Zweimal im Jahr schaut die Elektroauto-Welt nach Norwegen. Denn dort testet der norwegische Automobilclub NAF unter realistischen Bedingungen, wie weit batterieelektrische Autos tatsächlich kommen – nicht auf dem Prüfstand, sondern auf öffentlichen Straßen. Beim diesjährigen Sommer-Test mussten 27 Modelle so lange fahren, bis der Akku komplett leer war und der Wagen liegen blieb. Das Ergebnis: Die Reichweiten der meisten Stromer haben sich im Vergleich zu früheren Jahren deutlich verbessert. Und einige übertreffen sogar ihre offiziellen WLTP-Angaben, die vor der Zulassung nach einem gesetzlich festgelegten Verfahren auf dem Rollenprüfstand im Labor ermittelt werden.

Der sogenannte „El Prix“ gilt als der weltweit größte und härteste Reichweitentest für Elektroautos. Seit 2020 führen ihn die Norweger regelmäßig im Sommer und Winter durch. Ziel ist es, reale Verbrauchs- und Ladewerte zu ermitteln – und Verbrauchern so eine Orientierung zu geben, was sie im Alltag wirklich erwartet. Das Ergebnis des aktuellen Sommer-Tests dürfte auch jene E-Auto-Interessierten beruhigen, die noch immer unter „Reichweitenangst“ leiden.

Lucid Air als Reichweitenkönig – aber mit Abstrichen

Spitzenreiter des diesjährigen Tests war der Lucid Air Grand Touring. Der amerikanische Luxus-Stromer fuhr ganze 829 Kilometer, bevor er mit leerem Akku stehenblieb. Das sind beeindruckende Zahlen, wenngleich sie 13,7 Prozent unter der WLTP-Angabe von 960 Kilometern liegen – dem größten negativen WLTP-Abweichungswert im gesamten Testfeld. Als Gründe nennt Lucid das Höhenprofil der Route sowie Regen und kühlere Temperaturen gegen Ende der Fahrt.

Die richtige Ladestrategie
Das Diagramm zeigt, wie weit die Autos beim diesjährigen El Prix fuhren, wenn sie mit einem zu 100 Prozent gefüllten Akku starteten und bis zu einem Ladestand von 20 Prozent gefahren wurden (Zahl im dunkelgrünen Feld). Anschließend wurden die Autos am Schnelllader wieder auf 80 Prozent aufgeladen und anschließend wieder bis auf einen SoC von 20 Prozent gefahren. Wie weit sie dann kamen, zeigt die Zahl im hellgrünen Feld. Rechts außen steht, wie weit das Auto mit der Ladestrategie kommt. Grafik: NAF

Zum Vergleich: Tesla schnitt mit dem Model 3 Long Range (Hinterradantrieb) deutlich besser ab. Es kam auf 721 Kilometer – und übertraf damit sogar seine WLTP-Reichweite um 19 Kilometer. Auch der BMW iX xDrive60 lag mit 677 Kilometern über dem offiziellen Wert, genauso wie das Tesla Model Y Long Range, das mit einem Plus von 66 Kilometern (11,3 Prozent) zur größten positiven Überraschung wurde.

Reichweiten jenseits der 600-Kilometer-Marke

Der Test zeigt auch: Moderne E-Autos sind längst langstreckentauglich. Gleich acht Modelle knackten die 600-Kilometer-Marke, 20 Fahrzeuge kamen über 500 Kilometer – und das, obwohl nicht alle mit XXL-Batterien unterwegs waren. Das unterstreicht die Fortschritte, die Batterietechnik und Effizienz in den vergangenen Jahren gemacht haben.

Am unteren Ende der Tabelle finden sich erwartungsgemäß Fahrzeuge mit kleinen Akkus oder sportlich ausgelegten Konzepten: etwa der Skoda Elroq 60, der mit einer nutzbaren Akkukapazität von nur 59 kWh immerhin 422 Kilometer weit kam – und damit fast exakt seiner WLTP-Angabe entsprach. Einige Exoten wie der Mercedes G580 mit EQ-Technologie oder der MG Cyberster konnten im Test mit ihren Reichweiten wenig glänzen, was angesichts ihrer Konzepte allerdings auch nicht verwundert.

Ladetest: Schnellladen klappt meist wie versprochen

Neben den Reichweiten haben die Norweger auch die Ladeperformance getestet. 13 von 27 Fahrzeugen erreichten innerhalb von 30 Minuten einen Ladestand von 80 Prozent, sofern sie mit einem Ladestand von unter zehn Prozent gestartet waren. Die Batterien waren zuvor durch eine mindestens zweistündige Fahrt auf Temperatur gebracht worden. Nur bei zwei Modellen kam es zu Problemen. Eines fiel durch einen technischen Defekt aus, bei einem anderen verzögerte sich der Ladevorgang unerwartet stark.

Auch hier zeigt sich: Wer unterwegs nachladen muss, kann sich bei modernen E-Autos in der Regel auf die Angaben der Hersteller verlassen – sofern Ladeinfrastruktur und Energieversorger mitspielen.

Fazit: Die Reichweitenangst verliert ihre Grundlage

Der El Prix 2025 zeigt: Die Zeiten, in denen Elektroautos schon nach 300 Kilometern an die Steckdose mussten, sind vorbei – zumindest in der Mittel- und Oberklasse. Reichweiten von über 600 Kilometern sind heute auch im Alltagsbetrieb durchaus realistisch. Und wer nicht gerade mit einem Sportwagen oder Kompaktmodell unterwegs ist, kann auch längere Reisen entspannt planen.

Für potenzielle E-Auto-Käufer bedeutet das: Die Angst vor zu geringer Reichweite ist längst nicht mehr gerechtfertigt. Moderne Modelle liefern im Alltag zuverlässig gute Werte – und zeigen, dass die Elektromobilität endgültig auf der Langstrecke angekommen ist.

Artikel teilen

3 Kommentare

  1. Rene

    Ich würde denselben Test gerne Ende Januar sehen. Dass das im Sommer klappt, ist keine Frage. Mein Model 3SR+ aus 2020 schafft im Winter mit viel Glück 220km statt 350km im Sommer – und ich vermute mal, einen ähnlichen Effekt gibt es auch bei den neuen Modellen?

    Antworten

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert