Gefahr von „Doppelbuchungen“

Auch wird oft vergessen, dass Bäume und der Boden bereits große Mengen an Kohlenstoff aufnehmen und speichern, was als natürliche terrestrische Kohlenstoffsenke bezeichnet wird. Eingriffe in diese Senke könnten sowohl die Senke stören als auch zu Doppelbuchungen der CO2-Entnahme führen.

In dem Maße, in dem diese Zusammenhänge besser verstanden werden, hat der Optimismus in Bezug auf BECCS abgenommen. Als langsam die Erkenntnis wuchs, wie schwierig es angesichts der ständig steigenden Emissionen und des begrenzten Potenzials von BECCS sein würde, Paris umzusetzen, tauchte in politischen Kreisen ein neues Schlagwort auf: das Temperatur-Overshoot-Szenario.

Auch das Overshoot-Szenario ist ein Wunschtraum

Demnach dürften die Temperaturen in naher Zukunft über 1,5 Grad steigen, müssten dann aber bis zum Ende des Jahrhunderts durch eine Reihe von Maßnahmen zur Kohlendioxidreduzierung gesenkt werden.

Das heißt, dass CO2-neutral eigentlich CO2-negativ bedeutet. Innerhalb weniger Jahrzehnte müssen wir unsere Zivilisation von einer, die derzeit jährlich 40 Milliarden Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre pumpt, umstellen auf eine, die einen Nettoabbau von zehn Milliarden Tonnen schafft.

Die massenhafte Anpflanzung von Bäumen zur Gewinnung von Bioenergie oder als Ausgleichsmaßnahme war der jüngste Versuch, eine Reduzierung des fossilen Brennstoffverbrauchs abzuwenden. Doch der ständig wachsende Bedarf an Kohlenstoffabscheidung verlangte nach mehr, weshalb die Idee des Direct Air Capture aufgekommen ist, die nun von einigen als die vielversprechendste Technologie überhaupt angepriesen wird. Sie ist insgesamt ökologisch verträglicher, da für ihren Betrieb deutlich weniger Land benötigt wird als für BECCS, einschließlich des Landes, das für die Energieversorgung mit Wind- oder Sonnenkollektoren benötigt wird.

Für BECCS fehlt Platz, für DAC das Geld

Leider wird weithin angenommen, dass Direct Air Capture aufgrund der exorbitanten Kosten und des Energiebedarfs, sollte sie jemals in großem Maßstab eingesetzt werden, nicht mit BECCS konkurrieren kann, das einen unerfüllbaren Bedarf an erstklassigen landwirtschaftlichen Flächen hat.

Es sollte klar geworden sein, was hier passiert: Immer wenn die Fata Morgana einer magischen technischen Lösung verschwindet, taucht eine andere, ebenso unbrauchbare Alternative auf, um ihren Platz einzunehmen. Die nächste ist bereits zu erahnen – und sie ist sogar noch schrecklicher. Sobald wir erkennen, dass der Nullpunkt nicht rechtzeitig oder überhaupt nicht erreicht werden kann, wird wohl das Geoengineering, also der absichtliche und weitreichende Eingriff in das Klimasystem der Erde selbst, als Lösung zur Begrenzung des Temperaturanstiegs herangezogen werden.

Eine neue Idee: Schwefelsäure in die Atmosphäre

Eine der am stärksten verfolgten Geoengineering-Ideen ist die Reduzierung der Sonneneinstrahlung (Solar Radiation Management, SRM) durch die Freisetzung von Millionen von Tonnen Schwefelsäure in die Stratosphäre, die einen Teil der Sonnenenergie von der Erde weg reflektieren soll. Es ist eine verrückte Idee, aber einige Wissenschaftler und Politiker meinen es damit sehr ernsttrotz erheblicher Risiken.

Die National Academies of Sciences der USA haben beispielsweise empfohlen, in den nächsten fünf Jahren bis zu 200 Millionen US-Dollar bereitzustellen, um zu erforschen, wie Geoengineering eingesetzt und geregelt werden könnte. Die Finanzierung und Forschung in diesem Bereich werden mit Sicherheit deutlich zunehmen.

Unangenehme Wahrheiten

Im Prinzip ist an den Vorschlägen zur Kohlendioxidentnahme nichts falsch oder gefährlich. Die Entwicklung von Möglichkeiten zur Verringerung der Kohlendioxidkonzentration kann sich sogar äußerst spannend anfühlen. Wer das tut, setzt Wissenschaft und Technik ein, um die Menschheit vor einer Katastrophe zu bewahren.

Dirk Gratzel hat einen ehrgeizigen Plan: Er will bei seinem Tod als erster Mensch klimaneutral sein. Dazu hat der 52-Jährige sein bisheriges Leben bilanziert – und jetzt ein Bergwerksgelände im Ruhrgebiet gekauft, das er renaturieren will. Klima, Leben

Und wer das tut, tut etwas Bedeutendes. Die Kohlendioxidentnahme wird zum Beispiel notwendig sein, um einen Teil der Emissionen aus Bereichen wie der Luftfahrt und der Zementherstellung aufzufangen. Sicher werden verschiedene Ansätze zur Kohlendioxidentnahme punktuell eine Rolle spielen.

Problematisch wird es aber, wenn davon ausgegangen wird, dass das in großem Maßstab umgesetzt werden kann. Denn dann dient es als Blankoscheck für die weitere Verbrennung fossiler Brennstoffe und die Beschleunigung der Zerstörung von Lebensraum.

Schleudersitz nur als letzte Option

Technologien zur Kohlenstoffreduktion und Geoengineering sollten als eine Art Schleudersitz betrachtet werden, der die Menschheit vor schnellen und katastrophalen Umweltveränderungen bewahren könnte. Genau wie ein Schleudersitz in einem Düsenflugzeug sollte er nur als allerletztes Mittel eingesetzt werden. Politiker und Unternehmen scheinen es jedoch ernst zu meinen, wenn sie auf hochgradig spekulative Technologien setzen, um die Zukunft unserer Zivilisation zu sichern. In Wirklichkeit sind das jedoch nichts anderes als Märchen.

Technologien zur Kohlenstoffreduktion und Geoengineering sollten als eine Art Schleudersitz betrachtet werden, der die Menschheit vor schnellen und katastrophalen Umweltveränderungen bewahren könnte.

Die einzige Möglichkeit, die Menschheit zu schützen, ist die sofortige und nachhaltige radikale Reduzierung der Treibhausgasemissionen auf sozial gerechte Weise.

Zwischen Integrität und Selbstzensur

Wissenschaftler verstehen sich in der Regel als Dienende der Gesellschaft. Tatsächlich sind viele von ihnen Beamte, also Staatsdiener. Diejenigen, die an der Schnittstelle zwischen Klimawissenschaft und Politik arbeiten, ringen verzweifelt mit einem immer größer werdenden Problem. Auch jene, die sich für Net Zero einsetzen, um die Hindernisse zu überwinden, die wirksamen Klimaschutzmaßnahmen entgegenstehen, arbeiten mit den besten Absichten.

Aber es gibt noch eine andere unsichtbare Linie, nämlich die zwischen der Wahrung der akademischen Integrität und der Selbstzensur. Als Wissenschaftlern wird uns beigebracht, skeptisch zu sein und Hypothesen rigorosen Tests und Befragungen zu unterziehen. Aber wenn es um die vielleicht größte Herausforderung für die Menschheit geht, zeigen wir oft einen gefährlichen Mangel an kritischer Analyse.

Privat äußern Forscher Zweifel an Net Zero, öffentlich aber nicht

Im Privaten äußern Wissenschaftler erhebliche Skepsis gegenüber dem Pariser Abkommen, BECCS, Kompensationsmaßnahmen, Geoengineering und Net Zero. Von einigen bemerkenswerten Ausnahmen abgesehen, gehen wir in der Öffentlichkeit jedoch ruhig unserer Arbeit nach, beantragen Fördermittel, veröffentlichen Arbeiten und lehren: Der Weg zum katastrophalen Klimawandel ist mit Machbarkeitsstudien und Folgenabschätzungen gepflastert.

Die Tragödie ist, dass ihre gemeinsamen Bemühungen nicht dazu gereicht haben, einen klimapolitischen Prozess herauszufordern, der nur eine enge Bandbreite von Szenarien zulässt. Den meisten Wissenschaftlern ist es ausgesprochen unangenehm, die unsichtbare Grenze zu überschreiten, die ihre tägliche Arbeit von umfassenderen sozialen und politischen Anliegen trennt. Es gibt die große Befürchtung, dass es ihre Unabhängigkeit bedrohen könnte, wenn sie als Fürsprecher für oder gegen bestimmte Themen auftreten. Die Wissenschaft ist einer der vertrauenswürdigsten Berufsstände, und Vertrauen ist sehr schwer aufzubauen und leicht zu zerstören.

Anstatt den Ernst unserer Lage anzuerkennen, folgen wir weiterhin der Net-Zero-Illusion. Was werden wir tun, wenn die Realität uns einholt? Was werden wir unseren Freunden und Verwandten später sagen, wenn wir uns jetzt nicht zu Wort melden?

Es ist an der Zeit, unsere Ängste zu äußern und der Gesellschaft ehrlich zu sagen: Die derzeitige Net-Zero-Strategie wird die Erwärmung nicht auf 1,5Grad begrenzen, weil sie nie dazu gedacht war. Sie wurde und wird immer noch davon getrieben, möglichst alles so weiterlaufen zu lassen wie bisher – und nicht davon, das Klima zu schützen. Wenn wir die Zukunft der Menschheit sichern möchten, müssen wir die CO2-Emissionen jetzt in großem Umfang und nachhaltig reduzieren. Das ist das ganz einfache Kriterium, das auf alle klimapolitischen Maßnahmen angewandt werden muss.

Die Zeit des Wunschdenkens ist vorbei. 

Artikel teilen

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.