Eigentlich sollte der neue kleine Leapmotor A03 heißen. Zusammen mit dem B05 und dem großen C10 wäre daraus eine schöne, einprägsame Modellreihung in alphabetischer Reihenfolge geworden. Aber Audi, so hören wir, erhob Einspruch – so wurde aus dem A03 ein B03. Und noch ein x kam auch noch hinzu. Es steht für die SUV-Version, denn es wird bald auch noch eine Limousine dieser Größe namens B03 (ohne x) geben. Und wer glaubt, das x stehe für Allradantrieb, der täuscht sich: Das neue Modell der Chinesen gibt es ausschließlich mit Frontantrieb.

Dem typischen Käufer in der hart umkämpften elektrischen Kompaktklasse – Konkurrenten sind unter anderem der neue VW ID.Cross, der BYD Atto 2 sowie der Kia EV2 – dürfte dieser juristische Nomenklatur-Streit zwischen Ingolstadt und Hangzhou allerdings herzlich egal sein. Für ihn hat der Kaufpreis einen ungleich höheren Stellenwert – und genau an dieser empfindlichen Stelle lässt der neue Crossover aus dem Gemeinschaftsunternehmen von Stellantis und Leapmotor die Muskeln spielen: Mit einem Einstandspreis von 24.900 Euro für das Basismodell Pro „Life“ und einer geförderten monatlichen Leasingrate von 109 Euro (bei einer Sonderzahlung von 4790 Euro und drei Jahren Laufzeit) zielt der B03X direkt ins Herz des europäischen Massenmarkts.

Mit einem Augenzwinkern
Die Designer haben dem B03X ein Lächeln in die Heckleuchten gezaubert. Zu einer elektrischen Haube reichte es nicht. Foto: Rother

Und was gibt es dafür? Auf den ersten Testkilometern rund um das andalusische Marbella zeigt sich rasch, dass die offensive Preisansage keineswegs mit spartanischem Verzicht einhergeht. Im Gegenteil: Auf der anspruchsvollen Testrunde aus Küstenstraßen und kurvigen Bergpassagen hinterlässt der Stromer einen überraschend reifen Fahreindruck.

Erfreulich niedrige Energieverbräuche

In der von uns gefahrenen Topversion ProMax „Design“ leistet die E-Maschine an der Vorderachse 145 kW (197 PS) und stellt sofort 200 Newtonmeter Drehmoment bereit. Der Standardsprint von null auf 100 km/h ist in flotten 8,6 Sekunden erledigt, während die Höchstgeschwindigkeit bei alltagstauglichen 160 km/h abgeregelt wird. Noch bemerkenswerter fällt unterwegs jedoch der Blick auf den Bordcomputer aus: Bei vorausschauender Fahrweise im andalusischen Überlandverkehr pendelt sich der Durchschnittsverbrauch bei nur 10,6 Kilowattstunden auf 100 Kilometer ein.

Stadttauglich
Mit einer Außenlänge von 4,27 Metern überragt der Leapmotor B03X den Kia EV2 um 20, den VW ID.Cross um rund zehn Zentimeter - ohne allerdings an Wendigkeit zu verlieren: Der Wendekreis beträgt exakt zehn Meter.
Stadttauglich
Mit einer Außenlänge von 4,27 Metern überragt der Leapmotor B03X den Kia EV2 um 20, den VW ID.Cross um rund zehn Zentimeter – ohne allerdings an Wendigkeit zu verlieren: Der Wendekreis beträgt exakt zehn Meter.

Auf der Autobahn klettert der Energiebedarf naturgemäß in Richtung 17 Kilowattstunden, was aber immer noch ein erfreulich niedriger Wert ist. Und Francesco Giacalone, dem globalen Leiter für Markenstrategie, Produkt und Marketing bei Leapmotor International, ist das noch nicht gut genug: Sein persönlicher Traum sei ein Elektroauto, das selbst bei Richtgeschwindigkeit auf der Autobahn mit echten 12 bis 13 Kilowattstunden auskommt. Mit einer hoch aufragenden, kastenförmigen SUV-Karosserie sei dies jedoch schlichtweg nicht machbar. Genau deshalb schiebt Leapmotor demnächst die Limousine B03 ohne „x“ hinterher, die mit einer aerodynamisch geschliffenen Silhouette und einem anvisierten cw-Wert um 0,21 gezielt jene Langstrecken-Effizienz liefern soll, an der klassische Crossover physikalisch scheitern.

