In den vergangenen Monaten hat sich auf dem Markt der Elektroautos viel getan. Nicht allein Hersteller aus China brachten eine Reihe neuer Stromer in die Verkaufsräume, auch die europäischen Marken präsentierten eine ganze Reihe von Neuerscheinungen. Einige waren Modellüberarbeitungen mit mehr oder weniger großen Neuerungen. Doch gerade die deutschen Anbieter machten Lust mit Produktaufwertungen und komplett neuen Modelle, die deren Vorgänger in den Schatten stellen und sogar höherpreisige Schwestermodelle unter Druck setzen.
Besonders groß ist der Schritt bei BMW. Der neue iX3, der mit der wenig überzeugenden Vorgängergeneration – als Hecktriebler allein für den chinesischen Markt gedacht – nichts mehr gemein hat. Das erste Fahrzeug der sogenannten Neuen Klasse bietet 800-Volt-Bordnetz, 400-kW-Schnellladung und Reichweiten von 800 Kilometern. So ist das Vorgängermodell aus den Jahrgängen 2021/2022 bereits für unter 30.000 Euro zu bekommen und somit fast ein Drittel günstiger als ein gut ausgestattetes Exemplar des Nachfolgers. Dafür gibt es 210 kW Antriebsleistung und eine solide Ausstattung. Die maximale Ladeleistung von 150 kW am Schnelllader reicht vielen Interessenten ebenso wie die Höchstgeschwindigkeit von 180 km/h.

Das elektrische Flaggschiff der Bayern hat vier Jahre nach der Modelleinführung ein Update bekommen – ohne dass sich die Technik gravierend änderte. Modelle aus 2023/2024 mit weniger als 30.000 Kilometern kosten derzeit im Handel etwas mehr als 72.000 Euro.
Der neue BMW iX3 kratzt allerdings auch an den Luxusmodellen BMW iX und XM, die beide keine Nachfolger bekommen werden. Auch sie werden auf dem Gebrauchtwagenmarkt massive Wertverluste hinnehmen müssen. Drei Jahre alte Exemplare des BMW iX mit Laufleistungen von weniger als 70.000 Kilometern sind derzeit im Handel schon für rund 38.000 Euro zu finden – für weniger als der Hälfte des einstigen Neuwagenpreises.
Auch das BMW-Topmodell i7 bekommt zum Sommer eine Modellüberarbeitung und drei bis fünf Jahre alte Exemplare des Luxus-Stromer dürften auf dem Markt der jungen Gebrauchtwagen damit wohl endgültig zum Schnäppchenpreis zu bekommen sein. Der Wertverfall von Elektroautos dieser Preiskategorie ist enorm. Und bei der Modellpflege des BMW i7 hat sich abgesehen von einem neuen Armaturenbrett technisch nichts Grundlegendes getan. Im Gegensatz zum Mercedes EQS behielt der Dingolfinger sein 400-Volt-Bordnetz und trotz neuer Akkutechnik stieg die Ladeleistung auf lediglich 250 kW an. Modelle aus 2023/2024 mit bisweilen weniger als 30.000 gefahrenen Kilometern kosten derzeit im Handel etwas mehr als 72.000 Euro. Dafür gibt es allen erdenklichen Luxus, bis zu 400 kW Antriebsleistung und höchsten Reisekomfort. Für den Nachfolger wird rund das Doppelte an Neupreis aufgerufen – ohne dass man einen echten Mehrwert erhält.
BMW i3 schlägt den i4 aus dem Feld
Der kommende BMW i3 ist das faktische Todesurteil für den sehenswerten BMW i4, der bisher eines der erfolgreichsten Elektromodelle der Bayern war. Mit seinem 400-Volt-Bordnetz und entsprechend mäßigen Ladegeschwindigkeiten hat der BMW i4 trotz seines gefälligen Designs ausgedient. Aktuell geht es bei 62.000 Euro für den 210 kW / 286 PS starken BMW i4 eDrive35 los. Günstige Modelle – bisweilen sogar mit dem stärkeren 250 kW/340 PS Triebwerk – kosten oftmals unter 30.000 Euro (drei Jahre alt, 100.000 km). Hier dürften die Preise gerade für junge Gebrauchte und neue BMW i4 schnell nach unten rutschen.

