Zu konservatives Design sowie Software-Stände, die bei Markteinführung bereits veraltet sind. So die Kritikpunkte junger chinesischer Automobilkunden an Neuwagen von Volkswagen. Autos in Deutschland zu entwickeln und an den chinesischen Markt anzupassen, ist vom jahrelang lukrativen Geschäftsmodell zum Auslaufmodell verödet. Am Ende hat die fortschrittliche EV-Technik chinesischer Elektrofahrzeuge Volkswagen die Marktführerschaft in China gekostet. BYD und Geely sind vorbeigezogen, NIO und XPeng folgen eng auf den Fersen. Derweil sinkt die chinesische Binnennachfrage in 2026 um 20 Prozent, allein die bei VW um mehr als 40 Prozent. Volkswagens grösster Einzelmarkt bricht dramatisch ein.

Blitzstarter
In nur 24 Monaten hat das Team von Volkswagen in Hefei den ID. UNYX 08 entwickelt. Im August lief das erste Fahrzeug vom Band.
Blitzstarter
In nur 24 Monaten hat das Team von Volkswagen in Hefei den ID. UNYX 08 entwickelt. Im August lief das erste Fahrzeug vom Band.

Um nicht völlig abzusacken, muss Volkswagen sein China-Geschäft radikal neu denken, seine Entwicklungsstrukturen und -geschwindigkeit für EVs beschleunigen. Denn EVs treiben den Wachstumsmarkt. Der Einsicht folgen in den zurückliegenden Jahren zahlreiche Ankündigungen, die VW CEO Thomas Schäfer als „In China, für China Strategie“ zusammenfasst. Endlich werden vielversprechende Ergebnisse sichtbar. EVs und Hybride für China entstehen künftig am Entwicklungs- und Produktionsstandort in Hefei, in der Provinz Anhui, unter intensiver Nutzung chinesischer Lieferketten.

Submarke UNYX markiert den Wendepunkt

Offiziell noch nicht bestätigt, doch sehr wahrscheinlich: Künftige Autos dürften auch nach Europa exportiert und in einer weiteren Ausbaustufe in europäischen VW-Werken hergestellt werden, um hiesige Produktionsstätten wieder auszulasten und vor Schliessungen zu schützen. Womit die Flussrichtung des Jahrzehnte langen Technologietransfers sich von West nach Ost nachhaltig umkehren könnte. Den ersten VW „Made in China“, der schon bald zu uns kommen dürfte, stellen wir hier vor.

Keine Scherze über Schlitzaugen
Das expressive Design des VW ID. UNYX 08 entstand komplett in China – unter Aufsicht von Chefdesigner Andreas Mindt.

Bereits in 2017 entsteht in Anhui das chinesisch-deutsche VW Joint Venture für elektrifizierte Personenwagen mit JAC (Jianghuai Automobile Group Corporation). In 2020 stockt VW den Besitzanteil auf 75 Prozent auf, nennt das Unternehmen in Volkswagen Anhui um. Ab 2024 läuft dort unter anderem der Cupra Tavascan für Exportmärkte vom Band. Zwei Jahre später, im August 2026, ist das 100.000ste Fahrzeug der erste Volkswagen I.D.UNYX 08, um den es im Folgenden gehen soll. Analog zur neuen, rein chinesischen Marke AUDI (ohne die vier Ringe) unterstreicht die Submarke UNYX den radikalen Wendepunkt der Volkswagen China-Strategie mit diesem Modell.

Erster VW mit 800-Volt-Architektur

Wir fahren das fünf Meter lange, 1,95 Meter breite und 1,69 Meter hohe SUV mit einem Radstand von 3.030 Millimeter im chinesischen Xiamen, um zu klären, ob hier ein Volkswagen oder XPeng vorfährt. Denn statt in bisher üblichen 30 bis 36 Monaten entstand das imposante Fahrzeug in nur 24 Monaten auf der leicht verlängerten 800 Volt-„Edward“-Plattform des in China erfolgreichen XPeng G9. Die 800-Volt-Architektur ist die erste in einem Volkswagen.

Pole Position
Auf dem zwei Kilometer langen Kurs des Xiamen International Circuit konnte unser Autor mit dem ID. Unyx 08 ein paar Runden drehen.
Pole Position
Auf dem zwei Kilometer langen Kurs des Xiamen International Circuit konnte unser Autor mit dem ID. Unyx 08 ein paar Runden drehen.

Vereinfacht ausgedrückt: Das nur an der Front vom chinesischen Mainstream abweichende Design und die solide Fahrdynamik des I.D. UNYX 08 verantworten erfahrene Experten der VW-Seite, während die intelligente Elektrik- und Elektronik Ausstattung von XPeng stammt. In Folge ähnelt das (je nach Ausstattung) bis 2,4 Tonnen schwere SUV deutlich mehr dem fahrdynamischen Geschmack europäischer Kunden als dem chinesischen XPeng Pendant für den Heimatmarkt.

VW will mit hohen Qualitäts-Standards glänzen

Der I.D. UNYX 08 zählt zu den grossen SUV im chinesischen Markt. Er liegt in der Hand, wie wir es in Europa etwa vom Volkswagen Touareg kennen. Andererseits erfüllen KI-unterstützte Unterhaltungs- und Fahrsicherheitselektronik die Ansprüche junger chinesischer Kunden in einem Umfang, den europäische Kunden nicht kennen. Schauen wir genauer hin.

Die von Deutschen geschätzte enge Verbindung zwischen Fahrer, Fahrzeug und Strasse (human machine interface) schafft eine steife Fahrzeugstruktur mit 80 Prozent hochfesten Stählen, ein adaptives Zweikammer-Luftfederfahrwerk, eine für chinesische Verhältnisse direkte Lenkung sowie die feinfühlig abgestimmte, dabei kräftig zubeissende Vierkolben-Brembo-Bremsanlage.

Chinesisches Einerlei 
Das Cockpit des VW UNYX 08 glänzt nicht mit originellen Lösungen. Dafür ist die Elektronik-Architektur vom Feinsten. Fotos: Zöllter
Chinesisches Einerlei
Das Cockpit des VW UNYX 08 glänzt nicht mit originellen Lösungen. Dafür ist die Elektronik-Architektur vom Feinsten. Fotos: Zöllter

Die Crashsicherheit genüge dem europäischen 5-Sterne-Standard, sagt Volkswagen. Zudem besitze die Fertigungsqualität hohe Priorität in einem Markt, der Fahrzeug-Ausfälle chinesischer Marken in Folge mangelhafter Produktqualität bereits nach sechs Jahren kennt, wie chinesische Medienvertreter bestätigen. Der I.D. UNYX 08 folge deutschen Fertigungsstandards, sagt VW, und genüge auch dem anspruchsvollen europäischen  Markt.

Angeboten werden drei Ausstattungsvarianten mit Heckantrieb oder Allradantrieb. Die Heckmotor-Modelle leisten 230 kW (313 PS). Ein zusätzlicher Frontmotor mit 140 kW (190 PS) erhöht die Systemleistung im Allradler auf 370 kW (503 PS). Letzterer beschleunigt in 4,9 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Alle Versionen werden bei 200 km/h abgeriegelt und von CATL LFP-Batterien mit 82 kWh oder 95 kWh Kapazität bestromt. Wobei die Reichweite der grossen Batterie bis zu 730 km nach CLTC-Standard betragen soll, was nach europäischer Messung gut 500 Kilometer entspricht. Ebenfalls eine VW-Premiere markiert die schnelle Ladetechnik: Mit bis zu 315 kW Gleichstrom können in fünf Minuten 150 km Reichweite aufgesattelt werden. Von 10 auf 80 Prozent steigt die Batterie-Kapazität in 20 Minuten.

Kooperation mit Xpeng sorgt für „China Speed“

Ob chinesische Kunden die europäisierten Fahreigenschaften des I.D. UNYX 08 im Alltag zu schätzen wissen oder diese nur zu Tischgesprächen taugen, wird sich zeigen. Fahrprofile in China sind anspruchsloser als in Europa. Das aktive Fahrerlebnis im Auto wird weniger geschätzt als dessen Smartphone-Kompetenz. Chinesische Automarken haben das sehr viel früher erkannt als ausländische, die nun dem Trend hinterher laufen.

