Für jeden Autodesigner ist das wohl ein Traum: Ohne allzu große Änderungen geht sein Konzept in Serie. Für Alberto Torrecillas und David Jofre geht dieser Traum dieser Tage in Erfüllung – mit der Markteinführung des neuen Cupra Tavascan. Torrecillas hat die schnittige (cW-Wert 0,26) Karosserie des vollelektrischen SUV-Coupé gezeichnet, Jofre war für das futuristische Interieur-Design des Stromers verantwortlich. Damals vor fünf Jahren, als die spanische „Challenger“-Marke im Volkswagen-Konzern auf der IAA in Frankfurt zeigte, wie ein Elektroauto aussehen muss, um schon im Stand Fahrfreude zu wecken und alle Einwände gegen die Antriebswende vergessen zu machen.

Bis zur Serienversion war es ein langer Weg. Dazwischen lagen die Corona-Pandemie und allerlei Probleme, um im VW-Werk Anhui die Produktion des Cupra Tavascan und des für den chinesischen Markt vorgesehenen VW-Schwestermodells ID.Unyx aufzusetzen. Zudem forderte der Entwurf der Designer die Karosseriebauer mächtig heraus, wie Chefentwickler Carlos Gonzales-Tröger bei der Fahrvorstellung des neuen Autos verriet: Die scharfen Kanten und der dynamische Sickenverlauf, die für den expressiven Auftritt sorgen, seien nicht so einfach in Blech umzusetzen.

Aber auch die industrielle Fertigung der organisch geformten Mittelkonsole, die das Cockpit gleichsam wie das menschliche Rückgrat trägt, war wohl alles andere als ein Kinderspiel. Auch weil die Controler ein wenig auf der Bremse standen und dafür sorgten, dass das Gebilde zwar auf den ersten Blick wie Karbon aussieht, sich dann aber doch als Hartplastik entpuppt. Schade – hier ging der Traum der Designer denn doch nicht so ganz in Erfüllung. Man kann eben nicht alles haben, wenn das Fahrzeug bezahlbar bleiben soll – so zahlungskräftig wie die Kunden von Porsche sind die von Cupra eben noch nicht.

Happige Preise ab 56.210 Euro

Was nicht heißt, dass die sportliche Seat-Schwester nicht versucht, mit dem neuen Modell in neue Preisregionen vorzustoßen: Unter 56.210 Euro – so viel sei hier schon einmal verraten – wird der Cupra Tavascan vorerst nicht zu bekommen sein. Der Preis für die allradgetriebene Topversion mit dem Kürzel VZ (für „Veloz“, das spanische Wort für Schnell) steht zwar angeblich noch nicht fest. Er könnte aber nach dezenten Hinweisen aus dem Unternehmen schon die Schwelle von 65.000 Euro erreichen, wenn bei der Bestellung sämtliche Ausstattungspakete und sonstige Extras wie das Panoramadach oder Ledersitze angekreuzt werden. Da sind die Spanier ganz schön mutig.

Selbst eine Wärmepumpe zum energiesparenden Aufheizen des Innenraums in den Wintermonaten kostet Aufpreis. Beim VW ID.5 GTX (Basispreis 56.455 Euro) und beim Skoda Enyaq Coupé RS (ab 63.300 Euro) zählt sie zur Serienausstattung, beim Cupra Tavascan werden wohl – wie beim Audi Q4 Sportback e-tron (ab 54.950 Euro) wohl 990 Euro extra fällig. Wenn denn nicht das (nochmals teurere) Winterpaket mit Sitz- und Frontscheibenheizung geordert wird.

Aber Vergleiche mit den Konzernbrüdern mögen sie bei Cupra nicht hören. Schon gar nicht solche mit dem Halbbruder von Ford, dem elektrischen Explorer, der ebenfalls den Modularen E-Antriebs-Baukasten (MEB) des Volkswagen-Konzerns nutzt. Zumal sich die Entwickler in Martorell große Mühe gegeben haben, um aus den Komponenten des Baukastens so viel wie möglich herauszuholen. Der Akku im Fahrzeugboden hat wie bei den Verwandten zwar eine nutzbare Kapazität von 77 kWh. An Bord ist aber eine neue Generation eines Onboard-Chargers, der sowohl Wechselstrom wie Gleichstrom beherrscht – und das bis zu einer maximalen Ladeleistung von 185 kW. Da kommt selbst der ID.5 GTX nicht mit. Im Idealfall brauche es nur 28 Minuten, um den Füllstand (SoC) des Akkus von 10 auf 80 Prozent zu erhöhen.