Der neue i3 wird der elektrischen Mittelklasse-Limousine massiv zusetzen. Schon jetzt lassen sich im Handel gebrauchte Exemplare des „Gran Coupés“ für um die 30.000 Euro finden. Neu kostet das Modell wenigstens das Doppelte. Foto: BMW
Beim direkten Wettbewerber Mercedes sieht es ganz ähnlich aus. Hier wird der elektrische Mercedes GLC EQ jedoch insbesondere die jungen Verbrenner und Versionen mit Plug-in-Hybridantrieb unter Druck setzen. Für einen Basispreis von 71.000 Euro gibt es beim GLC EQ viel Platz und neueste Lade- und Akkutechnik, was so manchen Fahrer eines Mercedes GLC ins Elektrolager drücken dürfte. Hier sind sinkende Preise gerade bei jungen Gebrauchten ebenso zu erwarten wie bei der Mercedes C-Klasse, die zum Sommer auf gleicher Plattform ebenfalls eine bis zu 360 kW/489 PS starke Elektroversion bekommt. Die elektrische C-Klasse dürfte auch große Probleme für den elektrischen Mercedes EQE bedeuten, der bisher ohnehin kein Erfolgsmodell war. Die neue C-Klasse kann mehr, bietet viele High-Tech und ein gefälligeres Aussehen.
Mercedes EQS ist schnell gealtert
Für den ohnehin alles andere als erfolgreiche Mercedes EQS wird es zukünftig noch schwerer. Zumindest auf dem Gebrauchtwagenmarkt, denn hier brachte die bereits zweite Überarbeitung endlich das wertvolle 800-Volt-Bordnetz, das ein Nachladen des Akkus auf Reisen deutlich beschleunigt. Mit dem neuen 122-kWh-Batteriepaket sind beim 300 kW / 408 PS starken Mercedes EQS 450+ nunmehr rund 900 Kilometer bis zum nächsten Ladestopp drin. Bereits jetzt gibt es drei Jahre alte Fahrzeuge des Typs – mit 400-Volt-Bordnetz und Laufleistungen deutlich unter 100.000 Kilometern – schon für weniger als 50.000 Euro, also rund 60 Prozent unter dem einstigen Neupreis.

Die erste Generation kam 2021mit 400-Volt-Bordnetz und einer maximalen Ladeleistung von 207 kW daher. Die aktuelle Generation lädt dank 800-Volt-Architektur deutlich schneller. Drei Jahre alte Exemplare gibt es schon für rund 50.000 Euro. Foto: Mercedes
Volkswagen ist gerade sehr stolz auf seinen neuen ID. Polo. Die Preise mit dem allzu kleinen 37-kWh-Batterie beginnen bei rund 25.000 Euro. Reale Modelle mit großem Batteriepaket sind jedoch über 30.000 Euro teuer und dürften damit nennenswerte Auswirkungen auf den klassenhöheren VW ID.3 haben. Zwar wurde auch der kürzlich mit dem ID.3 Neo ein weiteres Mal überarbeitet. Doch auch wenn das Design nun nicht mehr so polarisiert wie bei der Markteinführung Ende 2019 und der Innenraum an Wertigkeit und Bedienerfreundlichkeit gewonnen hat, dürfte der etwas kleinere ID. Polo für viele Interessenten die bessere Wahl sein. Er bietet kaum weniger Nutzen, ist nochmals gefälliger und das modernere Fahrzeug. Gute Zeiten also für potenzielle Käufer eines gebrauchten ID.3 beim VW-Händler.
Audi hat seinen Q4 e-tron kürzlich ebenfalls überarbeitet, aber nur sehr dezent. Das Fahrzeug erhielt eine neue Frontmaske und ein schickeres Cockpit. Zudem wurde durch eine neue Leistungselektronik, einen neuen Elektromotor an der Hinterachse sowie ein neues Getriebe die Reichweite um rund 30 Kilometer angehoben. Das dürfte den Restwert vieler Leasing-Rückläufer nochmals reduzieren. Aktuell werden Fahrzeuge der Modelljahre 2022/2023 mit weniger als 50.000 Kilometern auf dem Tacho in der 35er-Version (mit 125 kW Antriebsleistung) oder als 204 PS starker Q4 e-tron 40 auf einschlägigen Internet-Plattformen zu Preisen zwischen 20.000 und 25.000 Euro angeboten.
Die hohen Wertverluste belegen auch eine unserer Grundthese: Elektroautos kauft man nicht – man least sie, um den hohen Wertverlusten aufgrund der kurzen Innovationszyklen bei der Antriebstechnik aus dem Weg zu gehen.
Die Idee, zu leasen klingt gut. Ich habe meine Elektroautos seit 2019 immer gekauft und durchweg gute Erfahrungen beim Wiederverkauf gemacht.