Verkehr in der Hauptstadt? Bald nur noch vollelektrisch! Genau, das ist hier aktuell das große Krach-Bumm-Thema. Denn binnen zehn Jahren soll die Stadt zur Null-Emissions-Zone werden, hat Verkehrssenatorin Regine Günther von den Grünen gerade gefordert. Keine Benziner mehr, keine Diesel. Erst in der Innenstadt (S-Bahn-Ring), dann ab 2035 in der gesamten Metropole. Nur noch Elektroautos. Davon wären auch die über 320.000 Berufspendler betroffen, die täglich aus dem Umland mit dem Auto in die Innenstadt zur Arbeit fahren, dazu jährlich Zehntausende Touristen, die mit ihrem Wagen anreisen. Schock. Ja, je nach Sichtweise und Parteizugehörigkeit ein tolles oder böses Thema, das in Berlin entsprechend wild diskutiert wird. Dem Koalitionspartner SPD geht das alles ein bisschen zu schnell, während CDU („unsozial, unrealistisch und unverantwortlich“) und FDP lieber noch ein bisschen mit ihrer großen Klientel der Benziner- und Dieselnutzer kuscheln.

Zumal der öffentliche Nahverkehr, so wird mit gegenseitigen Schuldzuweisungen argumentiert, jetzt schon völlig überlastet sei. Stimmt, zumindest für die Rush Hour. Wer morgens zum Beispiel mit der S- oder U-Bahn in die City muss, kann in Stoßzeiten manchmal froh sein, wenn er irgendwie in die Züge reinkommt. Und auch die Bedingungen für Radfahrer sind, verglichen mit denen von Kopenhagen, Amsterdam oder Malmö, noch eine ziemlich gefährliche und holprige Angelegenheit. Seit Jahresbeginn sind in Berlin schon fünf Radfahrer tödlich verunglückt.

Regine Günther lässt sich davon nicht beirren. Die Traumstadt der Verkehrssenatorin, die ja auch für Umwelt und Klimaschutz verantwortlich ist, soll definitiv „sicher, sauber und leise“ sein. Und viel klimafreundliches Grün soll es natürlich auch geben. Und was den Nahverkehr betrifft: Ein beispielloses Ausbauprogramm sei beschlossen. Tatsächlich hat der Senat einen ziemlich gigantischen Nahverkehrsplan mit einem Volumen von 28 Milliarden Euro (bis 2035) aufgelegt. Rund 40 Prozent mehr Straßenbahnen, 30 Prozent mehr U-Bahnwagen, 20 Prozent mehr S-Bahnen. Netzerweiterung, dichtere Takte in den Außenbezirken. Und die gesamte Busflotte der BVG, die größte Deutschlands, soll bis 2030 vollelektrisch fahren. Der Druck ist also groß, zumal Berlin für sich als erstes Bundesland die Klimanotlage verkündet hat und deshalb jedes Verkehrsthema nun auf den Klima-Prüfstand kommt.

Berlin will Showroom für vernetzte Elektromobilität sein

Insofern ist die nunmehr achte Hauptstadtkonferenz Elektromobilität eine schöne Plattform für Steilvorlagen jeder Art. Ideales Forum zum Netzwerken, auch für die vielen Start-ups der Region. Über 600 Teilnehmer sind es diesmal im großen Saal des Roten Rathauses, viele müssen sogar stehen, weil die Plätze nicht ausreichen. Die Eröffnungsrede hält aber nicht Günther, sondern Ramona Pop, 42. Grüne Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe mit ziemlich erfolgreicher Bilanz — 2019 die Ansiedlung von 85 neuen Unternehmen, 50.000 neue Arbeitsplätze. Und die sieht das Mobilitäts-Thema zwar etwas entspannter, fordert aber gleichzeitig mehr Mut bei Entscheidungen gegen die Klimakrise. Großes Ziel: Bis 2050 soll die Hauptstadt klimaneutral sein, vielleicht schaffe man das sogar noch eher. Die grundsätzlichen Bedingungen sind laut Pop bestens, denn die Berliner Wirtschaft sei „wahnsinnig gut“ aufgestellt, wachse nämlich deutlich stärker als das Bundesgebiet.

Der Verband der Autoindustrie richtet die IAA komplett neu aus, konzeptionell und räumlich. VDA-Geschäftsführer Martin Koers gibt Einblicke in den Prozess. Automesse

„Berlin ist ein Showroom für vernetzte Elektromobilität“, erklärt sie und verweist auch auf die vielen Förderprojekte des Senats, insbesondere für mittelständische Betriebe. „Die rennen uns die Bude ein.“ Enttäuscht ist sie hingegen vom Bundesverkehrsministerium (klarer Seitenhieb gegen Andreas Scheuer), wo man sich ja lieber mit dem leidigen Mautthema und nicht mit Zukunftsthemen beschäftigt habe. „Da kommt kein Rückenwind für uns, da tun wir lieber selber was“.