Erstaunlich viel Platz auf 4,27 Metern Länge

Dass der B03 zunächst als SUV vorfährt, liegt am anhaltenden Kundenwunsch nach Raum und Variabilität. Mit einer Außenlänge von 4,27 Metern, 1,81 Metern Breite und 1,64 Metern Höhe bleibt der Wagen handlich genug für enge Gassen, was der stadttaugliche Wendekreis von exakt zehn Metern eindrucksvoll unterstreicht. Innen überrascht der Fünftürer dank seiner reinrassigen Elektro-Plattform und der „Cell-to-Chassis“-Architektur (CTC 2.0 Plus) mit erstaunlich großzügigen Platzverhältnissen. Selbst hinter groß gewachsenen Fahrern bietet der Fond mit 947 Millimetern Kniefreiheit ungeahnte Bewegungsfreiheit.

Simply clever 
Sollen größere Dinge aufrecht transportiert werden, lassen sich die Sitzflächen in der zweiten Reihe wie im Kino nach oben klappen.
Simply clever
Sollen größere Dinge aufrecht transportiert werden, lassen sich die Sitzflächen in der zweiten Reihe wie im Kino nach oben klappen.

Das Gepäckabteil schluckt regulär 405 Liter und verbirgt unter dem doppelten Boden eine clevere, 105 Liter fassende Kunststoffbox, die komplett wasserdicht sowie abwaschbar ausgeführt ist und das Gesamtvolumen auf 510 Liter hievt. Bei umgeklappter Rückbank wächst der Laderaum sogar auf bis zu 1.355 Liter an. Der besondere Clou: Wer besonders sperrige oder hohe Gegenstände transportieren möchte, kann zudem die hinteren Sitzpolster wie bei einem Kinositz senkrecht nach oben klappen.

Toucscreen-Steuerung wie im Tesla

Im aufgeräumten Cockpit dominiert ein hochauflösender 14,6-Zoll-Zentralbildschirm, kombiniert mit einem 8,8-Zoll-Instrumenten-Display. Befeuert von einem leistungsstarken Qualcomm Snapdragon 8155-Prozessor läuft die Bedienoberfläche flüssig, bindet Smartphones kabellos via Apple CarPlay oder Android Auto ein und wacht serienmäßig mit 21 Assistenzsystemen über das Geschehen im Auto und im Verkehr.

Tesla lässt grüßen
Das Cockpit ist minimalistisch gehalten. Es gibt zwei Displays - aber keine Schaltknöpfe. Dafür sind die Oberflächen fein eingekleidet.
Tesla lässt grüßen
Das Cockpit ist minimalistisch gehalten. Es gibt zwei Displays – aber keine Schaltknöpfe. Dafür sind die Oberflächen fein eingekleidet.

Beim Thema Batterie- und Ladetechnik verzichtet Leapmotor ganz bewusst auf teure Prestigeprojekte. Während größere Modelle wie das SUV C10 mit moderner 800-Volt-Architektur (aber dürftiger Ladeleistung von maximal 180 kW) vorfahren, begnügt sich der B03X mit einem 400-Volt-System. Giacalone begründete diesen Schritt ganz pragmatisch mit den Kosten: 800 Volt seien im B-Segment schlicht nicht wirtschaftlich darstellbar, wenn das Auto für breite Schichten erschwinglich bleiben soll. Zwar könne der Akku dank 2,5C-Ladefähigkeit mit bis zu 133 Kilowatt Gleichstrom betankt werden, was den Ladehub von 30 auf 80 Prozent in zügigen 16 Minuten erlaubt – doch der Preisdeckel habe stets Vorrang.

Zwei Akkus mit 40 und 53 kWh kWh Kapazität

Auch Feststoffbatterien erteilte Giacalone vorerst eine Absage, da ein Kleinwagen für 45.000 Euro am Marktbedürfnis vorbeigehe. Stattdessen setzt Leapmotor weiterhin voll auf moderne Lithium-Eisenphosphat-Zellen (LFP), die im B03X entweder mit 39,8 kWh für 292 Kilometer oder mit 53,0 kWh für bis zu 382 Kilometer nach WLTP angeboten werden. Beide Ausführungen verfügen zudem über eine V2L-Funktion (Vehicle-to-Load), um externe elektrische Verbraucher direkt aus der Fahrbatterie zu versorgen.

Auch abseits des reinen Akkupakets zeigt die technische Basis eine durchdachte und praxisgerechte Auslegung für den mitteleuropäischen Ganzjahresbetrieb. An der heimischen Wallbox zieht der serienmäßige On-Board-Lader dreiphasig Wechselstrom mit bis zu 11 kW, während eine ab Werk verbaute Wärmepumpe das thermische Management übernimmt und verhindert, dass die Reichweite bei winterlichen Temperaturen drastisch einbricht.

