Die Idee des damaligen Seat-Chef Luca de Meo war einfach genial. 2018 erhob er die sportliche Ausstattungslinie Cupra zur Eigenmarke und positionierte sie im Premiumsegment. Die Rechnung ging auf: Die „Performance Brand“ legte mit der Produktion von einer Million Autos in sieben Jahren eine phänomenale Entwicklung hin und beschert dem Volkswagen-Konzern mit hochpreisigen Fahrzeugen seitdem ordentliche Gewinne.
Eine ähnliche Erfolgsgeschichte hatte sich wohl Carlos Tavares versprochen, als er 2015 die Citroën-Submarke DS als Luxusmarke in die Selbständigkeit entließ. „Um die Preise zu halten oder sogar zu erhöhen. Und damit auch die Margen zu erhalten“, wie der damals frischgebackene Chef des damaligen PSA-Konzerns den überraschenden Move erklärte. Doch hier ist die Rechnung bislang nicht aufgegangen: DS Automobiles ist eines der Sorgenkinder im heutigen Stellantis-Konzern. Statt satten Gewinnen hat die Marke bislang nur Verluste eingefahren.

In Frankreich wird der Staatspräsident inzwischen mit dem neuen DS durchs Land chauffiert. Inzwischen auch Normalsterbliche die Finessen des neuen Elektroautos genießen, das in einem früheren Fiat-Werk in Italien montiert wird. Foto: Dani Heyne für Stellantis.
Gerade einmal 42.000 Fahrzeuge der Marke wurden 2024 weltweit abgesetzt, keine 4000 davon in Deutschland. Und Ende des Jahres 2025 sieht es nicht nach einer baldigen Trendwende aus. Im Gegenteil: Bis Ende November wurden mit 25.751 Einheiten in Europa 22,8 Prozent weniger Fahrzeuge verkauft als im Vorjahreszeitraum. In Deutschland fanden im gleichen Zeitraum nur 2616 Autos einen Käufer – über 16 Prozent weniger als noch im Jahr zuvor.
Vor dem Hintergrund ist es verständlich, dass sich Tavares-Nachfolger Antonio Filosa angeblich überlegt, die Tochtergesellschaft wieder zu einer bloßen Ausstattungslinie von Citröen herabzustufen – oder DS Automobiles gleich ganz zu beerdigen. „Das ist eine der diskutierten Möglichkeiten“, sagte ein Stellantis-Manager kürzlich der Automobilwoche.
Neustart mit neuen Typenbezeichnungen
Aber noch gibt sich die Marke nicht geschlagen: Auf der Brüssel Motor-Show (9.-18. Januar) wollen die Franzosen auf einem aufwändig gestalteten, 300 Quadratmeter großen Stand ihre komplette, mehr oder minder elektrifizierte Modellpalette auffahren – vom kompakten DS3 in der Ausführung Performance Line über den neuen DS N°4 und den bekannten DS7 als edlen Étoile bis hin zum DS N°8, dem neuen vollelektrischen Spitzenmodell.
Mit dem „Nummer Acht“ will die Marke „nahtlos“ an die Avantgarde des historischen DS aus dem Jahr 1955 und des Sportwagens SM aus dem Jahr 1970 anknüpfen – und den glücklosen wie kurzlebigen DS9 vergessen machen: In drei Jahren waren von dem in China produzierten Modell in Deutschland lediglich 230 Einheiten verkauft worden.

Der Innenraum des neuen Topmodells glänzt nicht nur dank feiner Oberflächen, sondern auch mit einem üppigen Platzangebot. Das Vierspeichen-Lenkrad erinnert an die Frühzeit des Automobils. Damals war der Lenkradkranz allerdings noch aus Holz. Fotos: DS
Das neue Topmodell, das am Heck in großen Lettern den vollständig ausgeschriebenen Firmennamen statt des kunstvollen DS-Logos trägt, ist mit 4,82 Metern elf Zentimeter kürzer als der Vorgänger (4,93 Meter). Und es wird ausschließlich mit einem Elektroantrieb angeboten – den DS9 gab es nur als Plug-in-Hybrid, zu Preisen zwischen 58.910 und 82.800 Euro.
Der neue Vollstromer bewegt sich mit Preisen zwischen 57.700 Euro in der Pallas-Ausführung und 77.000 Euro für die Topversion „Jules Verne“ in einer ähnlichen Preisrange. Und das, obwohl er statt im Billiglohnland China im ehemaligen Fiat-Werk im süditalienischen Melfi vom Band läuft. Zusammen übrigens mit dem neuen Jeep Compass. Denn das SUV-Coupé sitzt auf der gleichen Konzernplattform STLA Medium, die neben dem Opel Grandland auch der Peugeot 5008 sowie der Citroën C5 Aircross nutzen – Synergien werden bei Stellantis bekanntlich groß geschrieben.
Mit viel Liebe zum handwerklichen Detail
Technische Besonderheiten sind insofern allerdings von der Nummer Acht nicht zu erwarten. Wie etwa der Citroën e-C5 Aircross oder der Opel Grandland Electric gibt es den DS mit Front- und Allradantrieben und mit Lithium-Ionen-Akkus, die je nach Ausführung 74 oder 97 kWh Strom speichern können. Mit der kleinen Batterie sind im DS Reichweiten von 550 Kilometer darstellbar, mit der großen kommt man dank der aerodynamisch günstigen Karosserie mit einem cW-Wert von 0,24 angeblich sogar bis zu 750 Kilometer weit. Die Topversion des DS geht mit einer Spitzenleistung von 257 kW oder 350 PS zudem deutlich kraftvoller zu Werke als die Cousins und darf bis auf 190 km/h sprinten. Den „armen“ Verwandten geht bereits bei 170 oder 180 km/h die Luft oder der Strom aus. Adel verpflichtet oder „Noblesse oblige“, wie der Franzose sagen würde.