Sie macht sich, auffallend engagiert, sogar für den Umzug der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) nach Berlin stark. „Es gibt keinen besseren Standort als Berlin“, haut sie raus. Nur Berlin würde da wirklich Neues wagen. Natürlich, so findet sie, müssten die IAA-Veranstalter in diesem Fall ebenfalls mal Mut zeigen: „Weg von der Fixierung auf PS-Protzerei, hin zu intelligenter Mobilität“. Das sitzt. Und ausdrücklich begrüßt sie die Ansiedlung Teslas direkt am Stadtrand Berlins („Ein Highlight!“), zumal ja noch ein großes Design- und Entwicklungszentrum der Amerikaner direkt in Berlin geplant sei.

Zwischendurch lobt Wirtschaftssenatorin Pop mal kurz VW-Konzernchef Herbert Diess für sein Engagement für die Elektromobilität, und sie weiß auch, dass die neuen Mobilitätspläne in der Stadt für Unruhe sorgen. Schließlich gehe es ja um die persönliche Bewegungsfreiheit in Berlin, „ein wahnsinnig emotionales Thema“. Klar, der Individualverkehr müsse etwas zurückgedrängt werden, aber Städte wie New York, Paris oder London bekämen das ja auch ganz gut hin. Großer Beifall.

Demnächst surren 300.000 Stromer durch die Hauptstadt

In diese Kerbe haut dann auch Gernot Lobenberg, der umtriebige Chef der Berliner Agentur für Elektromobilität, die diese Konferenz mit über 70 Partnern aus allen Branchen veranstaltet und überhaupt als offizielles Netzwerk des Landes die zentrale Anlaufstelle für intelligente Mobilität sein will. „Berlin ist wirklich ein Hotspot“, erklärt er und hat dazu erfreuliche Zahlen parat. So sei die elektrische Ladeinfrastruktur im letzten Jahr um 50 Prozent gewachsen. Rund 10.000 Elektrofahrzeuge seien aktuell in Berlin zugelassen, für die gäbe es schon 940 Ladepunkte. Und für 2030 rechnet er schon mit 300.000 Stromern. Das Programm mit den vollautonom verkehrenden Kleinbussen solle übrigens verlängert und ausgebaut werden, und Berlin bleibe, trotz einiger Probleme, die weltweit größte Carsharing-Zone.

Laut einer Studie des Bundesverbandes E-Mobilität entstehen durch den Ausbau an Lademöglichkeiten für Elektroautos in Deutschland Hundertausende neue Arbeitsplätze. Aber nur wenn Staat, Wirtschaft und Privatleute entsprechend in die Infrastruktur investieren. Energiewende

Interessantes auch in den folgenden Keynotes. Anke Möhring von der Gesellschaft für wirtschaftliche Strukturforschung (GWS) redet über Studienergebnisse zum Thema „Verkehrswende und Ökonomie“. Kurzfassung: Der E-Anteil bei den Neuzulassungen in Deutschland könnte 2035 bei 23 Prozent liegen, und dafür seien rundum große Investitionen und komplett veränderte Produktionsweisen notwendig. Sie warnt vor schwindenden Arbeitsplätzen in der Autobranche (minus 114.000, schlimmstenfalls bis zu 400.000) und Senkungen des Bruttoinlandsprodukts. Keine dramatischen News, zumal die Studie schon zwei Jahre alt ist und sich viele elektromobile Dinge und Annahmen längst verändert haben. Was denn an neuen Arbeitsplätzen hinzukommen könnte, will Lobenberg wissen. Keine klare Antwort. „Vielleicht 20.000…“. Höflicher Beifall.

Spannender wurde es bei Professor Johan Rockström, immerhin Chef des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und international bekannter Wissenschaftler. Der spricht etwas akademisch über „Verkehrswende und Umwelt“ und mahnt ziemlich eindringlich zu mehr Engagement. „Jetzt müssen Entscheidungen getroffen werden.“ Sein Vortrag (in Englisch) kommt entgegen der Planung auch nur per Videobotschaft. Ging wohl nicht anders, Rockström warnt jedenfalls (mit allen traurigen Wetter- und Klimadaten) vor einem Tipping Point, also dem kompletten Umkippen unseres Klimasystems. Und ja, der Verkehrssektor spiele dabei natürlich eine ziemlich wichtige Rolle.

Lesen Sie in Teil 2, warum Berlin „die Amazonirisierung des Stadtraums“ des Stadtraums droht und was die Grünen zur Tesla-Fabrik in Brandenburg sagen.

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1 Kommentar

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    Die Leute kaufen keine E-Autos, sondern nur Hybrid-Autos:: 40 Mio weltweit in letzten 5 Jahren verkauft:mit revolutionärer NiMH-Batterie.

    Geringerer CO2 Footprint als Li-Ion – Import aus Asien 4 Tons CO2 pro 30kWh Batterie und menschen-verachtende Techniken der Li-Gewinnung in Bolivien (Trinkwasser-Nutzung) – Export wurde jetzt vom Präsidenten Boliviens gestoppt. Peter Altmeier ist verzweifelt – warum wohl?

    Diese Information wird nie erwähnt um den Commerc mit E-Autos nicht zu stören

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