So stark wie der ID.7 GTX

Alles andere als bescheiden ist auch die Antriebsleistung. Das heckgetriebene, vorläufige Basismodell „Endurance“ kommt mit 210 kW oder 285 PS daher – das von uns gefahrene Topmodell fügt zum 210 kW starken permanenterregten Heckmotor eine 80 kW starke und nur 60 Kilogramm leichte ASM (Asynchron)-Maschine an der Vorderachse hinzu. Das Ergebnis ist eine Spitzenleistung von 250 kW und ein maximales Drehmoment von 545 Newtonmeter. Die Daten kommen Ihnen bekannt vor? Genau: Das sind exakt die gleichen Werte wie beim VW ID.7 GTX, dem aktuell stärksten Stromer von Volkswagen.

Aber der 4,64 Meter lange Tavascan VZ wiegt mit 2273 Kilogramm etwa zwei Zentner weniger als das Topmodell der ID-Familie – und geht deshalb so rasant ab wie „Schmitz‘ Katze“, wie man im Rheinland sagt. In Barcelona regnet es am Testtag. Deshalb – und auch wegen der gesetzlichen Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h auf Spaniens Autobahnen – können wir auf unserer Fahrt raus zum Berg Montserrat nicht überall die volle Leistung abrufen oder gar die Topspeed von 180 km/h gehen. Aber auch so war die Dynamik, die der Tavascan außerhalb der Stadt an den Tag legte, mehr als beeindruckend. Und das schon im Komfort-Modus. Im Cupra-Modus, die über den schon bekannten rechten Druckknopf am Lenkrad aktiviert wird, wird der Tavescan fast schon zur Bestie – um ein Schleudertrauma zu verhindern, tun Fahrer und Beifahrwr gut daran, beim Ampelsstart den Kopf gegen die Kopfstützen der Sportsitze zu drücken.

400 Kilometer Fahrspaß sind locker drin

Und was das Schöne daran ist: Der Wagen liegt dabei dank des adaptiven Fahrwerks DCC Sport satt auf der Straße und lässt sich mit wenigen Bewegungen des Lenkrads und minimalem Schlupf auch mit höheren Geschwindigkeiten leicht um die Kurven zirkeln. Auch das Bremsgefühl ist ausgezeichnet und alles andere als schwammig wie bei vielen Wettbewerbern: Die Verzögerung tritt unmittelbar ein

Die Ingenieure von Cupra haben da erstklassige Arbeit geleistet. Da kommt Freude auf – aber verliert der Stromer auch einiges an Reichweite. Den Normverbrauch geben die Spanier beim VZ mit 16.5 bis 16,8 kWh auf 100 Kilometer, die Normreichweite mit 522 Kilometern an. Am Ende der Testfahrt hatte der Bordcomputer einen Durchschnittsverbrauch von 18,9 kWh/100 km errechnet – spätestens nach 400 Kilometern hätten wir da eine Ladestation ansteuern müssen. Aber auch das wäre eine gute Leistung – nur wenige Menschen legen am Tag längere Strecken zurück. Schon gar nicht in einem Stück.

Strafzölle bedrohen die Absatzplanung

Die Voraussetzungen sind also gut, dass das nach dem Born zweite Elektroauto von Cupra ein Erfolg wird und eine echte Zugmaschine für Markenimage wie Ertragslage. Die Absatzplanung sieht ein Potenzial für 70.000 Fahrzeuge im Jahr – die Muttergesellschaft Seat S.A. käme damit erstmals über ein Gesamtvolumen von 600.000 Autos, wovon mehr als die Hälfte auf das Konto von Cupra gingen. Mit einigem Bangen schaut das Cupra-Management derzeit allerdings nach Brüssel und auf die Diskussionen in der EU-Kommission über Strafzölle für Elektroautos aus China.

Der Tavascan wäre davon voraussichtlich wie der BMW iX3, der Mini Cooper SE und Mini Aceman voll betroffen. Und bei einem Preisaufschlag von womöglich 20 Prozent wäre sowohl die Preiskalkulation wie die Absatzprognose für den Tavascan nur noch Makulatur. Wir drücken die Daumen, dass die von Frankreich und den USA angestachelten Politkommissare noch zur Vernunft kommt.

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