Pham Nhat Vuong ist ein Mann mit einer Vision – und mit den Mitteln, diese auch umzusetzen. Denn seine vor nicht einmal 30 Jahren in der Ukraine gegründete VinGroup ist mittlerweile nicht nur eines der größten Privatunternehmen in ganz Asien, das in Vuongs Heimatland Vietnam vom Krankenhaus über Supermärkte und Freizeitparks bis zum Ferienressort so ziemlich alles betreibt, womit sich Geld verdienen lässt. Sondern die Firmengruppe hat ihn auch zum ersten Milliardär und damit zum reichtsten Mann Vietnams gemacht. Einen Teil dieses Vermögens hat Vuong in seinen nächstes Abenteuer gesteckt und damit vor vier Jahren den Automobilhersteller VinFast gegründet.

Europa-Offensive soll 2022 starten

Und nachdem der daheim in Vietnam mit einer Reihe von Limousinen und SUV auf Basis von BMW-Lizenzen ziemlich erfolgreich ist, wagt er jetzt den nächsten Schritt und will seiner Heimat einen gebührenden Platz auf der automobilen Weltkarte einräumen: Ab dem nächsten Jahr soll VinFast ins Ausland expandieren und die Vietnamesen nach den Japanern, Koreanern und Chinesen zu den nächsten Aufsteigern aus Asien machen, die ihr Glück in Europa suchen.

VinFast Fabrik
Jede Menge Platz für Erweiterungen
Das neues Automobilwerk auf der künstlichen Insel Cat Hai erstreckt sich über ein Gelände von 365 Hektar. Foto: Vinfast

Anders als die Flotte für den Heimatmarkt werden die Export-Modelle allerdings keine Verbrenner mehr sein. Sondern auch Vinfast reitet auf der Welle der Elektrifizierung und will sich wie Tesla, Polestar, Nio und Aiways als reine E-Marke etablieren. Die Autos dafür werden gemeinsam mit deutschen Zulieferern wie Bosch oder ZF entwickelt, mit asiatischen Batterien bestückt und von Italienern eingekleidet: Das Design verantwortet Pininfarina in Turin.

Akkus mit 90 und 106 kWh Kapazität

Zwar werden die finalen Entwürfe von VF e35 und VF e36, die mit 4,75 und 5,13 Metern Länge in etwa das Format von BMW iX3 und Tesla Model X haben, erst im Spätherbst zur Premiere auf der Autoshow in Los Angeles (19. bis 28. November) und der CES in Las Vegas (5. bis 8. Januar 2022) fertig. Das Netz für den Direktvertrieb und den Homeservice ist noch in Planung, zu Leistung und Reichweite der beiden Elektroautos schwiegen sich die Macher bei einer Präsentation dieser Tage in Turin noch aus.

Bei anderer Gelegenheit war noch davon die Rede, dass der VF e35 eine Batterie mit einer Kapazität von 90 kWh für eine Reichweit von über 500 Kilometer bekommen soll und zwei Antriebsvarianten mit 150 kW und 320 Nm Drehmoment sowie mit 300 kW und 640 Nm Drehmoment geplant sind. Für den allradgetriebenen e36 war ein LFP-Akku mit einer Kapazität von 106 kWh im Gespräch, der von VW-Partner Gotion Light geliefert werden könnte. Auch eine Feststoffbatterie ist laut Medienberichten in der Entwicklung. Die Rede war außerdem von einer neuen Ladetechnologie von StoreDot, die den Ladevorgang auf fünf Minuten verkürzen soll.

„Auf jeden Fall im Premium-Segment“

Kein Wort dazu in Turin. Der einzige Hinweis zu den Preisen war dort die erklärte Absicht, „auf jeden Fall im Premium-Segment“ anzutreten, so dass ein vollelektrischer e35 hierzulande wohl nicht unter 50.000 Euro und ein VinFast e36 nicht unter 60.000 Euro zu haben sein dürfte. 

Doch immerhin gibt es schon eine handvoll Animationen und ein paar blumige Ankündigungen, aus denen sich das Bild zweier ziemlich klassischer SUV zeichnen lässt, die mit einem patriotischen V als LED-Signatur im Kühler und einer markanten Fenstergrafik an der Flanke zwar durchaus eigenständig auftreten, die aber weder innen noch außen aus dem üppigen Feld der Konkurrenten herausstechen. Auch von technischen Besonderheiten ist bislang nichts bekannt. VinFast selbst spricht von einem „trendigen High-Chassis-Design“ und verspricht „hervorragende Sicherheits- und Intelligenzmerkmale“ 

Vinfast e36
Design von Pininfarina, Technik von ZF und Bosch
Der über fünf Meter lange Vinfast e36 soll unter anderem dem Tesla Model X Konkurrenz machen. Foto: VinFast

Ähnlich wie Lexus oder jüngst Genesis in der alten Welt fehlt offenbar auch VinFast der Mut für etwas richtig Neues. Dabei sind die Vietnamesen doch angeblich so froh darüber, dass sie keine lange Tradition mit sich herumschleppen müssen und deshalb auf einem weißen Blatt Papier anfangen konnten. 

Neues Werk auf einer künstlichen Insel

Das ist um so verwunderlicher, als dass Firmenchef Vuong ganz sicher kein Feigling ist. Das hat er nicht zuletzt vor zwei Jahren beim Bau der VinFast-Fabrik im nordvietnamesischen Hai Phong bewiesen, bei der er sich in der Wahl des Standorts auch von Wissenschaftlern nicht hat beirren lassen. Und obwohl das hochautomatisierte Werk auf einem geologisch schwierigen Terrain steht und Vuong eigens eine künstliche Insel anlegen musste, hat er die 3,5 Milliarden Dollar schwere Fabrik sogar vor der Zeit aus dem Boden gestampft und nach nur 21 Monaten eröffnet.

Dort hat VinFast jetzt eine Kapazität von jährlich 250.000 Autos installiert, die fürs erste reichen sollte. Doch bei Bedarf können wir auch schnell von Dienstleistern in den jeweiligen Zielregionen fertigen lassen, kündigen die Manager aus Hanoi an. 

Zwar hat Vuong bislang so ziemlich alles geschafft, was er sich vorgenommen hat. Doch hat der Selfmade-Milliardär auch gelernt, dass er für solche Abenteuer die richtigen Partner braucht. Und so hat er für den Sprung ins Ausland einen Autoboss engagiert, der sich in Nordamerika und in Europa bestens auskennt. Denn die Geschäfte bei VinFast führt kein Geringerer als der ehemalige US-Finanzchef des VW-Konzerns und langjährige Vorstandsvorsitzende von Opel – Michael Lohscheller.  

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