Am Heck der neuen DS-Modelle prangt nun in großen Lettern die komplette Markenbezeichnung. Ob das hilft, die Markenbekanntschaft und damit die Verkaufszahlen zu erhöhen, bleibt abzuwarten. Der DS N°8 Im Hintergrund der neue Jeep Compass, der die gleiche Plattform wie der DS Nummer Acht besitzt.
Das gilt auch für die Ausgestaltung des Innenraums. Einen beleuchteten Kühlergrill in den Farben der Französischen Republik und Strohintarsien wie bei der Sonderausführung „Présidentielle“ für Staatspräsident Emmanuel Macron gibt es in der von uns getesteten Pallas-Version für Normalsterbliche zwar nicht. Aber von Handwerkskunst zeugen auch hier zahlreiche Details und feine Oberflächen. Etwa Sitzbezüge mit Armbandmuster oder geprägte Clous-de-Paris-Einsätze am Lenkrad oder Perlenstickereien an der Armaturentafel.
Wer solche Feinheiten noch zu schätzen weiß, wird schon hieran seine Freude haben. An kalten Wintertagen aber sicher noch mehr an der (aufpreispflichtigen) Möglichkeit, um seinen Hals einen Schal aus Warmluft legen zu können: Unterhalb der Kopfstütze sitzt ein kleiner Föhn als Nackenwärmer. Dergleichen konnte man bislang nur von Cabriolets der Luxusklasse.
Hoher Fahrkomfort auch ohne Hydropneumatik
Ein hydropneumatisches Fahrwerk, mit dem die als „Göttin“ verehrte Citroën DS von 1955 glänzte, sucht man im gut zwei Tonnen schweren DS N°8 allerdings vergeblich. Auf Wunsch und gegen Aufpreis lässt sich das vergleichsweise schnöde Basis-Stahlwerk immerhin mit einer „active Scan Suspension“ – adaptiven Dämpfern – verfeinern. Im Komfort-Modus sucht dann eine Frontkamera die vor dem Fahrzeug liegende Fahrbahn auf Unebenheiten ab, um das Fahrwerk zusammen mit den von sieben Sensoren zugelieferten Daten blitzschnell darauf abzustellen. Das funktioniert ganz gut, der Fahrkomfort ist auf der Autobahn wirklich ausgezeichnet. Aber das Gefühl, wie auf einem fliegenden Teppich durch die Landschaft zu stromern, stellte sich auf unserer Testrunde mit dem immerhin rund 70.000 Euro teuren Elektroauto nicht ein.

Bis hin zur LED-Heckleuchte ist der DS N°8 fein gestaltet. Den Designern kann man keinen Vorwurf machen, wenn sich das Modell nicht verkaufen sollte wie erhofft.
Die Lenkung war dafür erfreulich direkt, das Lenkrad selbst mit seinen vier Speichen und angehängten Bedien-Satelliten dafür etwas gewöhnungsbedürftig. Hier haben die Designer der Extravaganzen ein wenig zu viel getan. Zur Erinnerung: Beim natürlich noch Airbag-freien Urahnen reichte eine Speiche, um den Lenkradkranz mit der Lenkstange zu verbinden. Die vier Speichen weisen hingegen eher in die Frühzeit des Automobils. Aber auch hier gilt: Alles Geschmackssache.
„Einzigartige Kreation“ wartet in Brüssel
Löblicher fanden wir die niedrigen Verbrauchswerte, die der Bordcomputer am Ende der Testfahrt mit dem elektrischen Luxusliner ausspuckte: 20,9 kWh/100 km sind bei winterlichen Temperaturen nur wenige Grad über dem Gefrierpunkt und ein paar Zwischensprints auf der Autobahn durchaus respektabel. Damit kann die Nummer Acht durchaus glänzen. Aber ob das ausreicht, um gegen die Edel-Elektro-Konkurrenz aus Deutschland, Südkorea oder China bestehen zu können?
Zumal die maximale Ladeleistung an der Schnellladesäule mit 160 kW für einen Fernstrecken-Stromer inzwischen eher unterdurchschnittlich ist. Allein 31 Minuten dauert es nach Angaben des Herstellers, um den Ladestand des Akkus von 20 auf 80 Prozent anzugeben. Bei einem nur noch zu 10 Prozent gefüllten Akku kommen noch etwa zehn Minuten Ladezeit obendrauf: Da bleibt viel Zeit, um der Musik des Focal-Soundsystems zu lauschen.
Markenchef Xavier Peugeot hat für die Automesse in Brüssel noch eine „einzigartige Kreation“ versprochen. Vielleicht gibt uns die ja einen Hinweis darauf, wie DS seine Daseinsberechtigung im neuen Jahr zu untermauern gedenkt. Wir sind gespannt.