Wer, wenn nicht Lotus? Zwar haben sich die schrulligen Briten lange gegen den Elektroantrieb gestemmt. Denn vordergründig war er natürlich zu schwer für eine Marke, die ihre einzige Lebensberechtigung im kompromisslosen Leichtbau hatte. Und hintergründig war die Umstellung schlicht zu teuer für den chronisch klammen englischen Patienten, der noch nie so recht auf einen grünen Zweig gekommen und in den letzten Jahrzehnten immer wieder an der Pleite vorbei geschrappt ist.

Doch eigentlich ist keine Marke prädestinierter für die Generation E als Lotus. Schließlich waren die Briten die Geburtshelfer für Tesla und ohne die Elise als Basis für seinen Roadster hätte Elon Musk bis heute vielleicht auch noch kein Model S, kein Model X, kein Model Y und kein Model 3 und in Grünheide würden sich auch weiterhin Fuchs und Hase gute Nacht sagen.

Ein schöner Rücken…
Die Designer des ersten SUV von Lotus haben gute Arbeit geleistet und eine originelle Linienführung geschaffen. Fotos: Lotus

Dumm nur, dass das niemand erkennen wollte. Denn zumindest die Petrolheads haben tapfer weiter vom Purismus einer Elise oder eines Exige geschwärmt und die leichten Mädchen von der Insel in den Himmel gelobt. Nur gekauft haben sie die Autos eben nicht, oder zumindest nicht so oft, dass Lotus davon hätte leben und eine Zukunft haben können.

Lotus blüht unter den Chinesen wieder auf

Doch dann kam der chinesische Gigant Geely, hat seine pralle Schatztruhe geöffnet und sich die Briten einverleibt. Nicht, dass die Chinesen neben ihren eigenen Gewächsen nicht schon genügend europäische Marken hätten – schließlich gehören ihnen bereits Volvo, Polestar sowie Lynk &Co. Sie haben das London Taxi gekauft und elektrisch neu aufgegleist, wollen Smart als elektrische SUV-Marke aus China in die Zukunft führen und sind mit einem Anteil von 9,7 Prozent mittlerweile größter Einzelaktionär bei Daimler. Doch eine sportliche Luxusmarke für die Generation E kam ihnen offenbar gerade recht. Und gemessen am guten Klang des Namens war das Investment offenbar überschaubar.

Im Stil der Zeit
Auch im Lotus Eletra liefert ein Touchscreen in der Mittelkonsole all die Informationen, die ein Autofahrer heutzutage so braucht.

Das ist jetzt fünf Jahre her und so langsam blüht Lotus mit dem chinesischen Dünger tatsächlich wieder auf. Ja, für die ewig Gestrigen durften sie auch noch ein letztes Mal eine Sportwagenplattform nach alter Väter Sitte entwickeln, auf der jetzt bald der Elise-Nachfolger Emira an den Start geht. Doch bei der Elektro-Community stehen de Briten mittlerweile vor allem für den Evija, der als Hypercar mit 1471 kW oder knapp 2000 PS zum einzigen Konkurrenten für den Rimac Nevera und seinen Zwilling Pininfarina Battista aufgestiegen ist.

SUV Eletra eröffnet E-Offensive

Und das war nur der Anfang. Denn längst gibt es einen sehr konkreten Fahrplan für vier weitere elektrische Modelle, die sich die Chinesen reichlich was kosten lassen. Denn weil Lotus das am Stammsitz in Hethel alleine weder entwickeln noch produzieren kann und die paar Kollegen im Technology Center nahe des Frankfurter Flughafens bei so einem Mammut-Projekt auch keine große Hilfe sind, haben sie den Briten auch noch ein neues Entwicklungszentrum und ein Werk mit einer Jahreskapazität von etwa 150.000 Fahrzeugen versprochen. Nur dass der neue Lotus-Garten nicht im Vereinigten Königreich angelegt wird, sondern in der chinesischen Provinzmetropole Wuhan, die Corona sei dank mittlerweile jeder kennt.

Außenkamera statt Außenspiegel
Wie beim Audi e-tron, dem Honda e und dem Lightyear One schauen auch beim Lotus zwei Kameras, ob der Verkehr folgen kann.

Das erste Auto, das in dieser Konstellation entstanden ist, wurde jetzt in London enthüllt. Ab dem nächsten Frühjahr soll es in Wuhan vom Band laufen. Es ist – und auch das ist eine Premiere für den Sportwagenhersteller – ein SUV. Aber nicht irgendeines. Sondern wenn die Briten schon mit ihren Traditionen brechen, dann richtig. Deshalb steigen sie ganz oben ein und fangen die Blicke mit einem Boliden, der selbst den Lamborghini Urus zahm und zierlich aussehen lässt. Vom weltweit ersten elektrischen Hyper-SUV war immer wieder die Rede, als die Tücher vom Eletra gezogen wurden und das erstaunte Publikum zum ersten Mal auf die provozierend protzige Skulptur von 5,10 Meter starren konnte.

265 km/h Spitzengeschwindigkeit

Die neue Spitzenstellung in einem Segment, in dem es bis dato nur vergleichsweise nüchterne Autos wie den BMW iX, den Audi E-tron und natürlich das Tesla Model X gibt und selbst ein Mercedes EQS SUV vergleichsweise praktisch und pragmatisch auftritt, lockt Lotus mit einem Übermaß an Leistung und Fahrdaten. Damit wollen die Briten über ein paar Designdetails hinaus die Nähe zum Supersportler Evija unterstreichen. Zwar reicht es nicht ganz für die 2.000 PS des ultimativen Tieffliegers, sondern es müssen um die 600 PS genügen.

Doch erstens sinkt so der Preis auch von weit über zwei Millionen auf geschätzte 200.000 Euro. Und zweitens dürfte der Eletra auch damit noch ganz vorne mitfahren: Von 0 auf 100 km/h jedenfalls wird er es in weniger als drei Sekunden schaffen, versprechen die Briten. Und wer den Fuß nur lange genug stehen lässt, hat bald mehr als 265 km/h auf dem natürlich digitalen Tacho. Andere E-SUV verschwinden da meist schon im Rückspiegel und auch für Verbrenner wird die Luft in diesen Regionen langsam dünn.

100 kWh-Akku und 800-Volt-Architektur

Die Energie für solche eine Rennerei liefert ein Akku mit mehr als 100 kWh, der auf 800 Volt-Basis arbeitet. Er soll für rund 600 Kilometer reichen und auch beim Boxenstopp Tempo machen: Weil der Lotus mit bis zu 350 kW am Gleichstrom-Stecker zieht, fließt binnen 20 Minuten im besten Fall der Strom für 400 Kilometer.

Stattliche Erscheinung
Mit einer Länge von 5,10 Metern unterbietet der Lotus Eletra den mächtigen Lamborghini Urus nur um einen Zentimeter.

Zwar verspricht Lotus ein direktes Fahrerlebnis fast so wie man es von Elise & Co kennt – wie auch immer das mit einem derartig großen und schweren Brocken gehen kann. Doch wissen die Briten selbst, dass individuelle Fahrfreude in diesem nicht das allein seligmachende Kriterium ist. Deshalb rüsten sie den Eletra mit mehr Assistenzsystemen denn je und haben ihn mit einem versenkbaren Lidar-Sensor sogar fit gemacht fürs autonome Fahren. In gar nicht mehr allzu ferner Zukunft sollen die Kunden deshalb die Hände in den Schoß legen und den elektronischen Co-Piloten seinen Job machen lassen.

Elektro-Coupé folgt als nächstes

Warum man dafür dann allerdings noch ein Hyper-SUV braucht, das wissen die Götter – oder eben die Chinesen. Und vielleicht sogar der gesunde Menschenverstand. Schließlich wird der Eletra weniger auf der Rennstrecke unterwegs sein als in der Rushhour, wo das Fahren nicht immer ein Vergnügen ist – selbst mit mehr als 440 kW.

Während der Eletra noch immer eine vergleichsweise elitäre Übung ist, die nur eine schmale Zielgruppe bedient, gehen die Briten mit chinesischer Hilfe danach in die Breite: Schon Anfang nächsten Jahres wollen sie ein viertüriges Elektro-Coupé bringen mit wieder etwas geringerem Preis und dafür größeren Stückzahlen bringen, bevor dann 2024/2025 ein weiteres SUV und 2026 ein völlig neuer Sportwagen auf einer elektrischen Architektur kommt. Den wird es dann ganz im Geist der Elise auch als elektrischen Roadster geben. Dank einem gewissen Herrn Musk wissen die Briten ja jetzt, wie das geht.

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