Langsam, aber stetig 
Wechselstrom lädt der Leapmotor B03X mit 11 kW, Gleichstrom mit maximal 133 kW. Immerhin beherrscht er das bidirektionale Laden. 
Foto: Rother
Langsam, aber stetig
Wechselstrom lädt der Leapmotor B03X mit 11 kW, Gleichstrom mit maximal 133 kW. Immerhin beherrscht er das bidirektionale Laden.
Foto: Rother

Beim komfortorientierten Fahrwerk vertraut Leapmotor auf eine solide Kombination aus McPherson-Federbeinen an der Vorderachse und einer platzsparenden Verbundlenkerkonstruktion hinten, kombiniert mit Scheibenbremsen an allen vier Rädern und Reifen im Format 215/50 R18 auf 18-Zoll-Leichtmetallfelgen.

Um den Wagen den individuellen Gewohnheiten anzupassen, lässt sich das Fahrverhalten über das Infotainment feinjustieren: Zur Wahl stehen jeweils drei vorkonfigurierte Modi für das Ansprechverhalten des Antriebs, die Lenkkraftunterstützung sowie die Intensität der Rekuperation. Einziges Problem: Die Wahl der Fahrmodi erfolgt in Tesla-Manier über den Zentralbildschirm. Und die Menüstruktur ist vorsichtig formuliert gewöhnungsbedürftig. Und das Angebot an Individualisierungsmöglichkeiten ist so groß, dass es wahrscheinlich ein paar Tage braucht, um alles nach seinen persönlichen Bedürfnissen einzustellen.

Rasantes Wachstum unterm Stellantis-Dach

Was nicht heißt, dass ein Update hier alsbald Verbesserungen bringt. Die strategischen Einblicke, die der Markenchef gewährte, verdeutlichen das enorme Tempo des Newcomers. In den ersten acht Monaten dieses Jahres lieferte Leapmotor international bereits über 105.000 Autos aus – das Gros davon (rund 80.000 Einheiten) landete in Europa. Im Gesamtjahr 2025 wurden hier erst 47.500 Fahrzeuge abgesetzt. Die Einbindung von Leapmotor in das Vertriebsnetz des Stellantis-Konzerns macht sich hier bezahlt.

Francesco Giacalone
Effizienz-Fanatiker
Francesco Giacalone, Leiter für Markenstrategie, Produkt und Marketing bei Leapmotor International, träumt von einem Elektroauto, das selbst bei Richtgeschwindigkeit auf der Autobahn mit echten 12 bis 13 Kilowattstunden Strom auskommt. Bilder: Leapmotor

Während Deutschland von Beginn an den größten Markt bildet und Großbritannien vor allem beim größeren C10 zugreift, erlebt Portugal aufgrund hoher Benzinpreise derzeit einen regelrechten Leapmotor-Boom, berichtete Giacalone. Um Zölle zu umgehen und logistische Wege zu verkürzen, nutzt das Joint Venture konsequent das Fertigungsnetzwerk von Stellantis: Nach der Kleinwagenmontage des T03 im polnischen Tychy läuft im spanischen Saragossa gegen Monatsende die Serienproduktion des kompakten B10 an. Ein ähnliches Modell von Opel wird im kommenden Jahr folgen.

Hochgeschwindigkeitszug trifft auf Weltraumbehörde

Dass diese Kooperation auch kulturelle Unterschiede zutage fördert, schilderte Giacalone mit einer Prise Humor: Die Zusammenarbeit gleiche dem Aufeinandertreffen eines chinesischen Hochgeschwindigkeitszugs mit der akribischen Kontrollkultur einer europäischen Raumfahrtbehörde. Während die Abstimmung einer neuen Karosseriefarbe bei europäischen Herstellern samt Zuliefererschleifen leicht drei bis vier Monate in Anspruch nehme, werde der Wunsch im chinesischen Stammwerk montags formuliert – und am Mittwochmorgen stünden vier fertig lackierte Bauteile zur Auswahl bereit.

Diese enorme Umsetzungsgeschwindigkeit gepaart mit kompromissloser Preiskalkulation macht den Leapmotor B03X zu einem bemerkenswert ernsthaften Herausforderer im Segment der kompakten Elektro-Crossover. Auch wenn die Kannibalisierungsrate angeblich nur gering ist – einige Marken des Stellantis-Konzerns müssen aufpassen, nicht unter die Räder zu kommen und vom Newcomer überrollt zu werden.

Artikel teilen

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert