (218 PS) und 290 kW (394 PS) angeboten werden soll, wahlweise mit Front- oder Allradantrieb. Versprochen werden Ladeleistungen von bis zu 22 kW bei Wechselstrom und von bis zu 130 kW bei Gleichstrom. Und was Kunden in Europa besonders freuen dürfte: Im Unterschied zum Leaf fließt der Strom an der Schnellladesäule über einen CCS-Anschluss in die Batterie.

Schnellladen mit CSS und bis zu 130 kW

Zum Vergleich: Der Leaf verfügt über einen Anschluss nach dem asiatischen CHAdeMO-Anschluss, was inzwischen nicht nur aufgrund der begrenzten Ladeleistung ein echtes Handicap ist. Der Vorteil dieses Systems – die Möglichkeit zum bidirektionalen Laden – kann hierzulande nicht ausgeschöpft werden, weil sich die Energieversorger gegen die Rückeinspeisung von Strom ins Netz wehren und obendrein keine kostengünstigen Wallboxen verfügbar sind. Nissan hatte deshalb eine Zeitlang überlegt, den Leaf in Europa wahlweise auch mit CCS-Anschluss anzubieten. Doch inzwischen habe man von dem Plan aus Kostengründen wieder Abstand genommen, verriet Produktmanager Janssen: „Das rechnet sich nicht mehr.“

Voll digital und doch ganz klassisch
Zwei 12,3 Zoll große Displays liefern dem Fahrer und seinen Passagieren jede Menge Informationen. Ein Head-up-Display gibt es obendrein. Foto: Groeger-Meier

Beim Ariya hingegen war die Variante von Anfang an eingeplant. Allerdings soll das Modell auch in einer höheren Preisklasse rangieren. Die Verkaufspreise stehen zwar noch nicht fest – klar, über ein Jahr vor der Modelleinführung. Aber laut Janssen dürften sie bei 50.000 Euro angesiedelt sein und – mit Blick auf die Förderung der Elektromobilität durch die Bafa – in der Topversion bis 65.000 Euro reichen. Janssen: „Wir orientieren uns dabei am Wettbewerb.“ Am MachE von Ford und dem neuen BMW iX3. Vor allem aber am neuen ID.4 von Volkswagen, der mit einem 150 kW starken Motor und mit 77 kWh-Akku in der Max-Ausführung der First Edition aktuell knapp 60.000 Euro kostet. Janssen: „Der Ariya wird nicht viel günstiger sein.“

Denn das futuristisch gestylte stets zweifarbig lackierte Elektroautos soll so etwas wie das Flaggschiff der Nissan-Flotte werden, mit einer Reichweite von rund 600 Kilometern, einer Höchstgeschwindigkeit von 200 km/h und einer Anhängelast von bis zu 1500 kg voll alltags- und familientauglich.

Ariya wird kein Volumenmodell

Die bis zu fünf Passagiere sollen sich an Bord wie in einer „Cafe-Lounge auf einem Raumschiff“ fühlen, das lautlos durch die Landschaft gleitet, mit jeder Menge Fuß- und Knieraum, mit edlen Materialien und allerlei anderen netten Details fürs Auge. Klassische Bedienknöpfe und Schalter gibt es nicht mehr, dafür „kapazitative“ haptische Schalter: Die Funktionstasten, die in die Fläche integriert sind und während der Fahrt sanft leuchten, reagieren auf Fingerdruck. Die Mittelkonsole lässt sich – wie im Renault Captur – verschieben.

Schaltflächen statt Knöpfe
Während der Fahrt sind die Tasten hinterleuchtet.

Und der Beifahrer kann bei Bedarf ein kleines Tischlein aus dem Armaturenbrett herausschwenken, um darauf etwa sein iPad zu platzieren – fertig ist das Mobile Office. Dass das Fahrzeug voll vernetzt sein und über eine Armada von Assistenzsystemen verfügen wird, versteht sich von selbst. Über zwei, jeweils 12,3 Zoll große Displays, lassen sich alle Informationen aufrufen. Weitere wichtige Informationen erhält der Raumschiff-Kapitän (m/w/d) unterwegs zudem über ein serienmäßiges Head-up-Display. Als erstes Nissan-Modell unterstützt der Ariya zudem Firmware-Updates „over the Air“, also Aktualisierungen des Betriebssystems durch die Luft und per Funk.

Wie es heißt, ist das neue Modell bei den deutschen Nissan-Händlern bei der Vorab-Präsentation sehr gut angekommen. Für ein wenig Diskussion sorgte angeblich nur lange Wartezeit bis zum Verkaufsstart – und die spätere Verfügbarkeit des Fahrzeugs. Janssen musste hier die Erwartungen dämpfen: Mit Blick auf die Positionierung des Fahrzeugs nahe der Luxusklasse sollen die Stückzahlen überschaubar bleiben, um die Begehrlichkeit und die Rendite hoch zu halten. Genaue Zahlen mochte der Niederländer zwar nicht verraten. Aber wenn man an eine hohe vierstellige Zahl denke, liege man nicht ganz falsch.

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