Rotkäppchen und der böse Wolf
Für die dritte Bremsleuchte an der Heckklappe haben sich die VW-Designer etwas Originelles einfallen lassen: Den nachfolgenden Verkehr warnt der Wolf aus dem Wolfsburger Wappen. Er zierte im Profil einst auch die Kofferraumklappe des VW Käfer-

Um Anschluss zurück zu gewinnen, geht Volkswagen den einzigen richtigen Weg und kooperiert eng mit XPeng, um deren fortschrittliche, in Monatszyklen kontaktlos  (OTA = over the air) aktualisierbare, KI basierte Elektronik-Architektur VLA 2.0 (Vision Language Action für Fahrerassistenzsysteme einschliesslich hochautonomem Fahren) in neue Fahrzeuge integrieren zu können. Der I.D. UNYX 08 zeigt, wie es funktioniert.

Hochautonomes Fahren bis Tempo 130

Zwei KI gestützte „Turing“ Chips mit einer Rechenleistung von mehr als 1.500 TOPS verarbeiten Information, die insgesamt 26 Sensoren liefern: 11 Kameras, 3 Millimeterwellen- und 12 Ultraschall-Radare. Die KI-Assistenten stammen von Wenxin und Zhipu. Das in der chinesischen Automobilindustrie aktuell als führend geltende VLA 2.0 System meistert navigiertes Fahren im komplexen Stadtverkehr ebenso überzeugend wie auf Schnellstrassen. Besonders charmant auch die sogenannte „Door-to-Door“ Funktion, die das Fahrzeug zuverlässig zu einem vorher erlernten Parkplatz führt – sogar in der Tiefgarage.

Auf Wunsch der VW-Entwickler und anders als im XPeng G9, kann der Fahrer zu Gunsten des aktiven Fahrerlebnisses jederzeit in das bis 130 km/h vollautomatisch führende System eingreifen, ohne dass es sich „verabschiedet“. Etwa für spontane, zügige Überholmanöver oder Spurwechsel, die das auf Zurückhaltung ausgelegte XPeng-System nicht wagen würde.

An Platz herrscht kein Mangel 
Ein Radstand von über drei Metern sorgt im Fond des UNYX 08 für viel Beinfreiheit, was früheren Touareg-Käufern gefallen dürfte.
An Platz herrscht kein Mangel
Ein Radstand von über drei Metern sorgt im Fond des UNYX 08 für viel Beinfreiheit, was früheren Touareg-Käufern gefallen dürfte.

Im aufgeräumten Interieur dominiert ein die Sicht nach aussen nicht  beeinträchtigendes, vergleichsweise schmales, freistehendes, zweigeteiltes 15-Zoll-Panorama-Display, gesteuert von einem Qualcomm Snapdragon 8295P Chip. Der Fahrer blickt auf ein 10,25-Zoll Kombi-Instrument. Direktzugriff über Tasten und Walzen gibt’s für Sprachsteuerung und Unterhaltungsfunktionen im Lenkrad sowie Fensterheber in den Seitentüren. Zudem zwei induktive Ladestationen für Smartphones.

Preise starten bei etwa 30.000 Euro – in China

Wir halten den I.D. UNYX 08 für ein vielversprechendes Produkt, um die rückläufige VW-Nachfrage im chinesischen Markt zu bremsen oder gar zaghaft umzukehren. Mit Preisen zwischen 229.000 RMB (umgerechnet etwa 30.000 Euro) und 289.900 RMB (ca. 37.700 Euro) konkurriert das SUV EV mit dem Avatr 07, mit LiAuto i6, Xiaomi Yu7 und Zeekr 7X. Doch fest steht: Alleine kann der UNYX 08 die Wende nicht schaffen. Folgerichtig wird VW in rascher Folge weitere UNYX Derivate auf der gleichen 800-Volt-Plattform nachschieben.

Die Limousine I.D. UNYX 09 steht bereits in den Startlöchern. Ob die China-Volkswagen auch bei uns einschlagen könnte, hängt massgeblich von zwei Themen ab: dem Preis, der erfahrungsgemäss für Europa nahezu drei Mal höher sein wird sowie von der Software-Leistungsfähigkeit, die hierzulande bekanntlich auf weniger (bisher gesammelte) Daten zurückgreifen kann und mehr Richtlinien respektieren muss als in China.

Am Ende aber ist der I.D. UNYX 08 das chinesischste Auto von Volkswagen und das deutscheste von XPeng.

Artikel teilen

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert