Er war hübsch anzusehen und bot auch einer Familie samt Reisegepäck ordentlich Platz, der Elektroantrieb versprach mit einer Spitzenleistung von Antrieb versprach obendrein mit bis zu 453 Kilometern eine ordentliche Reichweite und war mit einem Basispreis von rund 35.290 Euro – vor Umweltbonus und Innovationsprämie – auch für Normalverdiener erschwinglich: Der vollelektrische Kia Niro war seit der Markteinführung im Spätherbst 2018 ein Erfolgsmodell.

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Kia Niro EV „Inspiration“

Länge/Breite/ Höhe/Radstand (in mm): 4420/1825/1570/2720;
Frontantrieb mit 150 kW (204PS) Leistung und 255 Nm Drehmoment;
Akkukapazität 64,8 kWh für 460 km Reichweite (WLTP-Norm);
Höchstgeschwindigkeit: 167 km/h, 0-100 km/h in 7,8 Sekunden;
Ladeleistung AC: 11 kW, DC: 86 kW
Basispreis: 47.590 Euro.

In den USA und in Großbritannien wurde der Stromer zum „Auto des Jahres“ gekürt, in Schweden ist der Fronttriebler seit Monaten das meistverkaufte Elektroauto. Und auch in Deutschland behauptete sich der kompakte E-SUV gut in den Verkaufsstatistiken – seit der Modelleinführung wurden hierzulande immerhin rund 34.000 Exemplare des e-Niro auf die Straße gebracht. Noch noch in den ersten Monaten dieses Jahres entfielen drei Viertel aller Neuzulassungen des Niro (den es auch mit Hybridantrieben gibt) auf den Vollstromer.

Klare Kante 
Die Designer des Kia Niro haben einen guten Job gemacht - und Intelligenz bewiesen: Um die Aerodynamik zu verbessern und die Heckscheibe sauber zu halten, wird der Fahrtwind hinter der C-Säule durch einen Kanal geführt. Bilder: Kia
Klare Kante
Die Designer des Kia Niro haben einen guten Job gemacht – und Intelligenz bewiesen: Um die Aerodynamik zu verbessern und die Heckscheibe sauber zu halten, wird der Fahrtwind hinter der C-Säule durch einen Kanal geführt. Bilder: Kia

Und nun kommt die zweite Generation des Bestsellers auf den Markt, mit geschärftem Design und einem komplett neuen Cockpit im Stil des Kia EV6, mit vielen Optimierungen am Antrieb und in den technischen Details sowie einen Tick mehr Reichweite und Platzangebot. Und mit einem neuen Namen: Aus dem e-Niro wurde ein Niro EV.

Neue Formensprache aus Korea

Wir konnten das neue Modell kürzlich rund um Frankfurt schon einmal zur Probe fahren – und waren durchaus angetan von der Arbeit der Kia-Ingenieure und -Designer. Die Erfolgsgeschichte des Modells könnte durchaus weiter gehen. Erst recht nach den geplanten Modellpflegemaßnahmen, die schon im kommenden Jahr greifen sollen. Aber der Reihe nach.

Dass bei Hyundai und Kia in Südkorea erstklassige Designer arbeiten, wissen wir schon länger. Ob Kia EV6 oder Sportage, Hyundai Ioniq 5 oder Staria – die neuen Autos aus Fernost lassen die Liebhaber der edlen Formgestaltung mit der Zunge schnalzen. Auch der neue Niro ist ein echter Hingucker geworden, mit einem prägnanten „Tigergesicht“ und einer dynamischen Seitenlinie, die in einer (auch in Kontrastfarben erhältlichen) „Aero“-C-Säule mündet: Hinter dem letzten Seitenfenster strömt der Fahrtwind durch einen Kanal unter den Heckleuchten hindurch auf die Heckscheibe. Das soll dort nicht nur ganz praktisch Regentropfen vertreiben, sondern auch für eine bessere Aerodynamik – und damit einen geringeren Energieverbrauch.

Alles zur Hand 
Trotz Touchscreen findet der Fahrer im Niro EV immer noch eine Vielzahl von Direktwahltasten vor, unter anderem zur Steuerung der Radio-Lautstärke und der Temperierung des Innenraums. Mittelkonsole und Lenkrad teilt der Stromer mit dem Kia EV6.
Alles zur Hand
Trotz Touchscreen findet der Fahrer im Niro EV immer noch eine Vielzahl von Direktwahltasten vor, unter anderem zur Steuerung der Radio-Lautstärke und der Temperierung des Innenraums. Mittelkonsole und Lenkrad teilt der Stromer mit dem Kia EV6.

Auch der Innenraum wurde ordentlich aufgefrischt. Es gibt neue Sitze, ansehnliche neue Öko-Materialien und ein komplett neues volldigitales Cockpit im Stil des EV6, mit einem großen Panoramadisplay und einer zentralen, bedienerfreundlichen Schalteinheit. Während Volkswagen Tesla nacheifert und möglichst alles preiswert über einen Touchscreen zu steuern versucht, gibt es im Kia weiterhin zahlreiche Direktwahltasten etwa für Klimatisierung und für das Infotainmentsystem. Entsprechend kurz fällt die Eingewöhnungszeit ein.

Mehr Platz, aber nicht mehr Leistung

Das Raumangebot vorne wie hinten war schon im Niro der ersten Generation gut – und ist im um sechs Zentimeter auf 4,42 Meter Länge angewachsenen Modell der zweiten Generation spürbar besser geworden. Der Kofferraum wuchs gar um 24 Liter, was den fünfsitzigen Niro zu einem echten Familienauto macht.

Auch den Antrieb haben die Kia-Ingenieure verbessert, wenngleich die technischen Daten keine großen Sprünge verheißen. Die Antriebsleistung beträgt weiterhin 150 kW oder 204 PS, auch Höchstgeschwindigkeit (167 km/h) und Beschleunigung (0-100 km/h in 7,8 Sekunden) blieben unterverändert. Die Norm-Reichweite wird nun mit 460 statt mit 455 Kilometern angegeben – unter anderem, weil die Akkukapazität um 0,8 auf nunmehr 64,8 Kilowattstunden (kWh) anstieg.

Trotzdem wird man wohl im Alltagsverkehr – außerhalb der Stadt und auch bei Benutzung von deutschen Autobahnen – kaum über 400 Kilometer hinaus kommen. Unsere kleine Testfahrt, das wollen wir hier schon einmal verraten, endete mit einem Durchschnittsverbrauch von 21,5 kWh/100 km. Rein rechnerisch hätten wir also schon spätestens nach 300 Kilometern eine Ladesäule aufsuchen müssen.

Niro schwächelt am Schnelllader

Kein Fortschritt also?

Auf dem Papier vielleicht nicht – in der Fahrpraxis doch. Denn die Ingenieure haben den Drehmomentverlauf optimiert und obendrein das Fahrzeugs um über 50 Kilogramm erleichtert. Das lässt den Stromer spürbar leichtfüßiger den Großen Feldberg hinaufhetzen und um die Kurven flitzen. Ja, da kommt Fahrfreude auf.

"Tigernase" mit Beleuchtung 
Die Ladeklappe des vollelektrischen Niro befindet sich nun an zentraler Stelle in der Front. Der Anschluss ist nun auch beleuchtet.
„Tigernase“ mit Beleuchtung
Die Ladeklappe des vollelektrischen Niro befindet sich nun an zentraler Stelle in der Front. Der Anschluss ist nun auch beleuchtet.

Unverständlich aber ist, warum die Kia-Ingenieure den Modellwechsel und die Umstellung auf die neue, K3 genannte Multi-Energy-Plattform nicht genutzt haben, um die Ladeleistung des Niro EV zu verbessern. Wechselstrom lädt der neue Stromer dreiphasig mit bis zu 11 kW. Aber am Schnelllader zieht er Gleichstrom weiterhin nur mit maximal 86 kW. Vor drei Jahren war das ein ganz passabler Wert. Inzwischen aber hat sich die Welt weitergedreht – weniger als 100 kW sind nicht mehr zeitgemäß. Die Wettbewerber vom Schlage eines VW ID.3 oder eines Renault Mégane E-Tech gehen inzwischen mit 130 kW an den Start und bereiten Software-Updates für noch höhere Ladeleistungen vor.

Intelligente Ladeplanung kommt noch

Wie Kia-Produktmanager Gregor Krumboeck am Rande der Fahrpräsentation einräumt, hätte auch er gerne schon zur Einführung des neuen Modells eine höhere Ladeleistung vorgewiesen. Die Ingenieure in Korea hätten ihn aber damit auf das nächste Facelift vertröstet. Auch „Plug&Charge„, also die Möglichkeit, die Kontodaten für das Laden des Stroms im Fahrzeug zu hinterlegen, stehe noch auf der To-do-Liste. Fest eingeplant ist allerdings schon eine vorausschauende Ladeplanung über das Navigationssystem – derzeit muss auf Fernfahrten der Ladestopp unterwegs noch händisch eingegeben werden. Die Vorkonditionierung des Akkus soll allerdings schon jetzt funktionieren.

Jede Menge Platz
Mit einem Gepäckraum-Volumen von 475 bis zu 1392 Litern ist der Kia Niro EV durchaus familientauglich. Zudem gibt es die Möglichkeit, mit einem kleinen Anhänger auf die Reise zu geben: Bis zu 750 Kilogramm können an den Haken genommen werden.

Es gibt also durchaus noch Luft nach oben und Potenziale für Modellpflegemaßnahmen. Aber erst einmal gilt es, die ersten Fahrzeuge in den Handel zu bringen. Etwa 3000 Exemplare des neuen Niro EV will Kia Deutschland in diesem Jahr noch absetzen – solange es Umweltbonus und Innovationsprämie noch gibt. Für Plug-in-Hybride läuft die Förderung zum Jahresende aus – und für reine Batterieautos dürfte sie im kommenden Jahr mit Blick auf Kassenlage und Stromversorgung zumindest reduziert werden.

Kia Niro EV vorerst nur in Topausstattung

In der Deutschlandzentrale von Kia haben sich die Marketingstrategen deshalb auch entschieden, den Niro EV vorerst nur in einer „Inspiration“ genannten Topversion mit dem 64,8 kWh-Akku anzubieten. Varianten mit kleinerem Akku und reduzierter Ausstattung sollen erst im Laufe des nächsten Jahres nachgereicht werden – wenn die Rahmenbedingungen feststehen.

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So beginnt der „Spaß“ nun erst einmal bei 47.590 Euro und damit rund 1800 Euro oder vier Prozent über dem bisherigen Topmodell. Der Preis für den frontgetriebenen Niro EV liegt damit sogar noch 600 Euro über dem Einstiegsmodell des Kia EV 6 mit 58 kWh-Akku und 125 kW starkem Heckantrieb. Und das ist durchaus Absicht, wie Produktmanager Krumboeck sagte: „Der Niro EV hört da auf, wo der EV6 anfängt.“

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1 Kommentar

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    Ich verstehe nicht, wieso der E-Niro sich so gut verkauft, eine Ladeleistung von max. 87KW ist für mich vollkommen inakzeptabel.
    Zudem kann er keine OTA-Updates und keine intelligente Ladeplanung. Die Materialien im Innenraum sind wie beim ID.3 auch überwiegend aus Hartkunststoff, aber niemand scheint sich hier (bei gleichen Preisen) daran zu stören.
    Das Design ist sicher Geschmacksache, ich persönlich mag es überhaupt nicht und die Eingewöhnung an viele Knöpfe empfinde ich als langwieriger als bei einer aufgeräumten Softwarestruktur.
    Alles in allem würde ich dem Kona in dieser Klasse immer einen ID.3 vorziehen und so habe ich mich nach gründlicher Prüfung dann auch beim Kauf entschieden.

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